Köln – Gentleman, Ihr neues Album heißt „New Day Dawn“, also Dämmerung eines neuen Tages. Herrscht bei Ihnen Aufbruchsstimmung?Gentleman Ich habe einfach das Gefühl, es liegt etwas in der Luft. Ich bin diese depressive Stimmung leid. Aufbruch kann ja auch ein Perspektivwechsel sein. Ich lerne gerade wieder, die einfachen Dinge zu schätzen – im Forstbotanischen Garten an den Magnolien vorbeizulaufen, die gerade blühen, das ist Aufbruchsstimmung.
Mit Ihnen verbindet man den Aufbruch nach Jamaika. Warum ist es wichtig, loszuziehen in die Welt?Gentleman Man bekommt eine andere Objektivität, lernt Sachen zu schätzen, die man vorher nicht zu schätzen wusste. Ich habe auf Jamaika gelernt, dass Musik mehr ist als Entertainment, und dass es eben oft die einfachen Sachen sind, die einen Unterschied machen – das Miteinander, dieses Spontane, Intuitive. Und ich habe die Weisheit von Menschen erlebt, die nie auf eine Schule gehen konnten, aber eine unglaubliche Menschenkenntnis haben.
Sie sprechen oft über Ihren Glauben.Gentleman Das ist eigentlich mehr ein Wissen als ein Glauben. Für mich liegt das Göttliche in den einfachen Dingen: einen Song zu hören und eine Gänsehaut zu bekommen, das Wachsen meines Sohnes. Wir verlieren nur in unserem rasanten Dasein den Blick dafür. Es geht eher um Wachheit als um intellektuelles Kopfkino.
PrivatGentleman, bürgerlich: Tilmann Otto, wurde 1974 in Osnabrück geboren. Er wuchs in Köln auf, wo er bis heute lebt.
KarriereMit 17 besuchte Gentleman das erste Mal Jamaika. Heute gilt er als einer der wenigen deutschen Musiker, die in der Heimat des Reggae Erfolg haben. In Deutschland begann seine Karriere 1998 mit der Single „Tabula Rasa“ (zusammen mit Freundeskreis). Weitere Charterfolge waren z.B. „Dem Gone“ (2002) und „To the Top“ (2010).
AktuellGerade erschien die Single „You remember“, am 19. 4. folgt das neue Album „New Day Dawn“.
Spiritualität statt Amtskirche? Gentleman Ich bin ja Pastorensohn, aber ich habe Gott in der Kirche nicht gefunden. Da war es immer kalt, wir mussten auf harten Bänken knien, ich bin oft umgefallen, weil ich nicht so lange stehen konnte, wir durften nicht lachen – das war kein Ort, an dem ich mich wohlgefühlt habe. Aber das ist meine persönliche Erfahrung.
Sie haben selbst einen zwölfjährigen Sohn. Wohin sollte er mal aufbrechen?Gentleman Er steht jetzt kurz vor dem Aufbruch in die Pubertät, und ich wünsche mir natürlich, dass er sich zurechtfindet in der Welt. Die ist ja viel komplexer geworden: Früher gab es zwei Fernsehprogramme, heute wird selbst das Fußballtraining über Facebook ausgemacht. Diese Smartphones, auf denen mit zwei Klicks die grausamsten Sachen zu sehen sind, das macht einem als Vater Angst. Und ein gutes Beispiel vorzuleben ist eine Herausforderung, wenn man wie ich 150 Tage im Jahr unterwegs ist. Aber ich glaube, es kommt darauf an, wie intensiv man mit seinen Kindern Zeit verbringt.
Welche Art von Aufbruch würden Sie sich wünschen – gesellschaftlich gesehen?Gentleman Ich wünsche mir eigentlich eher eine Verlangsamung. Dass wir wieder Schildkröten werden – ich finde alles so unglaublich schnell. Aber wie gesagt, ich bin gerade sehr positiv eingestellt. Ich glaube, es gibt gute Strömungen, Leute, die sich gegen den Turbokapitalismus auflehnen. Da spüre ich einen Aufbruch.
Braucht so ein Aufbruch einen Auslöser?Gentleman Ja. Die Freiheit fängt da an, wo die Sehnsucht stärker wird als die Vernunft. Wo Menschen merken, es gibt viel mehr, uns wird etwas vorenthalten. Das ist die positive Seite der digitalen Medien. Die Herausforderung ist eben, die Informationen richtig zu filtern, und ich glaube, das geht nur auf der Basis von realen Erfahrungen. Von den digitalen Medien wird jeder genau für sein Milieu gefüttert, so dass er das Gefühl hat, das sei die einzig wahre Welt.
Das Gespräch führte Silke Offergeld
