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„Ghost Stories“Ein Buch als Notwendigkeit, nicht als Entscheidung

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Eine Frau lächelt in die Kamera.

Hat einen Trauer-, Gedächtnis- und Liebes-Roman veröffentlicht: Siri Hustvedt

Siri Hustvedt verarbeitet in „Ghost Stories“ die Trauer um ihren verstorbenen Ehemann Paul Auster. Der Bestseller-Check.

„Wir hatten so viel Spaß.“ Es sind die letzten Worte, die Siri Hustvedt ihrem Mann Paul Auster mit auf den Weg gibt, mit dem sie 43 Jahre Seite an Seite gelebt und gearbeitet hat. Er wolle ein Geist werden, sagt er zu ihr. Und das ist er für Siri Hustvedt geworden: immerzu spürbar, schmerzlich und tröstlich zugleich. Sie trägt seine Jacke, sie meint, seine Zigarillos im Haus zu riechen, sie hörte das Klappern seiner Schreibmaschine. „Als dieses Geräusch verstummte, war es für mich ein sensorischer Verlust. Ich glaube, dass wir diese Lücken schließen. Unser Wahrnehmungssystem schafft sich seine eigene Wirklichkeit“, sagt Siri Hustvedt in einem Interview.

Sie vermisst seine Schritte auf der Treppe, liest seine Bücher von Neuem. Und zum ersten Mal seit langer Zeit liest sie ihre eigenen Liebesbriefe, vom Beginn einer gemeinsamen Geschichte. Das ist manchmal irritierend, man ist oft erstaunt, auch erschüttert und dann wieder überrascht über die Offenheit, mit der Siri Hustvedt über ihre Trauer und den Verlust schreibt. „Ghost Stories“, zurzeit auf Platz neun der Spiegel-Bestsellerliste, ist sehr intim, aber nie grenzüberschreitend, seltsam berührend und tröstlich zugleich. Paul Auster starb im April 2024 an einer Krebserkrankung.

Von der Großzügigkeit eines sterbenden Mannes

Es gibt keine Empfehlung, ob es klug ist, sich den parallel entstandenen Dokumentarfilm „Dance Around The Self“ über Siri Hustvedt anzuschauen, der seit ein paar Wochen in den Kinos läuft, bevor man das Buch aufschlägt. Oder ob man sich besser ohne dieses Wissen auf „Ghost Stories“ einlassen sollte. Dieses Buch sei keine Entscheidung gewesen, sondern eine Notwendigkeit, sagt Hustvedt: „Zwei Nächte vor seinem Tod, in der letzten Nacht, die wir zusammen im Bett verbracht und miteinander gesprochen haben, streichelte er lange meinen Arm und sagte: ‚Schreib weiter, arbeite weiter, lass dich nicht von meinem Tod aufhalten, okay?‘ Ich meine, stellen Sie sich diese Großzügigkeit eines sterbenden Mannes vor, der so etwas sagt. Das bewegt mich zutiefst, und ich werde das bis zu meinem eigenen Tod mit mir tragen.“

„Ghost Stories“ sind keine Memoiren. Sie sind eine Mischung aus Trauer, Gedächtnis und Liebeserklärungen und enthalten unerwartete Passagen, wie die sieben Briefe, die Paul Auster zum Teil unter großen Mühen an seinen Enkel Miles schreibt, der vier Monate vor seinem Tod zur Welt gekommen ist und die er lesen soll, wenn er 15 ist. In diesen Briefen hinterlässt der Großvater dem Enkel die Familiengeschichte. Auch deren dunkle Seiten bleiben nicht ausgespart.

Was Siri Hustvedt schreibt, ist ein „Buch der Erinnerungen“. Es enthält Liebesbriefe an Paul Auster aus ihrer Studentinnen-Zeit, E-Mails, in denen sie den Freundeskreis über Austers Krebserkrankung informiert, Arztbesuche und Diagnosen, Hoffnungsschimmer und niederschmetternde Nachrichten. Bis hin zu Tagebucheinträgen, in denen sie die letzten Tage mit Paul in ihrem Haus in Brooklyn festhält. Dort, wo sie heute noch lebt. Ein Buch, das von Trauer und Verlust handelt, aber voller Wärme und Liebe steckt. Absolut lesenswert.


Siri Hustvedt: „Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung“, Übersetzung: Uli Aumüller und Grete Osterwald, Rowohlt, 400 Seiten, Hardcover: 25 Euro, E-Book: 21,99 Euro.