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Skandal-AutorAls Michel Houellebecq in der Kölner Kantine sang

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28.04.2015, Spanien, Barcelona: Der französische Autor Michel Houellebecq raucht bei der Präsentation seines Buches «Unterwerfung» eine Zigarette.

Viel Rauch um so Einiges: Michel Houellebecq

Am 26. Februar feiert der französische Schriftsteller seinen 70. Geburtstag. Aktuell schämt er sich für einen Pornofilm.

Es ist Ende Oktober, ein wolkenverhangener Herbsttag. In der Kantine, der alten Kantine, dort, wo heute die angeblich autofreie Siedlung von Kölns Kleinfamilienviertel Nippes steht, schlurft Michel Houellebecq zur psychedelischen Beatmusik seiner Begleitband AS Dragon über die bunt beleuchtete Bühne. So, als wüsste er nicht recht, wohin mit seinen Serge-Gainsbourg-Träumen.

Houellebecq nestelt am Kragen seines hellblauen T-Shirts, führt die zwischen den Kuppen von Mittel- und Ringfinger gehaltene Zigarette zum zusammengekniffenen Mund und haucht, wenn er gerade nicht raucht, seine syphilitischen, aber durchaus druckvollen Abgesänge an die Menschheit ins Mikrofon: „Unsere zu weiten Kleider verbergen graues Fleisch“, raunt der Prophet von der traurigen Gestalt, und zwischen den Falten verstecke sich noch eine kleine, halb verdammte Seele. Doch „bald werden die Menschen die Welt fliehen“ und „dann wird sich der Dialog der Maschinen etablieren“.

Houellebecqs dunkle Prophezeiungen sind eingetreten

Ein Vierteljahrhundert nach dieser Szene, wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag am 26. Februar, wird Michel Houellebecq ein zweites Album mit Musik veröffentlichen, auf das damals in Köln vorgestellte „Présence humaine“ („Menschliche Präsenz“) folgt nun „Souvenez-vous de l’homme“ („Erinnere dich an den Menschen“).

Die Aufforderung zur Rückschau macht Sinn: Seine dunklen Prophezeiungen sind eingetreten, so gut wie jede liberale Gewissheit der Nachkriegszeit wurde im neuen Jahrtausend erschüttert, von Demokratie spricht man nurmehr mit melancholischem Unterton, und das graue Fleisch der überalterten Europäer dient bestenfalls noch dazu, Matrix-gemäß die Datenreservoire künstlicher Intelligenzen zu füllen.

Bald werden die Menschen die Welt fliehen, dann wird sich der Dialog der Maschinen etablieren.
Michel Houellebecq

Oder übertreiben wir hier maßlos? Houellebecq lesen, angefangen mit seinem ersten, noch schmalen Roman „Ausweitung der Kampfzone“ von 1994, das heißt, die rote Pille schlucken, heißt, an den unabwendbaren Untergang des Abendlandes und an die schlechteste aller möglichen Welten zu glauben, wie ein Anti-Candide. Eine Welt nämlich, die fast ausschließlich aus Verlierern der Aufklärung besteht. Jenen, denen das Geld oder das Selbstvertrauen fehlt, von der sexuellen Befreiung zu profitieren. Jenen, denen die Globalisierung noch die letzte Nische raubt.

Erstaunlich nur, wie viele von Houellebecqs Katastrophenszenarien eingetreten sind, oft schon kurz nach Erscheinen des betreffenden Romans. In der „Kampfzone“ hatte er die Incel-Bewegung vorausgeahnt, in „Plattform“ die Terroranschläge des 11. September, in „Serotonin“ die Gelbwesten-Proteste.

Selbst in einem Asterix-Band wurde Houellebecq verewigt

An dem Tag, als sein Roman „Unterwerfung“ in Frankreich erscheint, stürmen in Paris zwei islamistische Terroristen die Redaktionsräume des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, ermorden elf Menschen, darunter Freunde des Autors, seine Karikatur zierte das Titelblatt der aktuellen Ausgabe.

Dass die in „Unterwerfung“ herbeifantasierte Kapitulation des christlichen Europas vor dem Islam bis dato nur als rassistische Verschwörungsideologie existiert, geschenkt. Houellebecqs Image als hellgesichtiger Misanthrop verkauft Bücher, hat den selbsterklärten Außenseiter zum Volksschriftsteller gemacht. Welcher andere zeitgenössische Autor kann sich rühmen, in einem Asterix-Band – als verschlagener Kartograph Julius Cäsars – verewigt worden zu sein? Nein, an diesem Ruf soll nicht gerüttelt werden, beim Glimmstängel des Propheten!

Dabei zeigen doch gerade seine Irrtümer, was für ein guter Romancier er ist. Seine Interviewaussagen, Essays, Leitartikel atmeten dagegen von jeher den schalen Tabakgeruch des Stammtisches. Houellebecq schimpfte auf die Politiker, auf die EU, auf die Einwanderer aus den muslimischen Ländern, erklärte die Moderne, die Aufklärung, die Renaissance, selbst die Gotik, für Irrwege ins Unglück, und tendiert, seitdem der Zeitgeist seinen reaktionären Tendenzen weitgehend gefolgt ist und sich die Kampfzone seiner Texte dementsprechend verengt hat, zunehmend zur rechtsextremen Sottise. Für die braucht man jedoch keine Literaten.

Ob er deshalb mit – wenn auch unbewusster – Absicht ein solches Eigentor geschossen hat, wie den angeblichen Pornofilm, dessen Veröffentlichung er vergeblich zu verhindern suchte? Als „das Dümmste, was ich je in meinem Leben getan habe“, bezeichnete der Beschämte den – aber wer, wenn nicht er, wüsste um die Lust an der Selbstdemütigung, um den Stolz des Underdogs? Zeitgleich mit dem neuen Album soll auch ein neuer Gedichtband erscheinen. Sein Titel: „Der stets verlorene Kampf“.