Abo

Forschungskolleg in Köln vor dem Aus?Sorge um das Grimme-Institut – Fernsehprominenz warnt vor Kahlschlag

Lesezeit 4 Minuten
Mehrere Trophäen zum Grimme-Preis stehen auf dem Boden der Werkstatt von Juwelier Brinkforth.

Vor allem für den Grimme-Preis ist das Marler Grimme-Institut bekannt.

Das Grimme-Institut steckt in finanziellen Schwierigkeiten, die Angst vor Kündigungen geht um. Aber sieht es wirklich so düster aus?

Es ist noch nicht einmal zwei Wochen her, da sagte Frauke Gerlach, die Direktorin des Marler Grimme-Instituts, in einem großen Interview in „epd Medien“, sie könne sich eine weitere Amtszeit vorstellen. Doch innerhalb weniger Tage ist offenbar so viel passiert, dass nun alles danach aussieht, dass die Direktorin im Frühjahr, wenn ihr Vertrag ausläuft, gehen wird. Zwar will das Institut diese Nachricht auf Anfrage nicht bestätigen, aber sowohl aus der Mitarbeiterschaft, als auch aus dem Umfeld ist zu hören, dass die promovierte Juristin vor der Belegschaft ihren Rückzug angekündigt hat.

Es ist eine Krise, die sich seit längerer Zeit angekündigt hat und die nun, ausgerechnet rund um die Feier zum 50-jährigen Bestehen des Instituts am 13. November, eskaliert ist. Bei dem Festakt im Landtag sagte NRW-Medienminister Nathanael Liminski (CDU), Grimme sei „ein Gütesiegel“ für die Qualität von Medienangeboten. Unsere moderne, „digitalbeschleunigte“ Gesellschaft brauche solche Orientierung mehr denn je. Warme Worte, aber hinter den Kulissen ist die Stimmung eher frostig.

Für 2024 wird ein Defizit in Höhe von 430.000 Euro erwartet

Es geht ums Geld. Bei einem Etat von rund drei Millionen Euro fehlen dem Institut in diesem Jahr 320.000 Euro, die das Land NRW ausgleicht. Für 2024 wird sogar ein Defizit in Höhe von 430.000 Euro erwartet. Gesellschafter des Instituts sind neben dem Land als größter Geldgeber die Stadt Marl, die Film- und Medienstiftung NRW, die Landesanstalt für Medien NRW, der Deutsche Volkshochschulverband sowie die beiden öffentlich-rechtlichen Sender WDR und ZDF. 

In Finanzprobleme ist das vergleichsweise kleine Institut laut der Direktorin unter anderem durch höhere Tarifabschlüsse, „explodierte“ Veranstaltungs- und deutlich höhere Energiekosten für den Marler Institutssitz geraten. Gerlach sagte im „epd Medien“-Interview, sie habe als Geschäftsführerin keine Einsparpotenziale mehr: „Egal, wovon wir uns trennen, die Kosten bleiben gleich.“

Doch es muss gespart werden. Und die Sorge ist groß, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen müssen. Das Institut hat aktuell 21 Vollzeitstellen. Nun machen Gerüchte die Runde, es könnte ein Drittel der Stellen abgebaut werden. Das Gespenst „betriebsbedingte Kündigungen“ geht um.

Verunsichert und enttäuscht - so beschreiben Mitarbeitende des Marler Instituts ihre momentane Gefühlslage. Auch weil ihr Haus bei der Jubiläumsfeier noch ausufernd gelobt wurde, und sie dann in den darauffolgenden Tagen von der Neuigkeit überrumpelt wurden.

Bestätigt ist diese Zahl allerdings nicht, vermutlich wird es weniger dramatisch kommen. Die Gespräche bei der Sitzung des Aufsichtsrats und der Gesellschafter am Mittwoch seien konstruktiv verlaufen, war im Anschluss zu vernehmen. Vermutlich wird es möglich sein, Arbeitsplätze sozialverträglich abzubauen. Eine offizielle Stellungnahme der Gesellschafter gab es am frühen Mittwochabend aber noch nicht. Bei einer weiteren Sitzung Mitte Dezember sollen dann konkrete Pläne vorgelegt werden, wie das Geld eingespart werden kann. 

Prominente fordern in einem Brief den Erhalt der Grimme-Preise

Das Grimme-Institut war 1973 vom Deutschen Volkshochschul-Verband (DVV) gegründet worden. Es verleiht alljährlich die in der Fernsehbranche begehrten Grimme-Preise für vorbildliches Fernsehen und den Grimme-Online-Award für Qualitätsangebote im Internet und betreibt daneben Medienbildung und Forschung.

Gerade der Grimme-Preis hat in der Branche einen hohen Stellenwert. Und daher ist dort auch die Sorge groß, dass dieser in Gefahr sein könnte. In einem offenen Brief warnten in dieser Woche prominente TV-Persönlichkeiten vor Kürzungen und fordern von den Gesellschaftern eine adäquate Finanzausstattung des Instituts.

„Mit größter Sorge haben wir von der wirtschaftlichen Situation des Grimme-Instituts und den von Ihnen geplanten Personalkürzungen erfahren“, heißt es darin. Der Preis sei Gradmesser für qualitativ hochwertige Medieninhalte. „Diese traditionsreiche Medieninstanz muss geschützt werden und daher appellieren wir an Sie, für eine langfristige adäquate finanzielle Ausstattung des Grimme-Instituts und seiner Preise zu sorgen.“ Unterzeichnet haben Schauspielerinnen, Moderatoren und TV-Schaffende wie Annette Frier, Dominik Graf, Hannes Jaenicke, Maren Kroymann, Carolin Kebekus, Anke Engelke, Joko Winterscheid, Klaas Heufer-Umlauf, Charly Hübner und Veronica Ferres.

Auch rund 40 Mitglieder der Jurys und der Nominierungskommissionen für den Grimme-Preis hatten zuvor in einem Brief ihre Sorge zum Ausdruck gebracht und eine adäquate finanzielle Ausstattung gefordert. 

Um die Preise muss man sich aber wohl die wenigsten Sorgen machen. Sie sind das unangefochtene Aushängeschild des Grimme-Instituts, das sich ansonsten oft schwertut, in die öffentlichen Debatte Impulse zu setzen. Wer diese abschaffen wollte, könnte auch gleich das Institut schließen. Aber die Bereiche Bildung und Forschung werden vermutlich geschlossen. Das dürfte auch das Aus für das an der Universität zu Köln angesiedelte Grimme-Forschungskolleg bedeuten.  

Es herrscht viel Unsicherheit zurzeit in Marl, der Feierstimmung zum runden Geburtstag ist ein Kater gefolgt. Es wird sich noch zeigen, wie schlimm dieser ausfällt.


Die Autorin ist Mitglied der Jury „Information und Kultur“ des Grimme-Preises.

KStA abonnieren