Bereits drei Stunden vor Beginn der Fernsehübertragung des 70. Deutschen Filmpreises stellte Schauspieler Burghart Klaußner die erste kritische Frage im Internet: „Nicht einmal in dieser Situation wird eine Primetime-Aussendung erwogen?“
Auch in Zeiten höchster Not für die gesamte deutsche Filmbranche schiebt man die Verleihung des Filmpreises Richtung Bettruhe ab? Schade. Als wären nicht auch ARD und ZDF selbst Leidtragende des Produktionsstopps. Lieber Kopf hoch und Flagge zeigen für die Erhaltung der Kinolandschaft!“
Klaußner ist eines von rund 2000 Mitgliedern der Deutschen Filmakademie, die jährlich die Lola vergeben, den mit drei Millionen Euro höchstdotierten deutschen Kulturpreis. Zudem ist er Mitglied des Vorstands und erhielt die Auszeichnung schon selbst. Mit aller Wahrscheinlichkeit dürfte er sich die zweieinhalbstündige Preisverleihung angeschaut haben, aber ob er sich danach immer noch eine Primetime-Präsenz gewünscht hätte?
Schon seit 2013 gibt es für den Deutschen Filmpreis keinen Sendeplatz mehr im Ersten vor 22 Uhr, wie also hätte er ihn ausgerechnet in Corona-Zeiten ergattern können? Bislang gab sich die Branchen-Gala stets festlich glamourös und lustvoll extrovertiert.
Produziert von der Deutschen Filmakademie, durchgeführt in Zusammenarbeit mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), war und ist die Veranstaltung quasi staatstragend. So war es eine bedeutsame und mutige Entscheidung aller Beteiligten, die Verleihung „trotz allem“ wieder auszustrahlen – als neues Format, ohne Publikum, live, aber umarmungsfrei. Gesendet wurde aus einer großen, abgedunkelten Studiohalle, die Regisseurin Sherry Hormann mit diversen Monitoren füllte, über die Laudatoren und Nominierte aus dem Home-Office zugeschaltet wurden. Als einziger Moderator führte der junge Schauspieler Edin Hasanovic durch den virtuellen Bilderreigen: ein herkulischer Kraftakt.
Zahlenmäßig wurden die Anstrengungen nicht honoriert. Gerade mal eine halbe Million Menschen verfolgten die Sendung in der Nacht vom Freitag auf Samstag, der Marktanteil lag bei drei Prozent. Eine ernüchternde Zahl, steht doch für die Filmbranche derzeit viel auf dem Spiel: Kinos mussten schließen, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, Filmstarts wurden verschoben, Dreharbeiten unterbrochen oder verlegt. In dieser prekären Lage wäre ein eindringliches und vitales Signal, das die Menschen erreicht, geradezu existenziell.
Der Appell kam am deutlichsten von Akademie-Präsident Ulrich Matthes, der mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Preise in der Kategorie „Bester Spielfilm“ verkündete. Man habe dem Fernsehpublikum ein bisschen Freude bringen, ihm vor allem aber zurufen wollen: „Das Kino soll leben! Liebe Leute, vergesst die Kultur nicht, die Künste, sie sind Lebensmittel.“ Da aber war die Übertragung fast schon am Ende. Nur noch die drei Hauptpreise waren zu vergeben, sie gingen an „Es gilt das gesprochene Wort“ von Ilker Çatak (Lola in Bronze), „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani (Lola in Silber) und „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt (Lola in Gold). Insgesamt gingen acht Lolas an „Systemsprenger“, neben den Kategorien bester Film und weibliche Hauptrolle auch für Drehbuch, beste Regie, weibliche Nebenrolle, Tongestaltung, Schnitt und besten Hauptdarsteller. Albrecht Schuch wurde zudem noch als bester Nebendarsteller in „Berlin Alexanderplatz“ geehrt (der Film errang fünf Preise). Jede Auszeichnung war verdient. Selten erlebt man wie bei „Systemsprenger“ Kino so intensiv und hautnah, als würde es einen verändern. Insofern ist er der adäquate Film zur jetzigen Zeit, weil er intensiv vor Augen führt: Es gibt keine Sicherheit. Nicht nur in den letzten 20 Minuten, wenn Realität und Traum, Wunsch- und Wahnwelt untrennbar ineinanderfließen, unterläuft Nora Fingscheidt jedes (selbst-)sichere, kontrollierte Erzählen und verweigert eine schnelle Antwort auf die entscheidende Frage: Wofür lebe ich?
An diesem TV-Abend wurde dies freilich weder sicht- noch spürbar. Auch die Meriten der übrigen ausgezeichneten oder nominierten deutschen Kinofilme wurden in der aufgekratzten, fehleranfälligen Hektik des neuen Formats kaum nachvollziehbar. Dass deutsche Filme eine relevante Kulturware sind: Man will es nur zu gerne weiterhin glauben, die neue Show indes trug kaum dazu bei. Edin Hasanovic gelang ein furioses Entrée, indem er sich virtuos zwischen den Bewegtbildern wunderschöner deutscher Tanzszenen bewegte, damit aber die Latte so hoch legte, dass er danach oft nur drunter her hüpfte. „Wow, ach, das haut mich um, feiert euch, freut euch, explodiert! Lasst es raus!“, waren seine meistgebrauchten Worte, und im Lob auf Albrecht Schuch wurde es besonders schlimm: „Ein geiler Typ! Du geile Sau, fuck, wie geil.“
Aber wie sollte überhaupt jemand die Aufgabe meistern, ein Unterhaltungsfernsehen neu zu erfinden, dem es schon vor den Zeiten von Social Distancing an Esprit und Eleganz mangelte? Auch dem Deutschen Filmpreis fehlte dafür schlicht das angemessen anarchistische Konzept mit klugem Mehrwert. Dafür hätte man wohl auch (selbst-) kritischer sein müssen: Schon immer sah sich die Filmpreis-Gala als massentaugliches Unterhaltungsformat, kopierte die Oscar-Vorgaben ebenso wie die Gebräuche des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die aber ohne Publikum wirken, als hätte man den Stecker herausgezogen.
Nur zu gerne will man dem diesjährigen Ehrenpreisträger Edgar Reitz glauben, der in seiner Dankesrede Mut machte und sich wünschte, dass sich das Kino nach Corona neu erfindet. Dabei ist es weniger das Kino als das Fernsehen, das Burghart Klaußner zuhören sollte: „Kopf hoch und Flagge zeigen für die Erhaltung der Kinolandschaft!“
Foto: dpa
Schauspieler
Burghart Klaußner
Akademie-Präsident
Ulrich Matthes
