Die Kölner Sängerin Tamara Lukasheva singt auf ihrem neuen Album Rainer Maria Rilke – und schuf ein bewegendes Tongedicht.
Tamara Lukasheva vertont Rilke-GedichteDer Himmel über, der Himmel in uns

Die Kölner Sängerin Tamara Lukasheva
Copyright: Harald Hoffmann
Vor 120 Jahren entdeckte die europäische Bohème die Mittelmeerinsel Capri und machte sie zum mondänen Treffpunkt für Intellektuelle, Lebensreformer und Künstler. Unter ihnen war der Dichter Rainer Maria Rilke, der in den stillen Dezembern der Jahre 1906 und 1907 für das, was er sah, nach einer Sprache und einem Klang suchte. Wobei seine „Improvisationen aus dem Capreser Winter“ alles andere als eine touristische Schwärmerei sind: In seinem Gedichtzyklus wird die Landschaft zur Seelenland, zur Suche nach Erkenntnis, Trost und Hoffnung: „Mein Dunkel, mein Dunkel, da steh’ ich mit dir, und alles geht draußen vorbei.“
Nun hat sich Tamara Lukasheva der Capreser Wintergedanken angenommen und sie für ihr neues, live eingespieltes Konzeptalbum vertont. Die in der Ukraine geborene, seit Langem in Köln lebende Sängerin verwandelt Passagen des Zyklus’ in ein kunstvolles Tongedicht, nicht weniger fragend, aber auch bewundernd: „Ich habe das Gefühl, dass Rilke über diese Mächte, Kräfte und Unendlichkeit staunt. Dieser Himmel über und in uns – wo ist der nicht?“ Mit „Rilke vertont. Solo“ schuf sie, sich selbst auf dem Klavier begleitend, ein Kunstwerk von außerordentlicher Schönheit. Sie trägt Rilkes Lyrik nicht einfach nur vor, sie schmeckt deren Klang, erspürt deren (Ein-)Dringlichkeit und macht sie einem mit jedem Wort und jedem Klang neu bewusst.
Krieg, Zerstörung und Heimatverlust
Immer mal wieder klingt auch Jazz an. Variationsreich setzt die Improvisationskünstlerin ihre klare Stimme ein, lässt sie mal zart und fragil, dann wieder klangmächtig insistierend wirken. Mitunter wiederholt sie Rilkes Verse, um deren Bedeutung hervorzuheben, mal schiebt sie gedankenvoll, nie aber gedankenverloren Klavierpassagen ein, ergänzt sie mit freiem Gesang ohne Worte oder wechselt zu musikfreier Rezitation. Die Art, wie Rilke mit Worten komponierte, sei wie eine Improvisation: „Gedanken und Stimmungen fließen ineinander über, mit viel Gespür für Spontaneität. Oft wiederholt Rilke die Worte, als ob er sucht, das ist so, wie wir es auch in der Improvisation machen.“
Unweigerlich stellt Tamara Lukasheva Rilkes Gedanken auch in einen Zusammenhang mit ihren Wurzeln, mit Krieg, Zerstörung und Heimatverlust. Tatsächlich könnte ihr Rilke manche Zeilen förmlich auf den Leib geschrieben haben: „Und ich wollte, mir wüchse, wie einem Tier, eine Stimme, ein einziger Schrei für alles …“ Diese emotionale Nähe zu Rilke stellt sie nicht in Abrede: „Man sollte das schon zulassen, wenn einem die Dinge passieren. Was will man sonst erzählen? Was kann man erzählen, wenn man es nicht selbst erlebt hat?“
Je persönlicher, desto besser
Für die Sängerin, die sich ausführlich mit der Phänomenologie der Wahrnehmung auseinandergesetzt hat, ist ein Schaffensprozess in erster Linie eine Annäherung: „Ich bin nicht die Schöpferin dessen, was ich tue. Vielmehr öffne ich mich, beobachte und versuche, etwas bereits Vorhandenes zu entziffern und es zu übersetzen. Dabei spielt Subjektivität eine extreme Rolle: Jeder nimmt die Dinge auf seine eigene, hochgradig individuelle Art wahr.“ Zugleich habe sich durch Rilke ihr Prozess des Schreibens und Vertonens grundlegend verändert: „Ich hatte weit weniger Angst davor, persönlich zu werden. Je persönlicher und authentischer ich werde, desto mehr Menschen können sich hoffentlich damit identifizieren. Als ich das verstanden hatte, fielen Angst und Druck von mir ab. Ich brauche keine Schutzwände mehr. Ich muss mich nicht davor schützen, dass jemand in meine Seele schaut.“
Zum Ende des Albums ändert die Sängerin dann die Blickrichtung. Sie verlässt die Capreser Improvisationen und wendet sich mit Zeilen aus Rilkes Duineser Elegien unmittelbar an uns Zuhörende: „Und wir: Zuschauer, immer, überall, dem allen zugewandt und nie hinaus! Uns überfüllt’s. Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“ Spätestens hier offenbart sich Rilkes bedrängende Gegenwärtigkeit. Tamara Luksheva: „Wir sind Zuschauer einer Welt, die uns unaufhörlich mit Eindrücken überflutet. Der Versuch, Ordnung zu schaffen, bleibt vorläufig – alles gerät erneut ins Wanken, und mit ihm wir selbst.“
Schon auf ihrem ersten Soloalbum „Gleichung“ (2021) hatte sie sich mit Rilke beschäftigt und mit seinen Worten gefragt: „Ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang?“ Auf die Frage, ob sie heute darauf antworten könne, sagt sie lächelnd: „Einen Falken möchte ich zumindest nicht ausschließen.“ Den großen Gesang dazu bietet sie allemal.
Tamara Lukasheva: Rilke vertont. Solo. Wolf hunter Music, via tamaralukasheva.de. Thematisch ganz anders ist Tamara Lukasheva am 28.6. zu erleben: Beim Summer Klaeng Festival im Odonien singt sie mit Luise Volkmann & Été Large.
