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The Notwist in KölnUnablässiger musikalischer Rausch

3 min
Markus Acher im Carlswerk Victoria

Markus Acher im Carlswerk Victoria 

Im Kölner Carlswerk Victoria zeigte die Band ihre enorme musikalische Vielseitigkeit.

Es beginnt ganz schüchern. Seufzend windet sich nur ein Gitarrenarpeggio durch den Raum. Auch das Schlagzeug hält sich zurück. Es trommelt nur schwermütig den Takt, während Markus Acher von existenzieller Verworrenheit singt: Vom Beschluss, den Verstand nicht zu verlieren und von Räumen, aus denen er eingepfercht den Ausgang sucht.

Gegründet wurde The Notwist 1989 als Hardcore-Punkband. Davon merkt man erst einmal nichts, wenn Acher im Carlswerk Victoria ans Mikrofon tritt. Doch die Band, die auf „Teeth“ nur langsam anläuft, entwickelt sich schnell zu einer achtköpfigen Maschine, die sich nicht so leicht wieder abschalten lässt.

In wallender Intensität flammen sie immer wieder auf, in ekstatsischem Wirrwar, in kreischender Punkhysterie oder tieftraurigem, elektronischen Geratter. Aus dem ergreifenden „Pick Up The Phone“ etwa, einem indieelektronischen Stück über verzweifelte Einsamkeit, entwickelt sich live ein gewaltiger Sturm aus Krach und Verzerrung, in dem jede Trauer erst einmal untergeht, bis sie sich in völligem Chaos schließlich auflöst.

Unablässiger musikalischer Rausch

Zeit, diese aufwühlenden Momenten zu verarbeiten, bleibt den Zuschauern kaum. Denn The Notwist macht in zwei Stunden nicht eine Pause, und lässt sich nicht einmal Zeit für eine Ansage. Ihre Songs gehen in einem unablässigen musikalischen Rausch fließend ineinander über und verschwimmen in einem einzigen, mitreißenden Delirium. Nur gelegentlich murmelt Markus Acher „Tausend dank“ in Richtung des Publikums.

Im Mittelpunkt des Konzerts steht ihr neues Album: „News from Planet Zombie“, das verträumter klingt als noch frühere Projekte. So zu hören auf dem wunderschön melancholischen Song „Snow“. Darauf singt Markus Acher von Tränen, die sich in Schnee verwandeln, während die Musik im sanften Flüstern von Theresa Loibls Bassklarinette dahin schwebt.

Doch findet The Notwist auch Raum für ihre älteren Songs, die noch angsterfüllter, wütender und oft ganz klaustrophobisch klingen. Dieses stetige Wechselspiel musikalischer Einflüsse und Genres bietet einen Einblick in das riesige musikalische Vokabular der Band. Das beste Beispiel dafür ist wohl Gründungsmitglied Micha Acher, der auf „Agenda“ noch mit monumental donnerdem E-Bass den Song voranpeitscht, bevor er sich im nächsten Stück mit lässig dröhnenden Tubaklängen wieder im musikalischen Hintergrund positioniert.

Die Geschichte der Band lässt sich dann aber nicht nur in ihrer musikalischen, sondern auch an ihrer persönlichen Entwicklung nachvollziehen. So erklingt ihr Klassiker „This Room“ noch komplett hoffnungslos, Acher wirkt in der Welt völlig verloren: „What are we going to do about this” – „Was machen wir jetzt?“, fragt er immer wieder, als hätte er keine passende Antwort parat, während Schlagzeuger Andi Haberl den Song mit einem surrenden und angstverzerrt stotternden Beat untermalt.

Dem gegenüber stehen dann neue Songs wie „The Turning“. Zwar erklingt auch darauf die Gitarre noch etwas nervös, alles wirkt irgendwie angespannt, als wären doch noch nicht alle Zweifel ausgeräumt. Und dennoch findet Acher in einer fast kitschigen Glockenspielmelodie, geklimpert von Karl Refseth, im Zusammenhalt und der Liebe eine Antwort: „Turn around, I’m still here“ – „Dreh dich um, ich noch bei dir“.

Von Luca Viglahn