Er forderte Gott heraus, vergrub eine Kirche vor der Allianz-Arena und machte sich selbst zum Gesamtkunstwerk. Zum Tod von Timm Ulrichs.
Timm Ulrichs gestorbenJeder Lidschlag erinnert an den Tod

Der Künstler Timm Ulrichs 2019 bei der Inbetriebnahme einer Installation
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Der Toast verbrannt, der Kaffee kalt und die Marmelade über das halbe Tablett verteilt: Wenn sich die Kinder im Morgengrauen nützlich machen, sucht manche Mutter darin Trost, dass bereits der gute Gedanke zählt. So ähnlich mag sich auch die mütterliche Kunstgeschichte gefühlt haben, als sie 1969 das Werk ihrer jüngsten Kinder sah: Statt Bilder an die Wand zu hängen, hatte etwa Timm Ulrichs mehrfach das Wort „Bild“ an die Wände des Leverkusener Museum Morsbroich gepinselt und Lawrence Weiner eine Art Abwesenheitsnotiz hinterlassen. Ob seine Arbeit aufgebaut werde oder nicht, sei egal, denn „jeder Zustand ist gleichwertig und stimmt mit der Absicht des Künstlers überein“.
Seinen Auftritt in der ersten großen Ausstellung zur Konzeptkunst hatte sich Timm Ulrichs, 1940 in Berlin geboren, damals redlich verdient. Bereits als 21-Jähriger posierte er als selbsternanntes lebendes Gesamtkunstwerk in einem Glaskasten, bald darauf gründete er die „Werbezentrale für Totalkunst & Banalismus“, in der er die Ununterscheidbarkeit von Kunst und Leben propagierte und dies mit Vorliebe am eigenen Leib vorführte. Werke im klassischen Sinn brauchte es in der Totalkunst nicht mehr. Ob man ein Bild malt oder nur das Wort Bild, läuft in dieser aufs selbe hinaus. Allein der Gedanke zählt.
Timm Ulrichs trug seine Haut buchstäblich als Kunst zu Markte
In den 1970er Jahren rannte Ullrichs damit in Avantgardemuseen und bei der Documenta offene Türen ein, während er am Kunstmarkt eher Stirnrunzeln erzeugte. Als Pionier der Konzeptkunst, das ist die Ironie daran, lebt man in einer intellektuellen Sphäre, die von der materiellen abgekoppelt erscheint – und das, obwohl Ulrichs seine Totalkunst am eigenen Fleisch erprobte. Doch wer seine Haut buchstäblich als Kunst zu Markte trägt, kann allenfalls Fotos oder Konzeptskizzen davon verkaufen.
1975 besuchte Ulrichs, in Münster bereits zum Kunstprofessor erhoben, die Art Cologne und lief mit schwarzer Brille, Blindenstock, gelber Armbinde und einem Schild über die Kölner Kunstmesse. Darauf stand dadaistisch-doppeldeutig: „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“, ein Spiel mit dem Überdruss an klassischer Kunstware und zugleich ein selbstironisches Schielen auf die eigene Zielgruppe. Wer blind für Bilder und Skulpturen ist, für den ist die Konzeptkunst wie gemacht.

Timm Ulrichs' Skulptur „Versunkenes Dorf“ vor der Allianz-Arena in München
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Seine Verbindung von Konzeptkunst und Körperlichkeit führte Ulrichs bald in die Tätowierstube. 1974 präsentierte er sich mit einer gestochenen Zielscheibe über dem Herz, um sich den Pfeilen des Schicksals und der Verachtung der bürgerlichen Gesellschaft preiszugeben. „Wenn man als Künstler mit dem eigenen Körper arbeitet“, sagte Ulrichs später, „kommt man zwangsläufig zur Tätowierung.“ In den 1960er Jahren hatte er sich selbst noch vor Publikum gegeißelt, dagegen mag sein erstes Tattoo eine Entspannungsübung gewesen sein. „Das war mehr gerissen als gestochen“, erinnerte sich Ulrichs, „den Tätowierer, ein ehemaliger Fremdenlegionär, hatte das Goethe-Institut für mich ausfindig gemacht.“
Schmerzhaft dürfte auch „The End“ gewesen sein – diese Worte ließ sich Ulrichs auf sein rechtes Augenlid tätowieren. Künftig war jedes Blinzeln ein Vanitas-Motiv. Ulrichs nutzte die gesellschaftliche Stigmatisierung der Tätowierung, um sich als Gezeichneter zu inszenieren, und ging zugleich über dieses alte Klischee hinaus. 2005 erklärte er sich noch einmal zur Marke und zu seiner eigenen Schöpfung: Seit diesem Jahr zierte der Schriftzug © by Timm Ulrichs seinen linken Unterschenkel.
In seinen außerkörperlichen Nebenwerken konnte Ulrichs monumental werden. Er schuf zahlreiche Kunstwerke für den öffentlichen Raum, darunter den Doppelgänger einer Dorfkirche, den er in Sichtweite der Münchner Allianz-Arena im Erdreich versenkte, um an das „versunkene Dorf“ Fröttmaning zu erinnern. In Eschborn umbaute er eine Pappel mit einem riesigen Blumentopf und entwurzelte sie damit der Natur, und in seiner Heimatstadt Hannover verbaute er lebensgroße Abgüsse seines Kopfes in einem „Kopfsteinpflaster“.
In Erinnerung bleibt Timm Ulrichs aber vor allem wegen seiner ungreifbaren Vorstellungskunst und seiner Experimenten am eigenen Körper. Seine radikalste Arbeit „Timm Ulrichs, den Blitz auf sich lenkend“ bot 1977 genau das, was der Titel verspricht: Während eines Gewitters lief er nackt und mit einem fünf Meter langen Blitzableiter auf dem Rücken über einen Acker. Damals schlug der Blitz woanders ein. Jetzt ist der Totalkünstler im Alter von 86 Jahren gestorben.
