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Tindersticks im GloriaRotwein-Musik auf der emotionalen Rolltreppe

3 min
pic gloria

Symbolbild

  1. Im ausverkauften Gloria loten die Tindersticks präzise die Möglichkeiten der Langsamkeit aus
  2. Mit ihren wunderbaren Zeitlupen-Songs festigen die Musiker ihren Ruf als diplomierte Landschaftsgärtner der Melancholie

Köln – Natürlich könnte das alles furchtbar langweilig sein. Weil die Band auf der Bühne das macht, was sie seit mehr als zwei Jahrzehnten macht. Wie die Tindersticks aber ein ums andere Mal die Möglichkeiten der Langsamkeit immer wieder aufs Neue ausloten, das ist nicht nur eine faszinierende Konstante. Sondern hat auch Noblesse und verströmt das Aroma der wissenden Eleganz. „The Waiting Room“ heißt die aktuelle Schallplatte der Tindersticks, und eins wissen die Musiker um Sänger Stuart Staples auch auf dem zehnten Studioalbum in 25 Betriebsjahren ganz sicher: Im Haus des Glücks ist das Wartezimmer der größte Raum. Was also tun? Hadern, Trübsal blasen, gar aufgeben oder wenigstens den esoterischen Gürtel weiterschnallen? Nichts von alledem. Die Tindersticks schippern einfach weiter auf ihrem ganz eigenen Meer der Traurigkeit und stellen unbeirrbar das her, wofür man sie kennt und wertschätzt: zeitlupenartige Rotweinmusik, zu der man auf der emotionalen Rolltreppe sehr stilvoll und schier endlos abwärts fahren kann.

Kammermusikalischer Pop

Mit „Follow Me“ und „Second Chance Man“ legen die Tindersticks im ausverkauften Gloria mit ihren Entschleunigungsmaßnahmen los, und natürlich besteht schon zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ansatzweise der Verdacht, dass die Band 2016 dem Hedonismus anheimfällt. Ihren Ruf als diplomierte Landschaftsgärtner der Melancholie festigen die fünf Musiker souverän, und Stuart Staples nuschelt sich auch dann in gewohnter Manier durch die Lieder wenn, wie in „Were We Once Lovers?“, vorübergehend eine behutsame Form von Rhythmus aufkommt und ein Hauch von Beschwingtheit durch den Sound flirrt. „Hey Lucinda“, auf der aktuellen Schallplatte ein Duett mit der im Jahr 2010 im Alter von nur 37 Jahren verstorbenen Lhasa de Sela (die Sängerin war eine enge Freundin Staples’), ist dann wieder ein Brocken von Song, und ein wirkmächtiges Trauerkloß-Element ist auch ein älteres Lied wie „Medicine“. 

Als „Chamber Pop“, kammermusikalischen Pop, kann man die Musik der Tindersticks nach wie vor ohne Weiteres einsortieren – oder aber auf die Etikettierung ganz verzichten und sich umso mehr daran erfreuen, wie präzise die Band, vorneweg Stuart Staples und hinten auf der Bühne Schlagzeuger Earl Harvim, ihre Songs auf die Bühne bringt. Von voluminöser Sanftheit ist die Musik der Tindersticks, und weil die Band schon so lange so gut und kundig dabei ist, ist so ein Konzert natürlich auch bei der ersten Zugabe „This Fire Of Autumn“ alles andere als aufregend. In einer Kategorie aber spielen Stuart Staples und die Seinen immer noch und immer wieder blendend mit; es ist die, die man „verdammt schön“ nennt.