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Türkische Band Lalalar in KölnMit Funk-Bässen gegen 20 Jahre Diktatur

Lesezeit 3 Minuten
Barlas Tan Özemek an der Gitarre und Sänger Ali Güçlü Şimşek am Bass von der Istanbuler Band Lalalar stehen auf der Bühne des Clubs Bahnhof Ehrenfeld.

Die Band Lalalar aus Istanbul im Club Bahnhof Ehrenfeld

Die angesagte Istanbuler Band Lalalar gab im Club Bahnhof Ehrenfeld ihr Deutschland-Debüt. 

„Hata benim göbek adım“, singt Ali Güçlü Şimşek mit sonor-leiernder und schaurig verhallter Stimme: „Fehler ist mein zweiter Vorname.“ Dazu lässt Kaan Düzarat vom Elektronikpult aus subsonische Bässe bollern – in der ersten Reihe des Clubs Bahnhof Ehrenfeld kann man sich die Hosen föhnen – und Barlas Tan Özemek verwandelt seine E-Gitarre in eine durchdringendere Version einer Saz-Laute.

Im Ergebnis klingt die Musik des Istanbuler Trio Lalalar wie türkische Folkmusik aus der Matrix, wenn man die rote Pille mit einigen bewusstseinserweiternden Drogen anreicherte. Denn auch die psychedelische Rockmusik hat in der Türkei eine lange Tradition, mit Bands wie Moğollar oder Solokünstlern wie Mustafa Özkent und einer westlichen Sammlerszene, die deren alten Schallplatten nachjagt.

Lalalar verpflanzen diese Einflüsse konsequent in den Club, es ist vor allem der Kontrast zwischen den ausladenden Synthie-Bässen und Barlas Tan Özemeks quasi-folkloristischen, aber eben auch verdammt funkigen Gitarrenläufen, der zum Tanzen reizt. Entsprechend ausgelassen bewegt sich das Publikum im CBE zu Lalalars mal industriellen stampfenden, mal verspielten Rhythmen. Und Ali Güçlü Şimşek springt ja selbst über die kleine Bühne wie ein aufgescheuchter Waldelf, boxt Schatten, greift gelegentlich zur Bassgitarre, taucht schließlich in der feiernden Menge unter, als Feiernder unter Feiernden.

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Kölner Agentur Süperdisko holte Lalalar nach Deutschland

Es ist das erste Deutschland-Konzert der noch jungen Band vom Bosporus, die sich freilich aus lauter alten Hasen zusammensetzt. Zu verdanken haben wir das Debüt der hiesigen Süperdisko-Agentur, Spezialist für progressive anatolische Musik, und Kölns musikalisch reichhaltigster Radiowelle Cosmo.

Und natürlich geht es hier nicht allein darum, eine ausgelassene Party zu feiern, zwischen den Beats lauert die Dunkelheit, und dunkel sind auch Ali Güçlü Şimşeks Texte, die mal aus wenigen, inbrünstig wiederholten Versen, mal aus gesprochenen Wortkaskaden bestehen, wie im Stück „Kılavuz Karga“. Dort findet sich, inmitten eines schwer zu durchdringenden Netzes an Assoziationen, ein erfrischend direkter Sinnspruch: „Wenn Scheiße Gold wäre, würden die Armen ohne Arsch geboren werden.“

Das ist die Art grimmiger Fatalismus, mit dessen Hilfe sich die Drangsal eines Regimes durchhalten lässt, das Freiheiten beschneidet, wo sie allzu offensichtlich zum Licht hin sprießen. Jetzt gebe es bald die Chance, 20 Jahre Diktatur zu beenden, sagt Şimşek und spielt damit auf die Präsidentschaftswahlen in der Türkei im kommenden Mai an. Die Opposition hat sich bekanntlich zu einem Sechs-Parteien-Bündnis zusammengeschlossen, um dem System Erdoğan endlich ein Ende zu bereiten.

In Ehrenfeld macht Lalalar den Fans zur Zugabe schon mal ein Wahlgeschenk, sie dürfen den letzten Song auf Zuruf auswählen. Statt auf diese zu hören, spielt das Trio freilich ein Stück vom kommenden Album. So funktioniere nun mal die türkische Demokratie, scherzt der Sänger. In diesem Fall ein verzeihlicher Fehler. Hauptsache, man darf unterm Bahnbogen noch ein wenig weitertanzen.

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