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Konzert in KölnWie Rap-Star Loyle Carner lernte, seinem Vater zu vergeben

Lesezeit 4 Minuten
24.01.2023, Köln: Konzert von Loyle Carner im Carlswerk Victoria.


Foto: Michael Bause

Der britische Rapper Loyle Carner im Carlswerk Victoria.

Der Londoner Rapper Loyle Carner verbindet im ausverkauften Carlswerk Victoria entspannten Flow mit ernsten Themen. Und erzählt eine äußerst berührende Geschichte.  

Loyle Carner trägt sein eigenes Tour-T-Shirt. Der Londoner Rapper hat sogar eine deutsche Version des Merch-Artikels herstellen lassen. „Ich habe die Hugo-Tour miterlebt“ kann man nun Schwarz (und Lachsrot) auf weißer Baumwolle lesen. Funktioniert leider nur im ausverkauften Carlswerk Victoria. Außerhalb der Mülheimer Halle würde man wohl für den versprengten Rest von Hugos Junggesellenabschied gehalten werden. Oder für einen Fan des gleichnamigen Prosecco-Cocktails. Nicht cool.

„Hugo“ hat Carner sein aktuelles, drittes Album betitelt. Wofür „Hugo“ steht, das erfährt man erst am Ende dieses Abends. Und dann bricht es einem fast das Herz. Nicht cool: mit diesen zwei Wörtern lässt sich ja auch die Karriere des Londoner Rappers beschreiben. Was zugleich der Grund seines Erfolges ist. Loyle Carner rappt über Gefühle. Er lässt seine Zuhörer tief in sein Inneres blicken, zeigt seine wunden Stellen und Vernarbungen. Ohne die genreübliche Egomanie.

In „BFG“, dem Track mit dem Carner 2014 bekannt wurde, verarbeitet er mit gebrochener Stimme den frühen Tod seines Stiefvaters. Am Ende seiner Kölner Show, als der Applaus nicht abbrechen will, kommt er noch einmal auf die Bühne und trägt ein selbstverfasstes Gedicht vor. Nicht cool, aber so viel mutiger als das Selbstverherrlichungsgebimmel so vieler Kollegen.

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Die Musik zu Carners introvertiertem Flow klingt dementsprechend geschmeidig, filigran und analog. In Köln wird er von einer fünfköpfigen Band unterstützt und selbst sein musikalischer Direktor, der vor allem Live-Elektronik beisteuert, greift einmal zur Trompete. Carner eröffnet sein Set mit dem eher untypischen Track „Hate“, in dem seine innerliche Zerrissenheit in offenen Frust umschlägt, doch selbst der wird von sanft-jazzigen Klavierakkorden getragen.

Warum Loyle Carner seinen Rap-Erfolg auch als Falle empfindet

Was der Rapper hasst? Etwa, dass ihm als Sohn einer weißen Britin und eines schwarzen Einwanderers aus Guyana in der Schule nahegelegt wurde, es doch mit Hip-Hop oder Fußball zu versuchen. Als verengten sich mit steigendem Melaningehalt die beruflichen Perspektiven. Weshalb sich Carner nicht trotz, sondern gerade wegen seines Erfolgs fühlt, als stecke er in einer Falle fest. Am Ende geht es freilich weniger um ihn selbst, als um jeden schwarzen oder multiethnischen Schüler, der in einer rassistischen Gesellschaft aufwachsen muss. Diesen Weg, von der persönlichen Anekdote zum großen Ganzen nehmen viele Carner-Songs.

In „Blood On My Nikes“ erzählt er, wie er als kaum 16-Jähriger einen Freund hat sterben sehen, wie er sich dessen Blut von seinen Nikes wusch, weil man doch sonst nichts machen könne. Wie Gewalt Misstrauen und Misstrauen mehr Gewalt erzeugt: „Angst vor den Jungs, die aussehen wie wir/ Kein Wunder, dass sie uns bekämpfen wollen, sie denken das Gleiche/ Eine Sekunde nachgeben und wir könnten sie verprügeln“. Das Stück endet mit der aufrührenden Rede, in der der junge Aktivist Athian Akec die Ursachen der Epidemie von Messerattacken unter Jugendlichen aufzählt, die Großbritannien seit einigen Jahren heimsucht: Armut, Ungleichheit, mangelnde Chancen und der strenge Sparkurs der Regierung.

Schwere Themen, doch die Stimmung im Carlswerk Victoria ist gelöst. Was zum einen an Carners beträchtlichem Charme, aber mehr noch an seinen virtuosen Vortragskünsten liegt: Er lässt Binnenreime und vertrackte Rhythmen wie ein entspanntes Gespräch unter Freunden fließen.

Vorm letzten Track erzählt der Rapper endlich, was es mit „Hugo“ auf sich hat. Als er im Herbst 2020 Vater eines Sohnes wurde, suchte er den Kontakt zu seinem eigenen biologischen Vater, der sich schon früh von der Familie verabschiedet hatte. Zögerlich näherte man sich an, schließlich bot ihm der Vater Fahrstunden in seinem klapprigen roten VW Polo an: In der Enge des Wagens konnte ihm Carner alles an den Kopf werfen, was sich in Jahrzehnten in ihm aufgestaut hatte. Und begreifen, warum seinem Vater – als schwarzer Immigrant in einem Land, das ihn nicht als Menschen annehmen wollte – das Rüstzeug zur Vaterrolle fehlte. „Schließlich“, erzählt Loyle Carner, „konnte ich ihm vergeben, den Kreislauf durchbrechen.“

Und „Hugo“? Den Namen bildeten, ganz zufällig, die Lettern auf dem Nummernschild des alten Polos.

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