Mira wird von ihren Kollegen über die Jahre immer wieder auf eine bestechende Eigenschaft angesprochen: die Fähigkeit, ihre Mitmenschen zum Reden zu bringen. So bewegt sich die UN-Mitarbeiterin in Nora Bossongs neuem Roman „Schutzzone“ selbst beinahe stumm und seltsam teilnahmslos durch Sitzungssäle in Genf, Bars in New York, Flüchtlingscamps in Krisengebieten – und verwebt das Gehörte mit ihrem tristen Alltag als ambitionierte Weltretterin.
Die Erzählung beginnt im Jahr 2017. Die Mitte-30-jährige Mira arbeitet an einer diplomatischen Lösung des Zypern-Konflikts mit und trifft auf den leeren Fluren des UN-Hauptquartiers ihren Bekannten Milan wieder. Für ihn erzählt sie rückblickend, was seit ihrer letzten Begegnung geschehen ist. Als Achtjährige wohnte sie während der Scheidung ihrer Eltern bei einer befreundeten Familie – Milans Familie – in Bonn und hört dort von seinem Vater das erste Mal von fernen Ländern, die deutsche Diplomaten im Auftrag der Demokratie bereisen. Mira selbst landet Jahre später eher zufällig in dieser elitären Welt, ständig von dem Gefühl verfolgt, sie habe in einem ohnehin undurchsichtigen Spiel eine falsche Position eingenommen. Die prägendste Zeit, von der sie berichtet, ist die Arbeit im ostafrikanischen Land Burundi. Dort soll Mira eine „Wahrheitskommission“ vorbereiten, die die Hintergründe der Massaker 1993 zwischen den Tutsi und Hutu aufklärt und zur Versöhnung der Kriegsparteien beiträgt. Schnell wird ihr klar, dass Schuld und Unschuld nicht so klar zu trennen sind.
Deshalb sind wohl die spannendsten Dialoge die mit dem Warlord Aimé, von dem unklar ist, auf welcher Seite er als „General“ im Bürgerkrieg stand. Charmant und gastfreundlich empfängt er Mira einige Male in seiner Villa, plaudert über Folter, Mord und seine Rolle als Henker in der Geschichte, die Mira für ihn konstruiert hat. „Wollen Sie aus diesem Land eine Demokratie machen oder ein Genozidmuseum?“, fragt er die überforderte Friedensbringerin aus Deutschland.
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Er streitet mit ihr über den Begriff „Genozid“, den die UN-Diplomaten bewusst meiden, um ihr Versagen nicht eingestehen zu müssen. Der General sieht eine Überheblichkeit der Europäer, die selbst vor Massenmord nicht Halt mache. „Sie wollen sogar im Bösen noch die Besten sein, aber Sie dürfen nicht übersehen, dass auch anderswo Menschen andere Menschen umbringen aus Hass, aus Abscheu, aus Wut, weil sie quälen wollen, weil sie meinen, sie hätten mehr Recht auf Leben als andere.“ So ist „Schutzzone“ voller Begegnungen, in denen westlicher Idealismus mit der Realität kollidiert. Ob im Gespräch mit einem ehemaligen Kindersoldaten oder einer HIV-Erkrankten – einer objektiven Wahrheit, wer in Burundi Opfer und wer Täter ist, kann sich Mira nur annähern. Auch die Menschen im Gefüge der UN sind für sie kaum greifbar. An einer Stelle vergleicht Mira sie mit einer Familie, in der „weder Streit noch Rachegelüste herrschten, aber doch eine großzügige Gleichgültigkeit“. In der nichts darauf hindeuten würde, dass der eine den anderen einmal geliebt habe.
Diese desillusionierten Beobachtungen machen Bossongs Erzählung nur am Rande zu einem Roman über Weltpolitik, besonders historische Hintergründe werden oft nur angedeutet. Krieg und Frieden scheinen vielmehr in allen Protagonisten angelegt, erschöpfen sie, machen jeden einzelnen zu einem vielschichtigen Wesen in einer komplexen Geschichte. In ihrer bildlichen, kunstvollen Sprache führt die Schriftstellerin und Dichterin durch eine Lebenswelt, in der sich die Protagonisten am Ende unversöhnlich gegenüberstehen.
„Literarischer Salon: Nora Bossong“ am Donnerstag, 26. September, 20.30 Uhr, im Stadtgarten.


