Am Anfang geht es dem jungen Mann noch bestens. Er lebt in einem schönen Schloss im herrlichen Westfalen, ist nicht dumm, aber auch nicht so klug, dass es einem den Tag verdrießen würde, und er darf in aller Unschuld die süße Tochter des Schlossherrn bei der Hand fassen. Doch damit nimmt das Unglück seinen Lauf: „Lippen fanden einander, Augen erglühten, Knie wankten, Hände verirrten sich.“ Und schon fliegt Candide mit Fußtritten zur Tür hinaus.
Auf sich allein gestellt, erlebt Candide die Wechselfälle des Lebens, wie sie seinerzeit allen Lesern von Abenteuergeschichten geläufig waren – nur eben nicht als romantischer Held, sondern aus der Perspektive des geprügelten Hunds. Er fällt unter die Soldaten, wird beinahe totgeschlagen, überlebt eine blutige Schlacht, entgeht dem mörderischen Erdbeben von Lissabon, hüpft in letzter Sekunde vom Scheiterhaufen der Inquisition, stolpert von einer Katastrophe in die nächste und macht nach vielen Irrungen und Wirrungen ein Vermögen, nur um es wieder zu verlieren. Am Ende sucht er sich mit einigen Gefährten und der zum Fürchten hässlich gewordenen Schlossherrntochter ein Plätzchen, an dem man für sich bleiben und vor allem arbeiten kann, ohne viel nachgrübeln zu müssen – „denn nur so macht man sich das Leben erträglich“. Candides berühmter Schlusssatz könnte als Wahlspruch über jeder aus der Not geborenen Idylle stehen: „Wir müssen unseren Garten bestellen.“
In Corona-Zeiten klingt dieser Satz seltsam vertraut, denn wie Candide und seine kleine Schicksalsgemeinschaft mussten auch wir uns ins Private zurückziehen, um der Katastrophe zu entgehen; glücklich, wer dabei einen Garten zu bestellen hatte oder wenigstens einen Balkon. Mittlerweile macht sich im Land allmählich wieder jener unerschütterliche Optimismus breit, den Candides Schöpfer, der französische Aufklärer Voltaire, in seiner 1759 erschienenen Satire „Candide oder der Optimismus“ gnadenlos verspottete. Voltaire hatte sich die viel diskutierte Theodizee des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz vorgenommen. Am Anfang der Erzählung saugt Candide den Leibniz’schen Lehrsatz auf, wir würden in der besten aller möglichen Welten leben, und hält durch alle schrecklichen Erlebnisse an diesem Glauben fest – bis selbst ihm, dem arglosesten aller Westfalen, die ersten Zweifel kommen.
Voltaire treibt es ziemlich bunt mit Leibniz und misst dessen feinsinnig hergeleitete Überzeugung an einer losen Folge aus Mord und Totschlag, Folter, Vergewaltigung und Missgunst. Wohin es Candide auch verschlägt, Betrug und Schlechtigkeit sind schon dort, ihn zu empfangen.
Mit diesem Kniff setzt Voltaire genau jenen Autor wieder ins Recht, den Leibniz mit seiner Rechtfertigung Gottes widerlegen wollte: „Der Mensch ist böse und unglücklich“, heißt es beim Philosophen Pierre Bayle, „überall gibt es Gefängnisse und Krankenhäuser.“
Leibniz führte gegen Bayle zunächst ein mathematisches Argument ins Feld. Es gebe doch viel mehr Gutes als Schlechtes, sagte er, mehr Tugend als Verbrechen, mehr Häuser als Gefängnisse. Wenn uns dies anders erscheine, dann, weil es in der menschlichen Natur liege, Aufregendes und Schlechtes hervorzuheben und das Gewöhnliche und Gute zu ignorieren; die viel beklagte Verstärkerfunktion des Sensationellen scheint keine Erfindung der sozialen Medien zu sein. Im zweiten Schritt versuchte Leibniz zu begründen, warum Gott eine unvollkommene Welt geschaffen hat, wenn er, allmächtig wie er ist, auch eine vollkommene hätte schaffen können. Die Antwort lautet, stark zugespitzt: Das Übel ist in der Welt, damit wir uns dagegen entscheiden können; ohne moralischen Fleiß kein Himmelspreis. Überhaupt könne Gott gar nicht anders, als das Beste für uns wollen, sonst wäre er nicht Gott. Der dritte Schritt von Leibniz’ Argument wurde als Monadentheorie berühmt.
Doch kann man über diese nicht länger nachdenken, ohne verrückt zu werden oder Theologe. Selbst Immanuel Kant wand sich: Die Theodizee, schrieb er, sei „nicht zum Vorteil der Wissenschaft“, sondern eine Glaubenssache.
Eine Glaubenssache war es auch für Voltaire, denn anders als wir heute konnte und wollte er Gott als moralischen Kompass nicht einfach aus der Gleichung streichen. „Gäbe es Gott nicht“, sagte er einmal, „müsste man ihn erfinden.“ Gerade deswegen ließ er in „Candide“ nichts unversucht, die Idee, das Schlechte sei zu unserem Besten, lächerlich zu machen. Zwar gibt es durchaus Grund, an das Gute im Menschen zu glauben. Aber zu viel Optimismus, das zeigt sein kurzes, aber großes Buch, ist in dieser Hinsicht ungesund.
Voltaire: „Candide oder der Optimismus“, deutsch von Ulrich Boss-ier, Marix Verlag, 160 Seiten, 6 Euro.
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