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Unnahbar wie PolareisSo war die Tanzpremiere „New Ocean“ im Kölner Depot

3 min

Die Tänzer und Tänzerinnen üben für den Klimawandel.

Köln – Köln hat es nach Jahren der Abstinenz also doch mal wieder getan, hat geradezu diskret und leise für zwei Jahre eine Ballett-Kompanie verpflichtet: Richard Siegals Ensemble „Ballet of Difference“ – das allerdings weiter durch Europa tourt, sich deshalb im Spielplan rar macht und vorher schon als „halbe“ städtische Kompanie gemeinsam mit München finanziert worden war. Keine „Katze im Sack“ also, sondern ein bereits gut vertrautes und fantastisches Kollektiv.

Siegal muss als Kompaniechef exzellent darin sein, aus Tänzern das Beste an Technik und Charisma heraus zu meißeln. Das vor allem beweist sein neuer Abend „New Ocean“, der eigentlich alle Zutaten des Scheiterns in sich birgt: eine anspruchsvolle Choreografie, eine spröde Inszenierung, ein verquastes Konzept. Und trotzdem ist er faszinierend.

„New Ocean“ – im Titel steckt eine Referenz auf das Stück „Ocean“ vom großen amerikanischen Tanzrevolutionär Merce Cunningham. Eine legendäre Arbeit, denn während der Proben verstarb Cunninghams langjähriger Partner und Komponist John Cage. Folglich herrscht nun bei Richard Siegal während der gesamten ersten Hälfte Totenstille. Keine Musik, nur manchmal ein sekundenkurzes Krachen, sonst schleifende Spitzenschuhe und knackende Tänzergelenke wie berstendes Eis. Was gut passt. Denn zugleich will Richard Siegals „Meer“ – zeitgeistig wie er nun mal ist – ein Mahnmal für den Klimawandel sein. So generiert er choreografisches Material aus wissenschaftlichen Daten über das Schrumpfen des Polareises. Wie genau das funktioniert, soll sein Geheimnis bleiben.

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Natürlich ist man nun versucht, darüber zu orakeln, dass die Cunningham-Hommage und das Klimawandel-Menetekel ja vielleicht der Prozess des Verlusts und Verschwindens eint? Man kann es aber auch lassen. Denn in der Choreografie gibt es keine eindeutigen Gefühlslagen. Vielmehr platziert Siegal seine acht Tänzer unnahbar wie riesige Eissplitter auf die weiße Bühne. Frauen wie Männer mit unvorteilhaft bis zur Taille hochgezogenen Strumpfhosen bei sparsam bekleideten Oberkörpern exerzieren da hochkontrolliert widerspenstiges Bewegungsmaterial in Cunningham-Manier durch: den schwierigen Blick zur Decke, während sie auf einem Bein balancieren, gegenläufig verdrehte Unter- und Oberkörper, geometrisch gewinkelte Armachsen. Der Tänzer Long Zou flattert auf schwarzen Spitzenschuhen wie ein Todesvogel über die Bühne, eine Kunstkreatur. Überhaupt ist es ein Abend der androgynen Männer. Herausragend: Der Texaner Mason Manning, der mit aufgemalten roten Puppen-Bäckchen und goldblondem, im 'Nazi-Chic' zurückgekämmten Haar irritiert, und die Mixtur aus Kraftmeierei, Eleganz, Sex-Appeal und Ironie in der Choreografie verkörpert wie kein zweiter – auch wenn alle hier das Risiko suchen, in der Abstraktion das größtmögliche Verstörungspotenzial aufzuspüren.

Wir begreifen kaum, was passiert auf der Bühne, worauf das alles zusteuert. Bis Richard Siegal mit einem spektakulären Überraschungseffekt am Ende dem Publikum den Atem nimmt. So ist das eben mit dem Sterben von Planet und Tanzkunst. Man nimmt es nicht richtig wahr. Bis ein Sturm über uns hinwegfegt. Nächste Vorstellungen: 30.11. und 1.12. im Depot 1