In ihrem neuen Buch „Unwahrscheinliche Freundschaften“ erzählt die WDR-Journalistin Isabel Schayani von sechs Beziehungen, die eigentlich an großen politischen Konflikten scheitern müssten.
Unwahrscheinliche FreundschaftenWie Nähe über politische Gräben hinweg gelingt

Journalistin Isabel Schayani hat ein neues Buch geschrieben: „Unwahrscheinliche Freundschaften“.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Isabel Schayani kommt zum Interview mit dem Fahrrad. Mit dem Fahrrad fährt sie immer zur Arbeit. Ungefähr 25 Kilometer hin und zurück. Die Leidenschaft fürs Radfahren teilt sie mit einem Protagonisten ihres neuen Buches: Herrn Radler. Auch er fährt gerne Fahrrad, daher sein anonymisierter Name. Auf den ersten Blick haben die beiden wenig gemeinsam: Er ist glühender AfD-Wähler aus Sachsen, sie eine Journalistin bei den Öffentlich-Rechtlichen mit Migrationsgeschichte aus Köln. Und trotzdem nennt Schayani Radler „einen guten Bekannten“. Sie hat ihn schon besucht, sie schreiben seit acht Jahren Nachrichten hin und her, telefonieren manchmal.
„Herr Radler, die AfD und ich“ heißt die erste von sechs Geschichten in ihrem neuen Buch „Unwahrscheinliche Freundschaften“, erschienen im C.H.Beck-Verlag. Sechs Geschichten gegen den Hass verspricht die Unterzeile. Sie handeln von Freundschaften zwischen Menschen, die eigentlich Feinde sein müssten, aber trotzdem Freunde sind. Es ist Schayanis zweites Buch. Im ersten Buch ging es um Geflüchtete, die hoffen, in Deutschland anzukommen. „Da haben die Leute hinterher gesagt: Irgendwie sehr bedrückend“, sagt die Journalistin. Das habe in ihr den Ehrgeiz ausgelöst, über etwas zu schreiben, das ein bisschen Hoffnung auslöst.
„Ich habe nach großen Konflikten oder Konflikten geschaut, die man aus den Nachrichten kennt, und versucht, sie in Freundschaft, also in Leben, zu übersetzen“, sagt sie. Es geht um den Umgang mit der AfD, um Palästina und Israel, um Trump-Fans und Demokraten, um Bosniaken und Serben sowie um die Ukraine und Russland. Sie könne auf die großen Fragen keine Antwort geben: Wie geht man jetzt mit der AfD um oder mit Russland und der Ukraine, wie macht man das am besten? „Ich kann Ihnen aus der Praxis erzählen: So gelingt das bei Menschen. Und so scheint es nicht zu gelingen.“
Sie hat selbst schon einige Freundschaften in die Brüche gehen sehen, sobald sich die politische Situation verändert hat. Ihre Geschichten sollen zeigen, wie Menschen es schaffen oder vielmehr versuchen, trotzdem eine Beziehung zu erhalten.
In einer Weltlage, die sich von einem Krieg zum anderen zu hangeln scheint, fehlen natürlich etliche Konflikte, gibt sie zu. Nicht zu allen Konflikten, die sie gerne besprechen wollte, hat sie eine Geschichte gefunden: „Die Deutschland-Kopftuch-Geschichte ist für mich auch ein Vehikel, den Iran im Buch zu haben.“
Die eigenen Fehler dokumentieren
Ihre Protagonisten hat sie in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen gefunden. Zwei hat sie für das Buch extra recherchiert, andere in ihrem privaten Umfeld getroffen. Die Serbin Nataša und den Bosniaken Amir kennt sie aus ihrem beruflichen Umfeld. Die besondere Geschichte ihrer Freundschaft über den Balkankrieg hinweg kannte sie aber vorher nicht. Aber auch beide Protagonisten wussten einige Dinge nicht über den anderen: „Nataša kannte die Geschichte von Amirs Onkel nicht, der von Serben getötet wurde. Sie hat sich nicht getraut, ihn zu fragen, was dort vorgefallen ist.“
Die Freundesgruppe aus Republikanern und Demokraten, die sich jeden Tag zu einer Art Picknick trifft, hat die Autorin bei einem Besuch bei ihrer Familie in den USA getroffen. Der Trump-Fan habe es gar nicht gut gefunden, dass sie über ihn schreiben wollte. Bei ihrer ersten Begegnung hätten sie sich direkt gestritten, und bei der zweiten sei er ihr ziemlich über den Mund gefahren.
Herr Radler hat die Geschichte über ihn bereits gelesen. „Er hat sich etwas darüber empört, dass er seinen Mitarbeiter ‚Mausi‘ im Buch nennt. Tatsächlich nenne ich ihn ja bei einem anderen Spitznamen.“ Schayani habe ihm erklärt, dass sie alles in seinem Zusammenhang anonymisiert hatte, damit er nicht erkannt werden konnte. „Für ihn war zum Beispiel der andere Name ein Beweis, dass ich doch zur Lügenpresse gehöre.“ Außerdem habe er ihr alle Fehler aufgezählt, die sie aus seiner Sicht gemacht hatte. Von ihr habe er aber auch nichts anderes erwartet.
Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive geschrieben. Schayani lässt die Leser nah an sich heran. Auch die anderen Geschichten spielen teilweise in ihrem näheren Umfeld. „Ich wollte auf jeden Fall meine eigentliche Unzulänglichkeit, mein eigenes Klischeedenken und meine Fehler dokumentieren.“ Am Ende der Geschichte lacht Radler, als sie ihm vorschlägt, aus der AfD herauszugehen. Es ist die Geschichte im Buch, die einen zum Schmunzeln bringt. Sie lockert die Leser auf, bevor es um Themen geht, die viel Schmerz mitbringen.
„Es ist, als reiße man das Pflaster ab, trenne die Fäden auf und prokele in der Wunde herum“
Schayani blickt auf eine lange Karriere in der ARD zurück. Sie hat gelernt, mit Interviewsituationen umzugehen, in denen Menschen ihr Trauma noch einmal hervorholen müssen. Seit 2016 ist sie die Teamleiterin von WDRforyou, einem Angebot für Geflüchtete in drei Sprachen. Immer wieder hat sie sich in ihrer Berichterstattung mit dem Thema Migration und Flucht auseinandergesetzt. Dreimal ist sie dafür mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden.
8. Wenn die Menschen sagen, sie willigten in das Interview ein, bedeutet das für Schayani auch, dass sie über etwas Schmerzvolles sprechen werden: „Es ist, als reiße man das Pflaster ab, trenne die Fäden auf und prokele in der Wunde herum. Ich habe gelernt, dann still zu sein und die Menschen sprechen zu lassen.“ Als Journalistin sei sie hin- und hergerissen, noch einmal nachzufragen, besonders wenn die Antworten nur recht zäh kämen. Bei der Ukrainerin, die ihre Mutter noch im besetzten Donbas wisse, habe sie sich irgendwann entschieden, nicht mehr nachzufragen.
Vor keinem Gespräch habe sie so viel Angst gehabt wie vor den drei Unterhaltungen, die sie mit dem Palästinenser Yakoob und der Israelin Elana geführt hat. Es ist aber auch die Geschichte, an die sie am meisten denkt. Er hat seine Frau verloren, sie ihren Sohn. Getötet von der jeweils anderen „Seite“. Trotz allem sagt Elana, Yakoob sei ihr großes Vorbild. Trotz so viel Gewalt und Hass haben sie sich angefreundet und sind es immer noch. Als Erkenntnis habe sie daraus mitgenommen, wie viel Vergebung bewirken könne. Umgekehrt sei es für die andere Seite wichtig, wenn jemand eigene Schuld eingestehe.
Am 3. Oktober präsentiert Isabel Schayani „Unwahrscheinliche Freundschaften“ gemeinsam mit Michel Friedman im Schauspielhaus am Offenbachplatz. Moderiert wird der Abend von Christine Westermann. Es liest Sarah Sandeh.
