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Ushers Super-Bowl-ShowUnd dann fiel das letzte Hemd

Lesezeit 4 Minuten
Usher auf der Bühne im Allegiant-Stadion während der Halbzeit-Show des 58. Super Bowls. Er singt ins Standmikrofon, zieht dabei sein weißes T-Shirt aus.

Usher während der Halbzeitshow des 58. Super Bowls in der Nähe von Las Vegas.

R'n'B-Star Usher nutzte die Super-Bowl-Halbzeitshow zum großen Comeback. Unsere Kritik.

Zwei Dinge hatte Usher vor seiner Halbzeitshow im 58. Super Bowl versprochen: dass er auf Rollschuhen auftreten und dass er seinen trainierten Oberkörper freilegen werde. Keine Nipplegate-Gefahr für ihn – Janet Jacksons Super-Bowl-Skandal feiert gerade sein 20-Jähriges –, nur eine scherzhafte Trigger-Warnung vor dem 15-minütigen Set: dieser, hieß es, könne zu möglichen Beziehungsproblemen führen.

Nun muss man jüngeren Menschen erst einmal erklären, wer dieser 45-jährige Sänger überhaupt ist, denn auch seit seinem Karrierehöhepunkt sind 20 Jahre vergangen. Damals ging Ushers Album „Confesssions“ rund 20 Millionen Mal über die Ladentheke. Die Welt konnte nicht genug bekommen von dem R’n’B-Sänger, der Entertainment der ganz alten Schule – sein Pate ist der Broadway-Star Ben Vereen, sein erklärtes Idol Sammy Davis Jr. –, mit Michael Jacksons geschmeidigsten Tanzschritten und Atlantas ruppig-cluborientieren Hip-Hop-Subgenre Crunk verband. Am effektivsten wohl in seinem größten Hit „Yeah!“, der hat bis heute nichts von seinem futuristischen Glanz verloren.

Usher hat sein großes Comeback sorgfältig vorbereitet. Gab eines der auf Youtube so beliebten „Tiny Desk Concerts“, gastierte auf einer Single des K-Pop-Stars Jung Kook und veröffentlichte zwei Tage zuvor mit „Coming Home“ sein erstes Album seit 2016. Seine Entertainer-Muskeln trainierte er mit einer Seine Entertainer-Muskeln trainierte er mit einer Reihe von Shows in Las Vegas, nur wenige Autominuten entfernt vom Allegiant Stadium in Paradise, Nevada. Entsprechend selbstsicher thronte er Sonntagnacht in der Mitte des Stadions vor 65.000 Zuschauern und vielen Millionen mehr vor den Endgeräten auf einem Königsstuhl aus verspiegelten geometrischen Figuren.

Den weißen Regenten-Umhang ließ er sich jedoch sofort abnehmen, um zu „Caught Up“ auf dem Spielfeld-Rasen zu tanzen, als wäre der immer schon seine naturgegebene Bühne gewesen. Zahllose Tänzer, Schlangenmenschen, Las-Vegas-Showgirls, menschliche Kanonenkugeln umringten den Performer – und konnten doch nicht von Usher ablenken, von seinem magnetischen Bewegungsvokabular, von seiner waghalsigen Entscheidung, bei all dem auch noch live, ohne Unterstützung vom Band, zu singen. Sein leichtfüßiger Tenor klang so gut wie eh und je, selbst das Falsett saß noch. Nach den ersten zwei Minuten hatte er sich das gesprochene Zwischenspiel, den Dank an Gott und die Mutter, bereits verdient.

Zu „Love in This Club“ ließ sich Usher von einer Marching Band unterstützen, dann wies er mit eleganter Geste auf seinen ersten Gast, Alicia Keys, die in ihrem roten Jumpsuit mit riesiger Schärpe mit ihrem rot überzogenen Klavier zu verschmelzen schien. Die erste Note von „If I Ain’t Got You“ wackelte noch unsicher, der Rest der Ballade gelang makellos und beim gemeinsamen Duett „My Boo“ wirkte Keys gegenüber dem nun schon heftig schwitzenden Usher mühelos, ja majestätisch.

Der hatte indes noch viel vor sich, von den reuelosen Don-Juan-Bekenntnissen in „Confessions Part II“ über „Nice & Slow“ und „Burn“, bis zu „U Got It Bad“ endlich das letzte Hemd fiel, Usher obenrum nur noch Kette und seinen Michael-Jackson-Gedächtnishandschuh trug. Für wenige Sekunden war er – und nicht mehr Taylor Swifts Boyfriend Travis Kelce – der begehrteste Mann im Stadion. Die sexuelle Anspannung entlud sich prompt in einem Gitarrensolo der R’n’B-Künstlerin H.E.R., die hatte zuletzt 2021 mit ihrer Soloperformance von „America the Beautiful“ beim Super Bowl beeindruckt.

Der Hauptact kehrte, wie versprochen, auf Rollschuhen zurück, keine Frivolität, sondern eine Hommage an die schwarze Rollschuhbahn-Subkultur seiner Heimatstadt Atlanta. Noch einmal hatte man kurz Angst um ihn, wer will sich schon vor mehr als 100 Millionen Zuschauern auf die Klappe legen? Doch selbst auf Rädern blieb der Star so anmutig wie zuvor. Will.i.am gab den Einpeitscher, gefolgt von Lil Jon, der inmitten einer feiernden Menge auf dem Spielfeld Ushers größten Hit einleitete: „Yeah!“, komplett mit Gastauftritt von Südstaaten-Rapper Ludacris und seinem für das familienfreundliche Super-Bowl-Programm erstaunlich lüsternen Versen.

Das war kein Kinderspiel: Usher musste sich nicht nur gegen die selbst den sportlichen Teil übertönende Taylor-Swift-Berichterstattung durchsetzen, sondern auch noch gegen Beyoncé, die das Ereignis nutzte, um ein neues Album mit Countrysongs anzukündigen, das am 29. März erscheinen soll. Aber es war ihm gelungen, nach diesen 15 Minuten will man wieder mehr von ihm sehen und hören. Gerne auch auf Rollschuhen.

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