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Valie Export gestorbenMit Sexploitation gegen die Genitalpanik

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Valie Export posiert vor einem Selbstporträt.

Valie Export vor drei Jahren in Wien.

Sie wollte die Männer aus ihren Höhlen des falschen Bewusstseins treiben. Zum Tod der legendären Filmemacherin Valie Export.

Vielleicht ist es ein großes Missverständnis, dass Valie Export heute als Aktionskünstlerin gilt. Denn eigentlich wollte die Klosterschülerin in den Sechzigerjahren das Kino revolutionieren. „Der Kommerzfilm bietet Surrogate, wir bieten wirklich etwas“, sagte sie, und lief mit einer Jeans, die ihre Genitalien frei ließ, bei laufender Vorführung durch die Sitzreihen eines Münchner Kinos, oder mit einer Pappbühne vor ihren nackten Brüsten über ein Wiener Filmfestival. In diesem „Tapp- und Tastkino“ durfte, wer wollte, mit seinen Händen durch die Öffnungen greifen, und für einige Sekunden die dahinter verborgene Leinwand befühlen.

Ende der Sechziger lief das unter „Expanded Cinema“, einer Avantgardebewegung, die den engen Rahmen des Kinos sprengen und das Publikum aus seiner dunklen Höhle des falschen Bewusstseins befreien wollte. Statt voyeuristische Blicke auf Frauenkörper bot Valie Export den männlichen Kinogehern das wirkliche Leben, das sich bei der „Genitalpanik-Aktion“ als Kinoklischee verkleidete. Auf Werbefotos posierte Export mit Struwwelpetra-Perücke und Maschinenpistole und mokierte sich damit über die maskuline Angst vor realen Frauen; ihr Auftritt sollte die Höhlenbewohner aus ihrem Versteck treiben.

Über das „Tapp-und-Tastkino“ freute sich Valie Export noch als 75-Jährige

Über die gelungene Premiere des „Tapp-und-Tastkinos“ freute sich Valie Export noch als 75-Jährige. „Die Leute haben getobt und gesagt, dass sei kein Kino. Das Ganze hat blendend funktioniert, weil die Frage aufgeworfen wurde, wo der Film endet und wo er wieder beginnt.“ Lediglich der österreichische Staat war nicht auf der Höhe der Debatte. Als Export gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Peter Weibel das „Bildkompendium Wiener Aktionismus und Film“ herausbrachte, wurde ihr 1970 als „Pornografin“ der Prozess gemacht und das Sorgerecht für ihre Tochter entzogen. „Das war heftig“, so Export. „Es gab Drohanrufe, und man malte Totenköpfe auf meine Tür.“

Offenbar hatte der Staatsanwalt verstanden, dass Exports Form der Sexploitation nichts Verschwörerisches hatte, sondern gegen das sich gemütlich gebende alpine Patriarchat gerichtet war. Schon ihr Name verriet sie als Unruhestifterin: Als erwachsene Frau wollte sie nicht mehr nach ihrem Vater heißen und auch nicht nach ihrem ersten Ehemann. Und so wurde aus Waltraud Lehner, geboren 1940 in Linz, im Jahr 1967 Valie Export, eine selbstbestimmte Neugeburt aus dem paradoxen Geist von Freiheit, Aufbruch und der Sehnsucht nach Geborgenheit: halb Zigarettenmarke, halb Kosename aus der Kindheit.

Export blickte nüchtern auf die Gleichberechtigung im Kunstbetrieb

Das kommerzielle Kino erwies sich als noch hartnäckigerer Gegner als die österreichische Sexualmoral. Es ging über das „Expanded Kino“ einfach hinweg, und so wurde Valie Export, obwohl sie weiterhin kurze und lange Filme machte und die Filmfestivals bereiste, zum Teil des internationalen Kunstbetriebs. Werbebilder und die Requisiten ihrer berühmten Aktionen avancierten zu begehrten Sammlerobjekten, aber leben konnte Export von den Erträgen ihrer Kunst noch immer nicht. Als die feministische Revolution der Sechziger Jahre institutionalisiert wurde, entwickelte sie sich zur Weltenbummlerin in Lehraufträgen; zwischen 1995 und 2005 unterrichtete sie als ordentliche Professorin Multimedia- und Performance-Kunst an der Kölner Kunsthochschule für Medien.

Als das Kölner Museum Ludwig 2015 einige Tapp-und-Tast-Devotionalien erhielt, blickte die angereiste Export nüchtern auf den Stand der Gleichberechtigung im Kunstbetrieb. Natürlich habe sich vieles gebessert, aber es werde von Museen weiterhin weit weniger von Künstlerinnen als von Künstlern angekauft. „Da sind wir von Gleichheit noch weit entfernt, um von der Stellung der Frau in der Gesellschaft ganz zu schweigen. Da hat sich einiges sogar zurückgewendet. Das Bild einer Frau ist heute: schick, schlank, schön, ein guter Beruf, Kind, Mann, Party schmeißen – das ist eine Ausbeutung, da kommt kein Mensch mehr mit.“

Ein frühes Werk von Valie Export wird nie den Weg in ein Museum finden: Im Jahr 1970 ließ sie sich einen Strumpfhalter in den linken Oberschenkel tätowieren, als „Zeichen der vergangenen Versklavung“ und getreu der Einsicht, dass man „den Schmerz zeigen muss, um davon zu erzählen“. Die Zurichtung des weiblichen Körpers ist jene alte unverheilte Wunde, die Export bis zuletzt begleitet hat. An diesem Donnerstag ist die Frau, die die Aktionshose anhatte, im Alter von 85 Jahren gestorben.