In der Tat, man sollte wenn man über den Nationalsozialismus spricht, erst recht über die Shoah im Allgemeinen und die Pogromnacht im Speziellen, keine „saloppen Formulierungen“ wählen. Diese Selbsterkenntnis dämmerte dem CDU-Landtagsabgeordneten Günther Bergmann leider allzu spät, erst im Anschluss an seine offenbar frei gehaltene Rede zum 9. November nämlich, in der er unter anderem über die „künstlich aufgeblasene“ Zahl der damals in Deutschland lebenden Juden schwadronierte. „Künstlich aufgeblasen“, weil, so der Abgeordnete vom Niederrhein spitzfindig, „die österreichischen Juden hinzugezählt wurden“. Was soll diese historische Arithmetik eigentlich? Bergmann zelebriert in seiner Rede eine Form des Rechthabens, die auf bizarre Weise die moralische Dimension der Verbrechen der Nationalsozialisten einerseits und die Leiden ihrer Opfer andererseits verfehlt. Dass er dies zum Gedenken an einen Tag tat, an dem in Deutschland die Synagogen brannten und der Wendepunkt von der Judenverfolgung zur Vernichtung mehr als nur zu ahnen war, kommt noch hinzu.
Als Repräsentant einer Partei und Mitglied eines Verfassungsorgans spricht Bergmann nicht für sich allein, auch deswegen ist seine Rede ein bedrückender Beleg dafür, wie schwer man sich in Deutschland oft mit dem Gedenken tut. Man wird durch Bergmanns Worte unmittelbar an zwei prominente Vorredner erinnert, die ebenfalls aus jenem gebotenen Erinnerungsrahmen fielen, von dem Aleida Assmann in ihrem Buch „Der lange Schatten der Vergangenheit: Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“ spricht. Der eine war der CDU-Politiker Philipp Jenninger, damals Bundestagspräsident, der am 10. November 1988 eine Ansprache zum 50. Jahresgedenken der Novemberpogrome hielt. Der andere war zehn Jahre später fast auf den Tag genau der Schriftsteller Martin Walser, der sich in seiner Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche bemüßigt fühlte, das Gedenken an Auschwitz mit einer „Moralkeule“ zu vergleichen. Beide verfolgten mit ihren Reden unterschiedliche Intentionen: Jenninger versuchte durch die Methode einfühlenden Nachvollziehens, die Befindlichkeit der Deutschen im Nationalsozialismus deutlich zu machen; Walser wollte darauf aufmerksam machen, dass die „Monumentalisierung der Schande“ dazu führe, dass die heute lebenden Deutschen bald nichts mehr davon wissen wollten. Aber beide hielten jeweils auf ihre Art eine Rede, die nicht allein den Anlass ihrer Einlassungen verhöhnte, sondern darüber hinaus die Würde der Opfer verletzte.
Im Fall Bergmanns kommt hinzu, dass er sich neben einer „saloppen“ Formulierung im Hinblick auf die deutschen – und die österreichischen – Juden auch noch rhetorische Normalisierungsformeln hinsichtlich Hitlers „Machtergreifung“ leistet – sei diese de facto ja „nur die Übernahme eines Regierungsauftrages durch den Reichspräsidenten in Form einer Koalitionsregierung“ gewesen. Ein unspektakulärer Machtwechsel also, so will es Bergmanns Redefigur suggerieren, als wären nicht schon lange vor 1933 durch Berlin und andere deutsche Städte Hitlers Schergen marschiert, als hätte der Protagonist der „Bewegung“ nicht bereits in den 20er Jahren durch einen Putschversuch demonstriert, zu welchen Mitteln er greifen würde, als hätte er bis zum Reichspräsidenten in den Führungspersönlichkeiten der Weimarer Republik nicht auf weitere Verantwortungsträger vertrauen können, die sich zu Agenten seiner Sache machten. Nein, normal war an diesem Regierungswechsel nichts, da hilft auch keine noch so legalistisch daherkommende Wortwahl – selbst wenn diese, so wie Bergmann es im Nachhinein für sich reklamiert, darauf aufmerksam machen sollte, wie wachsam wir auch heute sein müssen angesichts rechter Herausforderungen. Dieses Anliegen hat er mit seiner schnoddrigen Rede allerdings erfolgreich verschleiert.

Die historische Aufnahme zeigt die Berliner Synagoge in der Fasanenstraße, nachdem sie in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand gesteckt worden war.
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Mit „aufgebauschter Empörung“ jedenfalls haben die Reaktionen auf Bergmanns Beitrag nichts zu tun; sie sind vielmehr Ausdruck des Erschreckens darüber, wie ein Politiker die Regeln des Respekts und der Sorgfalt außer Acht lässt – und damit ist vor allem die sprachliche Sorgfalt gemeint, die nichts anderes ist als der Ausdruck gedanklicher Redlichkeit. Muss man betonen, dass Sensibilität angesichts der groben populistischen Vereinfacher und der Tatsache, dass die Relativierung der Nazi-Herrschaft auch bei manchen Historikern als reizvolles Gedankenspiel gilt, umso notwendiger ist?
Offenbar ja.
EINE ENTGEGNUNG
Im Kulturteil vom Montag dieser Woche verteidigte Markus Schwering unter dem Titel „Aufgebauschte Empörung“ den CDU-Landtagsabgeordneten Günther Bergmann – die Reaktion auf dessen Rede zum 9. November 1938 sei ein „politischer und medialer (das heißt: Internet-basierter) Empörungs-Hype, der wenig über Bergmanns inkriminierte Äußerungen, dafür umso mehr über sich selbst aussagt, genauer: über die Mechanismen öffentlicher Skandalisierung“. Schwering warf den Kritikern mangelnde Sachkenntnis und Pseudo-Moral vor.
Hier nun die Entgegnung zu dieser Position.