Cannes – Wäre es Teil eines Drehbuchs gewesen, hätte sich die Pointe als zu klischiert verboten. So aber kam die Erlösung tatsächlich durch einen Film, der „Salvation“ heißt; und um den unerwarteten Umständen die Krone aufzusetzen, handelt es sich bei dem ersten Film, der mir in diesem Cannes-Jahrgang ohne Abstriche gefiel, um einen Western aus Dänemark. Eigentlich hatte ich die Rolle des filmischen Befreiers einem anderen Beitrag dieses scheinbar ausgelutschten, in Wahrheit unausschöpflichen Genres zugetraut: einer Produktion aus Amerika, die vor allem durch französische Gelder auf den Weg kam.
Aber der Reihe nach. Neun Jahre nach „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ – einem der unbekannten Meisterwerke dieses Jahrhunderts – legte der Schauspieler Tommy Lee Jones seine zweite Regie-Arbeit vor: „The Homesman“ ist ein Western, der im Gegensatz zu „Melquiades“ in den Pionier-Zeiten spielt, Mitte des 19. Jahrhunderts. Aber klassisch ist er zu keiner Sekunde. Das fängt mit der anfangs zentralen Figur an: Der Protagonist ist eine Frau aus New York, die viel zu eigenständig für ihre Zeit und die Bewohner von Nebraska ist; sie ist außerdem nicht wirklich schön, weshalb es ihr einfach nicht gelingt, einen Mann an Land zu ziehen. Vielleicht aus einem generellen Gefühl der Frustration heraus, noch eher aber, weil sie eine vorbildliche Christin ist, erklärt Mary Bee (Hilary Swank) sich bereit, eine fiese Arbeit zu übernehmen: Sie soll drei durchgeknallte Frauen nach Iowa bringen, um sie dort einer Kirchenfrau zu übergeben.
Es ist ein Höllentrip, lang, beschwerlich und durch feindliches Terrain. Nur gut, dass Mary Bee auf dem Weg George Briggs begegnet, einem alten Westerner, der ihr rasch einen großen Gefallen schuldet. Briggs wird von dem alterszerfurchten Tommy Lee Jones verkörpert, der wieder einmal sein großes Talent als großer Knötterer ausspielt. „The Homesman“ pendelt eine Weile lang zwischen trockenem Humor und lakonischer Härte – bis zu einem Moment der Konsequenz ziemlich genau zur Hälfte des Films, den niemand erwartet (glauben Sie niemandem, der behauptet, er habe das kommen sehen); es ist ein Moment, den kaum ein Werk überstehen würde. Auch „The Homesman“ hat schwer daran zu knabbern, und trotz einiger starker Szenen dürfte auch dem letzten Beobachter klar werden, dass dieser Film – im Gegensatz zum einzigartig strukturierten „Melquiades Estrada“ – bei allen ungewöhnlichen Charakteren eher konventionell angelegt ist.
Da hat es „The Salvation“ zugegeben leichter. Der Film verarbeitet in 90 knackigen Minuten ein ewiges Western-Thema: das der Rache. Es geht einher mit der Variation altbekannter Muster: Ein Mann verliert seine Familie (so wie Clint Eastwood in „The Outlaw Josey Wales“ oder Robert Redford in „Jeremiah Johnson“), revanchiert sich, wird von den schwachen Bewohnern eines Städtchens im Stich gelassen (wie Clint in „Ein Fremder ohne Namen“), kehrt aber dennoch zurück, um alle Schurken zu bestrafen.
All das setzt der Däne Kristian Levring schnörkellos in eigenwilligen Bild-Kompositionen um. Anfangs muss man noch ein wenig Angst haben, der Film könnte visuell so manieristisch werden wie „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (2007), aber dann nimmt der Film rasch eine andere Richtung. Mads Mikkelsen ist wie schon in „Die Jagd“ sehr eindringlich in der körperlichen Hauptrolle. Und er wird vorzüglich ergänzt durch eine Reihe von Schauspielern mit Western-Gesichtern (Jonathan Pryce, Jeffrey Dean Morgan). Seine größte Unterstützung erfährt er freilich durch Eva Green, die selbst eine Gezeichnete spielt.
Genre-Werke mit höchster Vorsicht genießen
„The Salvation“ kam auch deshalb so überraschend, weil man Genre-Werke in Cannes gewöhnlich mit höchster Vorsicht genießen sollte. Da Hollywood seine großen Werke nur selten hergibt (und dann gerne dafür gesteinigt wird, so wie 2006 bei „X-Men 3“), schlägt die Stunde der Autorenfilmer, die sich mal auf fremden Terrain versuchen – und oft als Amateure entlarvt werden. Das konnte man in diesem Jahr schon zweimal beobachten: in der Nebensektion „Quinzaine des Réalisateurs“ wurde der Krimi „Cold in July“ gezeigt, in einer Mitternachtsvorstellung lief – außerhalb des Wettbewerbs – „El Ardor“. Beide Werke können ab sofort in Filmschulen als abschreckende Drehbuch-Beispiele gebucht werden.
„Cold in July“ handelt von einem unbescholtenen Kleinstadtbürger und Familienvater, der nachts in Notwehr einen Einbrecher erschießt. Die Tat nagt an dem Täter, der plötzlich in eine „Kap der Angst“-Neuauflage verstrickt zu werden droht, weil der Vater des Einbrechers (Sam Shepard) nach Vergeltung strebt. Doch dann nimmt der Film eine – durch nichts zu rechtfertigende – Wende, die nur deshalb nicht vollends absurd ist, weil ein paar spätere 270-Grad-Drehungen noch grotesker wirken. Polizei-Korruption, Mafia, Snuff-Pornos und ein paar kuriose (und vergagte) Auftritte von Don „Miami Vice“ Johnson später macht sich der Familienvater mit den Routiniers und einer abgesägten Schrotflinte auf zum Rachetrip. Bevor er dann – mit Schussverletzungen an Ohr und Schulter – in den Schoß der Familie zurückkehrt.
„El Ardor“ ist ein Massaker-Movie, das gerne politisch korrekt sein möchte. Es ist die Geschichte von kleinen Bauern, die skrupellose Kapitalisten enteignet sehen wollen. Deshalb schicken sie an die Urwaldränder Südamerikas Söldner, die in ihren Methoden fast noch skrupelloser sind als ihre Auftraggeber. Ein bedrohter Bauer bittet „die Männer des Dschungels“ um Hilfe, so taucht Gael García Bernal als eine Art Öko-Rambo auf; für den Papa kann er nicht viel machen, dafür beschützt er wenigstens dessen Tochter (Alice Braga) und deren Mann, der es offenbar ganz akzeptabel findet, welche Form der Belohnung Bernal bekommt. Er tut ja auch wirklich eine ganze Menge: Er stellt Fallen, schwimmt schneller als Boote, schwingt die Machete, schießt präzise, besitzt sagenhaftes Heilfleisch, kocht Schlangen, um Heilsalben herzustellen und scheint auch noch ganz dick mit einem Jaguar zu sein.
Das ist so schamlos, und es werden so viele Zitate in den großen Kochtopf geworfen – von „Rambo“ über den „Smaragdwald“ bis zu „Der Geist und die Dunkelheit“ und Sergio Leone –, dass man es kaum glauben mag. Regisseur Pablo Fendrik meint es dennoch ziemlich ernst mit seinem Film, aber man sollte ihm den Gefallen tun, es ihm nicht gleich zu tun. Und wer auf lachhafte Entwicklungen wie in „El Ardor“ nicht empört, sondern belustigt reagiert, könnte sogar seinen Spaß daran haben. Für echte Erlösung sind andere Filme zuständig.
