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Wahnsinn einer Patchwork-Familie

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Eins ist schon mal klar nach einem Blick in diese Autobiografie: Woody Allen ist ein besserer Filmregisseur als Autor. Einen gewissen Hang zur Geschwätzigkeit darf man bereits der Schilderung seiner Kindheit in Brooklyn attestieren – diese hat er in „Radio Days“ weitaus unterhaltsamer und prägnanter geschildert, als Aufwachsen im Schatten einer Achterbahn, zwischen irdischen Verlockungen, Sabbathregeln und Orson Welles’ „Krieg der Welten“ aus dem Radio.

Aber die Schilderung der Kindertage des Allen Stewart Konigsberg – als der Woody Allen 1935 in New York geboren wurde –, diese Passage seiner heute erscheinenden Autobiografie „Apropos of Nothing“ wird mancher ohnehin flüchtig überblättern, um zum Wesentlichen vorzudringen: Was hat Allen zu den Vorwürfen zu sagen, er habe seine Stieftochter Dylan missbraucht? Zu jenen Anklagen also, zu denen er sich bislang ausgeschwiegen hat und die es trotz aller Bemühungen seiner ehemaligen Lebensgefährtin Mia Farrow nie bis zur Strafverfolgung gebracht haben?

Nichts sei vorgefallen an jenem Nachmittag des Jahres 1992, an dem er seine damals siebenjährige Adoptivtochter sexuell missbraucht haben soll, die Anschuldigung sei eine Rachefantasie Mia Farrows, in deren Haus in Connecticut die Vergewaltigung stattgefunden haben soll. Bis heute gibt es zwei Lager, die sich unversöhnlich gegenüberstehen, die Front verläuft mitten durch die Patchworkfamilie Farrow-Allen: Hier die Verteidiger des Regisseurs, die argumentieren, Mia Farrow habe Dylan so lange mit ihrer Version der Geschichte traktiert, bis das Mädchen selbst daran glaubte – auf der anderen Seite die Ankläger Allens, die sich durch die spätere Hochzeit des über 50-Jährigen mit der anderen Adoptivtochter Farrows, der damals 22-jährigen Soon-yi, in ihrem Bild des sexuellen Raubtiers bestätigt sehen. Zwei noch 1992 in die Wege geleitete Untersuchungen durch das Jugendamt des Staates New York und durch die Child Sexual Abuse Clinic der Universität Yale fanden keine Beweise. Eine Anklage im juristischen Sinn wurde nie erhoben – dennoch ist die Karriere Allens mittlerweile so gut wie beendet, denn moralisch geriet er auch durch #MeToo so stark unter Druck, dass seine Filme in den USA kaum gezeigt werden und auch die Veröffentlichung der Autobiografie zum Politikum avancierte.

Woody Allen

Und das nicht allein in Amerika, wo der Verlag nach einer Intervention von Farrows Sohn Ronan – der maßgeblich an der Enthüllung der Weinstein-Verbrechen beteiligt war – von einer Publikation absehen wollte. Auch in Deutschland protestierten Autoren gegen das Buch, das hier bei Rowohlt erscheint.

Man kann kaum davon ausgehen, dass sich Allens Widersacher durch die Autobiografie von seiner Unschuld überzeugen lassen. Vielmehr wird man seine Schilderungen des Familienwahnsinns von einst, vor allem aber auch die offenherzigen Einblicke in seine Beziehung zu Soon-yi als weitere Belege seiner Natur werten. Zumal vieles mit einer oft schwer zu ertragenden altväterlichen Ironie erzählt – und im Deutschen auch noch schlecht übersetzt wird.