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Wenn Glauben Zwerchfelle bewegt

4 min

Doch, gibt Conner Peirson zu, vor seinem ersten Auftritt in Salt Lake City sei er etwas nervöser gewesen als sonst. Peirson spielt den Elder Cunningham in der Tourneeproduktion des Musicals „The Book of Mormon“, einen von zwei Missionaren der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, die ausgerechnet in den von Aids, Aberglauben und Warlords heimgesuchten Norden Ugandas geschickt werden, um dort das Buch Mormon von Haustür zu Haustür ziehend anzupreisen.

Am New Yorker Broadway war das Musical nach seiner Premiere im März 2011 ein Triumph und gewann am Ende der Saison neun Tony Awards. Dort läuft es, wie auch am Londoner West End, bis heute vor ausverkauften Plätzen, ist eines der erfolgreichsten Musicals der Welt. Aber Salt Lake City ist nicht London oder New York, Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah ist die Hauptstadt der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, über die Hälfte seiner Einwohner sind Mormonen. Und „The Book of Mormon“ macht sich auf jede nur erdenkliche Art über deren Glauben und deren Eigenarten lustig. Trey Parker und Matt Stone, das Team hinter der respektlosen Zeichentrick-Serie „South Park“, hat es zusammen mit Robert Lopez geschrieben. Wer schon mal eine „South-Park“-Folge oder den Marionetten-Film „Team America: World Police“ gesehen hat, ahnt, was ihn erwartet: Ein alle Geschmacksgrenzen niederreißendes Verlachen des Ist-Zustandes dieser Welt.

Grund genug also für Elder Cunningham, den Musicalmormonen, nervös zu werden. In der Tat verlief die Bühnenshow in Salt Lake City anders als sonst: „Es fühlte sich eher an wie ein Rockkonzert, die Leute schrien, lachten und lärmten.“

Was zum einen daran lag, ergänzt Kevin Clay, der die andere Hauptrolle, den Elder Price, spielt, dass sie hier, am großen Salzsee, vor Fachpublikum spielten, welches jede kleinste Anspielung goutierte. Und zum anderen daran, dass es bei „The Book of Mormon“ selbstredend nicht darum geht, eine bestimmte Religionsgemeinschaft ins Lächerliche zu ziehen – sondern um die Willkürlichkeit, die sich hinter jedem Glaubenssystem verbirgt. Und um das bessere Leben, das Menschen, die sich einem solchen Glaubenssystem unterwerfen, ungeachtet seiner Absurdität erreichen können. Oder gerade deswegen? „Ich glaube, weil es unvernünftig ist“, lautet der entsprechende Satz in der christlichen Theologie.

Nun wird „The Book of Mormon“ zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt, vom 7. bis zum 17. November gastieren Conor Peirson und Kevin Clay im Kölner Musical Dome. Grund zur Nervosität besteht auch hier. Weniger, weil man jemand auf den schmalen schwarzen Schlips treten könnte. Eher, weil in Deutschland nur knapp 40 000 Mormonen leben und das Erste, was allen anderen zu ihnen einfällt, die Mehrfachehe ist. Obwohl die Hauptströmungen der Kirche die Polygamie seit 130 Jahren ablehnen.

Na gut, warum aber sollte man sich „The Book of Mormon“ dann anschauen? Na, zum Beispiel, weil die Show ihres skatologischen Humors zum Trotz eine Verbeugung vor der Kunstform des Musicals ist: Es gibt die große Eröffnungsnummer und das stürmische Finale, es wird gesteppt, es gibt typische Disney-Lieder und gleich zwei sehnsüchtige „I want“-Songs – das sind die Stücke, in denen ein Charakter in die Welt herausruft, was er sich vom Leben erhofft. Längst gelten die „Mormon“-Parodien selbst als Klassiker ihres Genres. Und Mit-Komponist Robert Lopez, der mit „Hasa Diga Eebowai“ („Fuck you, God“) so niederschmetternd das Wohlfühlafrika („Hakuna Matata“) aus Disneys „The Lion King“ entlarvt, hat anschließend im Auftrag der Maus jene Songs für „Die Eiskönigin“ und „Coco“ geschrieben, die heute den Disney-Sound definieren.

Ein anderer, ebenso guter Grund: Es gibt kein zweites Musical, bei dem Sie so laut lachen werden. Auch aus Ungläubigkeit: Das trauen die sich wirklich? Und noch ein dritter: Unter der schmutzigen Schale verbirgt sich ein süßer Kern. Sowohl die Missionare, als auch die zu bekehrenden Ugander werden Ihnen ans Herz wachsen.

Wenn Elder Price selbstvergessen schmetternd aufzählt, was er als Mormone so alles glaubt („Das Gott auf einem Planeten namens Kolob lebt“), fängt man irgendwann nach der Hälfte des Liedes doch glatt an, ihn darum zu beneiden.

Der Autor reiste auf Einladung von BB-Promotion nach London

ZUR SHOW

„The Book of Mormon“ gastiert vom 7. bis zum 17. November im Kölner Musical Dome, in englischer Sprache.

Karten gibt es unter anderem bei KölnTicket (Tel. 02 21/28 01) ab 29 Euro.