Köln – Herr Lingenfelder, eigentlich wollte sich das Kölner Auryn-Quartett, dessen Primarius Sie sind, schon im vergangenen Jahr auflösen. Aber Sie spielen immer noch...Matthias Lingenfelder: Das hat ausschließlich mit Corona zu tun, es sind alles Nachholtermine – auch unsere USA- und unsere Italientournee Ende 2021.
Aber in Köln ist keiner mehr?Nein, wir spielen einmal noch im WDR live – in der Sendung „TonArt“, aber nicht mehr in der Philharmonie. Da waren wir das letzte Mal im Dezember.
Sie haben sich 1981, vor mehr als 40 Jahren, gegründet und sind bis heute in der Ursprungsbesetzung zusammengeblieben. Warum geht ein so erfolgreiches Streichquartett jetzt auseinander?Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist es das Alter – wir sind halt nicht mehr die Jüngsten. Und wir wollten aufhören auf der Höhe unseres Könnens – und nicht, wenn die Leute sagen: Mit denen ist aber nicht mehr viel los. Dazu gibt es auch gesundheitliche Probleme.
Welche?Unser Bratschist Stewart Eaton hatte 2013 einen Schlaganfall. Von dem hat er sich zwar super erholt – da ist nichts übrig geblieben. Aber es hat ihn schockiert, und er hatte schlimme Nervenprobleme. Er wollte einen Endpunkt haben und war davon auch nicht mehr abzubringen. Dann haben wir gesagt: Das Amadeus-Quartett, unsere Mentoren, waren 39 Jahre zusammen, die wollen wir noch toppen. (Lacht) Daraus ergab sich 2021 als letztes Jahr.
Das Auryn-Quartett, 1981 in Köln gegründet, gehört zu den weltweit renommierten Kammermusikensembles. Der Name leitet sich aus Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“ her.
Bereits 1982 nahm das Ensemble am ARD-Wettbewerb in München und am internationalen Streichquartettwettbewerb in Portsmouth erfolgreich teil. Es folgten Studien beim Amadeus-Quartett in Köln und beim Guarneri-Quartett in New York. Seit 2003 wirken die Mitglieder als Professoren an der Musikhochschule Detmold. (ksta)
Ein Austausch des Bratschisten...Nein, das war keine Option. Das wär auch pietätlos gegenüber Stewart gewesen. Also, wenn das früher passiert wäre, hätte man darüber nachdenken können. Aber nicht nach 35 Jahren. Wir hätten diese Homogenität nicht mehr erreicht.
Gab es auch wechselseitige Abnutzungs- und Ermüdungseffekte?In der Probenarbeit schon. Da sagt der Eine zum Anderen halt schon mal: Wie du das spielst, das hab ich jetzt schon tausend Mal gehört. Das gibt es allerdings oft – man muss halt beim Quartettspiel allemal mit der Tatsache zurechtkommen, dass man einander irgendwann sehr gut kennt. Wenn mir am Schluss wirklich etwas gefehlt hat, dann war es eine Portion Entdeckergeist. Aber neues Repertoire, neue Musik – da wollten die anderen nicht mehr. Ich denke, dass man dann aufhören sollte – wenn man nicht mehr bereit ist, sich weiterzuentwickeln.
Wenn jetzt im Februar definitiv Schluss ist – am 27. in der Elbphilharmonie: Werden Sie sich dann betrinken oder heulend in der Ecke sitzen?Nee, gar nicht. Wir hatten eine tolle Karriere, haben schöne Konzerte und Aufnahmen gemacht. Damit können wir rundum zufrieden sein. Ein bisschen Wehmut ist sicher dabei, aber es gibt nichts zu hadern und zu klagen.
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Gab es mal persönliche Zerwürfnisse zwischen Ihnen?Wir waren in den ersten Jahren auch privat viel zusammen. Das hat sich mit der Zeit etwas gegeben – was aber eine ganz normale Entwicklung ist. Nein, wir haben uns nie wirklich gestritten, geschweige denn gehasst. Und sind nach wie vor gut befreundet. Und das bleibt auch. Wir machen ja auch unsere Professur für Kammermusik an der Hochschule in Detmold gemeinsam weiter. Deshalb haben wir finanziell auch ohne Quartetteinkommen keine Probleme. Und ich selbst spiele auf jeden Fall weiter – aber eben nicht mehr im Quartett.
Das Stichwort Amadeus-Quartett fiel bereits. Bei ihm haben Sie, in Köln, gemeinsam studiert. Sie sind, so weit ich sehe, die letzten prominenten „Überlebenden“, die späteren Kölner Quartette – es sind ja etliche – gingen beim Alban-Berg-Quartett in die Schule. Was konnte Auryn bei Amadeus lernen?Wir haben, abgesehen vom Klanglich-Musikalischen, sehr viel über das „Quartettleben“ gelernt – wie man miteinander umgeht, wie man Streit – das waren schon sehr eigenwillige Persönlichkeiten – produktiv umsetzt.
Der herrscherliche Auftritt des Primarius Norbert Brainin musste Ihnen aber schon damals als gestrig erscheinen.Ja, das war einfach ein anderer Stil und eine andere Zeit. Auch dieses fette Legato-Spiel, dieses etwas Flächig-Undifferenzierte – das konnte man dann nicht mehr so machen.
Haben Sie sich von der Historischen Aufführungspraxis inspirieren lassen?Ja, schon, und für unsere Haydn-Gesamtaufnahme haben wir natürlich mal Reinhard Goebel nach Verzierungen und so gefragt. Von einem anderen Quartett, dem Guarneri-Quartett, haben wir dann noch anderes gelernt – die Individualisierung der Mittelstimmen zum Beispiel.
Wie hat sich überhaupt die Quartettkultur im Laufe „Ihrer“ 40 Jahre entwickelt?Das hat sich alles stark geändert. Und gerade jetzt nimmt es noch einmal eine Richtung, die ich persönlich schlecht mitgehen kann. Es kann alles nicht extrem genug sein. Das liegt daran, dass sich die mittlerweile unglaublich zahlreichen jungen Ensembles angesichts der Konkurrenzsituation unter dem Druck sehen, unter allen Umständen ein eigenständiges Profil, einen Markenkern zu entwickeln. Das kann man über die Programmwahl machen, oder man macht es über die Interpretation. Und da liegt dann leider die Gefahr eine gesuchten Originalität.
Sie würden heute nicht mehr so gern als Quartett starten wollen?Nee, das war damals schon noch viel einfacher. Aber noch einmal: Es gab seinerzeit nicht viel Konkurrenz.
Wie sieht es mit dem allgemeinen Interesse aus – gibt es für die Kunstform Streichquartett noch ein Publikum?Das ist immer älter und insgesamt wohl schon weniger geworden. Man sieht es auch an der abnehmenden Attraktivität von Kammermusik-Reihen. Das ist sicher ein Problem. Aber es gibt eben auch immer mehr Veranstaltungen – der Markt ist schon aufgebläht.
Was waren die Highlights Ihrer Quartettkarriere?Mein absolutes Highlight war unser Haydn-Zyklus – wir haben die 68 Quartette insgesamt dreimal gespielt. Da haben wir tolle Entdeckungen gemacht, die meisten kannten wir vorher gar nicht.
Um Teile des Repertoires haben Sie aber auch einen Bogen gemacht...Ja, um die ganz fetten romantischen Schinken. Da lag auch einfach nicht unsere Stärke – weil unser Klangideal eher in Richtung Schlankheit ging.

