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„Zu schweigen war total amoralisch“

7 min

Papst Pius XII. im Januar 1955 an seiner Schreibmaschine

Herr Hochhuth, am Montag sollen, wie von der Forschung gefordert, die Vatikan-Archive zu Pius XII. geöffnet werden. Niemand hat das Schweigen des Papstes zur Judenverfolgung so früh und so schonungslos angeprangert wie Sie. Was war Ihr Motiv, Ihr 1963 uraufgeführtes Drama „Der Stellvertreter“ zu schreiben? Ganz einfach die Frage, die seit 1945 sich jeder hätte stellen können: Wie konnte ausgerechnet der Mensch zum Judenmord den Mund halten, der sich zweifellos selber als Stellvertreter Christi auf Erden sah? Das fragten sich viele, aber ich habe diese Frage als erster öffentlich gestellt. Meine Überzeugung ist und war stets, dass Pius, wenn er den Mut gehabt hätte, für die Juden einzutreten, statt diplomatisch zu taktieren, dem millionenfachen Mord am auserwählten Volk Gottes kraftvoll hätte entgegenwirken können. Zu schweigen war in meinen Augen total amoralisch. In Ihrem Stück gibt es eine Schlüsselszene, die das Verhalten des Papstes – Sie nennen es Versagen – hochdramatisch beschreibt. Ihre Kunstfigur Pater Riccardo, der den Papst zum Eingreifen bewegen will, heftet sich in Gegenwart des Pontifex den gelben Judenstern an seine Soutane. Der junge Jesuit wählt den Weg nach Auschwitz als freiwilliges Martyrium. Eine ungeheure Provokation. „Hier dieser Stern, den jeder Jude, zum Zeichen dass er vogelfrei ist, vom sechsten Lebensjahr an zu tragen hat. Ich werde diesen Stern solange tragen, bis Euer Heiligkeit vor aller Welt den Mann verfluchen, der Europas Juden viehisch ermordet.“ (Zitat aus dem Stück, Anmerkung der Redaktion) Ihr Stück hat den größten Theaterskandal der Nachkriegszeit ausgelöst. Hatten Sie mit einer solchen Wirkung gerechnet? Ich war mir natürlich der Sprengkraft meiner Kernthese bewusst. Aber die gewaltige Erosion, die das Stück auslöste, habe ich nicht vorhergesehen. Würden Sie den „Stellvertreter“ heute anders schreiben? Ich bin oft gefragt worden, ob ich das Stück beim heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand gemäßigter verfassen würde. Sicher nicht. Ich müsste es radikaler schreiben, weil inzwischen neue Fakten bekannt sind, die ich Anfang der 1960er Jahre nicht kennen konnte, etwa über Informationen an den Vatikan durch polnische Priester. Empfinden Sie Genugtuung, dass jetzt die Archive zugänglich gemacht werden? Genugtuung ist ein zu großes Wort. Man hatte sich über die Jahrzehnte daran gewöhnt, dass der Vatikan seine Geheimnisse für sich behält. Die haben doch immer gemauert, wenn es um die Wahrheit ging. Insofern ist es gut und höchste Zeit, dass er nun endlich zulässt, dass diese Geheimakten freigegeben werden. Ich denke, es ist unbedingt wertvoll, nachlesen zu können, was in den Akten steht. Sie haben sich mit Ihrem Werk immer als Aufklärer verstanden. Sehen Sie die Bereitschaft des Vatikans, die Rolle Pius XII. auf den Prüfstand zu stellen, als einen späten Erfolg? Ich habe von mir aus nie auf die Öffnung der Akten gedrängt. Das ging mich ja streng genommen nichts an. Etwas anderes sind meine Wunschvorstellungen als Autor. Aber ich erwarte keine Enthüllungen. Ich muss sagen, dass ich gar nicht sonderlich neugierig bin, sondern nur mäßig interessiert. Das ist erstaunlich. Für mich nicht, weil ja einfach schon lange feststeht: Pius XII. hat zu Auschwitz geschwiegen. Wenn jetzt noch nachgeliefert wird, er hätte eine Begründung dafür gehabt, kann ich nur von einer Begründung in Anführungszeichen sprechen. Denn sein Nach-Nachfolger Paul VI. hat ja die These verkündet, hätte Pius nicht geschwiegen, wären noch mehr Juden ermordet worden. Damit hat er das Schweigen bestätigt. Deutlicher kann ein Eingeständnis doch nicht sein. Was halten Sie von dieser Argumentation? Die ist vollkommen idiotisch. 47 Prozent von Hitlers Untertanen waren Katholiken, und es hätte ihn schlimm in Bedrängnis gebracht, hätte der Papst Auschwitz angeprangert. Pius war in Deutschland unglaublich angesehen und beliebt, was mit seiner Zeit als Nuntius Eugenio Pacelli , als Botschafter des Vatikan im Deutschen Reich von 1917 bis 1929, (Anmerkung der Redaktion) zu tun hatte. Als sein Nachfolger Johannes XXIII. gefragt worden ist, was können wir gegen den „Stellvertreter“ machen, hat er geantwortet: Nichts können wir dagegen machen. Gegen die Wahrheit kann man nichts machen. Das hat keine Geringere als Hannah Arendt in einem Essay für die „New York Times“ überliefert. Was hätte ein Eingreifen des Papstes bewirken können? Ich bin fest davon überzeugt, dass das die Macht Hitlers empfindlich gestört hätte. Es hätte ihn schwer in Bedrängnis gebracht, hätte Pius Auschwitz angeprangert. Für wie berechtigt halten Sie die Sorge, wirklich brisante Dokumente würden möglicherweise doch weiter unter Verschluss gehalten? Es scheint mir selbstverständlich, dass der Vatikan natürlich nichts veröffentlichen wird, was meine Anklage aus dem „Stellvertreter“ bestätigen würde. Erhoffen Sie sich durch die Öffnung der Vatikan-Archive trotzdem neue Erkenntnisse für die Forschung? Das Wort „hoffen“ ist falsch. Was soll ich mir jetzt noch von irgendeinem Papier erhoffen? Es wird nichts Wesentliches mehr zu Tage gefördert werden können. Zu der Kernfrage, ob der Papst zur Judenverfolgung geschwiegen hat, kann es eigentlich keine neuen Erkenntnisse geben. Giovanni Battista Montini , der spätere Papst Paul VI. hat als höchster Außenpolitiker Pius XII. sich zu der Ausrede veranlasst gesehen, Protest gegen die Deportationen hätte alles nur noch schlimmer gemacht. An dieser These wird der Vatikan kaum rütteln. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat gerade mit Blick auf die Archiv-Öffnung von vielen ungeklärten Fragen gesprochen. Zum Beispiel, ob das katholische Kirchenoberhaupt nach dem Krieg hochrangigen Nationalsozialisten bei der Flucht geholfen habe. Dazu weiß ich keine Einzelheiten und fände es etwas albern, mich dazu zu äußern. Stimmt es, dass Sie eigentlich nie ein Gefühl des Illegitimen losgeworden sind, dass Sie als Protestant und nicht ein Katholik den „Stellvertreter“ geschrieben haben? Selbstverständlich stimmt das. Mein Stück wäre viel überzeugender gewesen und weniger angezweifelt worden, wenn ich es als Katholik geschrieben hätte. Wäre die Anklage gegen das Schweigen des Papstes doch von einem Katholiken vorgetragen worden! Aber ich habe „Der Stellvertreter“ ja nicht als Protestant geschrieben, sondern als junger Deutscher, der 1945 in einer US-Wochenschau gesehen hatte, wie Eisenhower als Oberbefehlshaber der Alliierten nach einem Besuch in einem Außenlager des KZ Buchenwald weinen musste.

Arbeit an 200 000 Archivalien

Geöffnet wird am Montag nicht nur das Vatikanische Apostolische Archiv, bis Oktober „Vatikanisches Geheimarchiv“ – wobei „geheim“ lediglich „privat“ bedeutete. Auch die Archive der Glaubenskongregation und anderer Kurienbehörden öffnen ihre Pforten für Forscher. Damit diese darin überhaupt arbeiten können, mussten die Mitarbeiter das gesamte Material erst einmal zusammenstellen und katalogisieren. Und das war viel. 200 000 archivarische Einheiten – Kartons, die wenige Notizzettel oder bis zu 1000 Blatt Papier enthalten können. Die eigentliche Arbeit der Historiker geschieht an einem der knapp 60 Arbeitsplätze im Benutzersaal des Hauptarchivs. Rund die Hälfte ist für jene reserviert, die sich Pius XII. widmen. Andere Forschungen sollen nicht komplett blockiert werden.

In einem eigenen Indexsaal können die Wissenschaftler anhand des Katalogs Material bestellen, das sie interessiert: maximal fünf Kartons pro Tag. „Wenn wir also am 2. März um acht Uhr anfangen, können wir gegen zehn Uhr die ersten Dokumente zu Pius XII. anschauen“, sagt der deutsche Historiker Hubert Wolf, der dort schon oft gearbeitet hat. Anschließend beginnt für ihn und für sein Team das Blättern, Lesen, Entziffern. Auf mitgebrachten Laptops finden die Forscher Material anderer Archive oder Forschungen, das zum Abgleich dienen kann. „Zunächst werden wir versuchen, uns klarzumachen, nach welchem System Akten geordnet wurden“, so Wolf. Denn da Pius XII. die meiste Zeit ohne Staatssekretär regierte, könnte sich in der Ablagepraxis etwas geändert haben. Wer auf Nuntiaturberichte stößt, muss sich ins Archiv des Staatssekretariats begeben; für die Theologie ginge es hinüber in die Glaubenskongregation. (kna)

ZUR PERSON

Mit dem Stück „Der Stellvertreter“ löste Rolf Hochhuth 1963 einen Theaterskandal aus. Im Fokus stehen die Versuche eines Paters, Papst Pius XII. zum Protest gegen die Ermordung der Juden zu drängen. Kritiker werfen Hochhuth vor, er ignoriere entlastende Fakten. (bk)

Lesesaal der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek