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Mehr Sex ab 40Warum guter Sex keine Frage des Alters ist

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Mit zunehmender Erfahrung wissen viele Frauen genauer, was ihnen gefällt. Neue Umfragedaten legen nahe, dass die sexuell erfüllendste Zeit keineswegs in den Zwanzigern liegen muss.

Der sexuelle Höhepunkt gehört in die Jugend? Neue Umfragedaten zeichnen ein anderes Bild.

Fast die Hälfte der befragten Frauen einer aktuellen Erhebung unter Mitgliedern der Dating-Plattform Ashley Madison gibt an, ihre sexuelle „Prime Time“ erst mit 40 oder später erreicht zu haben. Unsere Expertin Louisa Noack kennt die Ergebnis im Detail.

Denn gleichzeitig zeigt sich ein Widerspruch: Gerade in langjährigen Beziehungen kommt die eigene Lust vieler Frauen offenbar zu kurz. Warum Erfahrung, Selbstkenntnis und die Fähigkeit, über Wünsche zu sprechen, für erfüllte Sexualität wichtiger sein können als das Alter.

Wir reden erstaunlich viel darüber, was mit Frauen ab 40 angeblich weniger wird. Die Haut wird weniger straff, die Fruchtbarkeit nimmt ab, irgendwann beginnen die Wechseljahre. Über das, was möglicherweise mehr wird, sprechen wir deutlich seltener: Selbstkenntnis, Erfahrung, Gelassenheit und manchmal auch die Lust. Eine aktuelle Befragung der Dating-Plattform Ashley Madison liefert dafür einen interessanten Anhaltspunkt. 45 Prozent der Befragten geben an, ihren sexuellen Höhepunkt erst mit 40 Jahren oder später erreicht zu haben. Die Zahl ist nicht repräsentativ für alle Frauen, weil dafür 885 Mitglieder der Plattform befragt wurden. Trotzdem passt sie zu einer Entwicklung, die ich auch aus meiner Arbeit als Sexualtherapeutin kenne: Guter Sex hat kein Verfallsdatum. Im Gegenteil. Für manche Frauen wird Sexualität erst mit zunehmendem Alter wirklich zu ihrer eigenen.

Wenn Erfahrung plötzlich sexy wird

Mit 20 haben wir vielleicht einen jüngeren Körper. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass wir ihn besser kennen. Viele Menschen brauchen Jahre, um herauszufinden, welche Berührungen ihnen gefallen, was sie erregt, wo ihre Grenzen liegen und welche Fantasien sie haben. Hinzu kommt etwas, das man kaum messen kann und das dennoch enorm wichtig ist: die zunehmende Fähigkeit, sich von den Erwartungen anderer zu lösen. Was muss ich beim Sex leisten? Wie sehe ich dabei aus? Gefalle ich meinem Gegenüber? Solche Fragen können gerade in jüngeren Jahren einen erstaunlich großen Platz im Bett einnehmen.

Mit wachsender sexueller Erfahrung kann sich der Fokus verschieben. Nicht mehr ausschließlich: Wie wirke ich?, sondern zunehmend: Wie fühlt es sich für mich an? Aus therapeutischer Sicht kann genau das ein entscheidender Schritt sein. Erfüllende Sexualität beginnt häufig nicht mit einer neuen Technik, sondern damit, den eigenen Körper und die eigenen Wünsche ernst zu nehmen.

Ausgerechnet in Beziehungen kommt die eigene Lust zu kurz

Spannend werden die neuen Zahlen an einer anderen Stelle. Denn zu wissen, was man möchte, bedeutet offenbar noch lange nicht, es auch zu bekommen. In einer repräsentativen YouGov-Erhebung sagen lediglich 29 Prozent der 45- bis 54-jährigen Frauen in Deutschland, dass ihre eigene Lust während ihrer gesamten Beziehung Priorität hatte. Bei den 25- bis 34-Jährigen sind es 35 Prozent. International liegen die Werte mit 39 beziehungsweise 48 Prozent deutlich höher.

Darin steckt für mich eine viel interessantere Frage als die nach der berühmten sexuellen „Prime Time“: Wie kann es sein, dass Frauen immer besser wissen, was sie wollen, ihre Wünsche innerhalb einer Partnerschaft aber trotzdem nicht ausreichend Raum bekommen?


Sexualität verändert sich im Laufe unseres Lebens und damit oft auch die Wünsche innerhalb einer Partnerschaft. Das muss kein Problem sein. Schwieriger wird es, wenn wir zwar spüren, dass uns etwas fehlt, aber nicht wissen, wie wir darüber sprechen sollen. In meiner Praxis begleite ich Einzelpersonen und Paare dabei, die eigene Sexualität besser zu verstehen und Wünsche, Grenzen und Veränderungen miteinander besprechbar zu machen. Mehr Informationen gibt es auf www.kommwirreden.de.


Sexualität verändert sich in langen Beziehungen. Aus aufregender Entdeckung wird Vertrautheit, aus spontanen Nächten wird manchmal ein eng getakteter Alltag. Beruf, Kinder, Care-Arbeit, Stress und Müdigkeit sitzen irgendwann unsichtbar mit im Schlafzimmer. Gleichzeitig kann sich eine Routine einschleichen, in der Sex zwar stattfindet, aber kaum noch darüber gesprochen wird, ob das, was seit Jahren funktioniert, beiden eigentlich noch gefällt.

Wissen, was man will, reicht nicht

Auch hier liefert die Befragung eine bemerkenswerte Zahl: International sagen 31 Prozent der Frauen, ein stärkeres Bewusstsein für die eigenen Wünsche habe sie dazu motiviert, diese sexuell auszudrücken. In Deutschland sind es nur 19 Prozent.

Das überrascht mich nicht völlig. Über Sex zu sprechen, ist für viele Menschen noch immer schwieriger, als Sex zu haben. Gerade in langen Beziehungen entsteht schnell die Erwartung, der andere müsse doch längst wissen, was einem gefällt. Aber Sexualität ist nichts Starres. Was uns mit 25 erregt hat, muss mit 45 nicht dasselbe sein. Körper verändern sich, Lebensphasen verändern sich, Fantasien verändern sich. Eine gute sexuelle Beziehung braucht deshalb nicht nur Vertrautheit, sondern immer wieder Neugier.

Statt zu fragen: Warum funktioniert es nicht mehr wie früher?, kann eine viel spannendere Frage lauten: Was gefällt uns heute?

Die Wechseljahre sind nicht das Ende der Sexualität

Gerade Frauen erleben rund um die Lebensmitte zusätzlich körperliche Veränderungen. Sinkende Hormonspiegel können beispielsweise Trockenheit, Schlafprobleme oder Veränderungen des sexuellen Verlangens mit sich bringen. Das bedeutet jedoch keineswegs automatisch weniger Lust. Sexualität wird von weit mehr beeinflusst als Hormonen: Beziehung, Stress, Körpergefühl, Gesundheit, Selbstbild und die Qualität sexueller Begegnungen spielen ebenfalls eine Rolle.

Deshalb halte ich die Vorstellung von einem universellen sexuellen Höhepunkt ohnehin für schwierig. Es gibt keinen Geburtstag, an dem unser Körper heimlich beschließt: So, das war's jetzt mit dem guten Sex. Für manche Menschen liegen besonders erfüllende sexuelle Jahre in den Zwanzigern, für andere in den Vierzigern, Fünfzigern oder später.

Vielleicht ist die eigentliche Prime Time die Freiheit

Möglicherweise liegt genau darin die schönste Botschaft dieser Zahlen. Sexuelle Reife bedeutet nicht, plötzlich sämtliche Antworten zu kennen. Sie kann bedeuten, sich endlich die richtigen Fragen zu erlauben: Was möchte ich? Was möchte ich nicht mehr? Was würde ich gern ausprobieren? Und traue ich mich, darüber zu sprechen?

Wir sollten weibliche Sexualität deshalb weniger als Kurve betrachten, die irgendwann ihren höchsten Punkt erreicht und danach zwangsläufig abfällt. Vielleicht besteht die sexuelle Hochphase eines Menschen vielmehr aus dem Moment, in dem Körper, Erfahrung und Selbstbestimmung zusammenfinden. Und der kann mit 25 kommen. Mit 42. Oder mit 63.

Guter Sex braucht schließlich keinen Jugendbonus. Aber ziemlich häufig braucht er etwas, das mit den Jahren wachsen darf: den Mut, die eigene Lust wichtig zu nehmen.