Abo

Wenn das Glück der anderen wehtutWarum Neid auch unter guten Freunden ganz normal ist

6 min

Sich für einen Freund freuen und gleichzeitig einen kleinen Stich verspüren: Auch in engen Freundschaften kann Neid auftauchen. Entscheidend ist, wie wir mit diesem Gefühl umgehen.

Wir gönnen unseren Freunden ihr Glück. Und trotzdem kann ihr Erfolg manchmal wehtun. Warum Neid auch in den besten Freundschaften ganz normal sein kann.

„Ich habe die Stelle bekommen!“ Eigentlich eine wunderbare Nachricht. Man gratuliert, umarmt sich, stößt miteinander an und meint die Freude sogar vollkommen ernst. Und trotzdem taucht irgendwann dieser eine Gedanke auf: Warum klappt das bei ihr und bei mir nicht? Schon ist er da, der Neid. Ausgerechnet auf einen Menschen, den wir mögen oder sogar lieben. Und fast unmittelbar folgt das schlechte Gewissen. Darf man auf die beste Freundin neidisch sein?

Vielleicht ist schon die Frage falsch gestellt. Gefühle sind zunächst einmal keine Charakterzeugnisse. Sie entstehen, bevor wir entscheiden können, ob wir sie angemessen finden. Entscheidend ist vielmehr, was wir daraus machen. Gerade Neid kann dabei ein ziemlich präziser Hinweis darauf sein, was wir uns selbst wünschen.

Warum uns das Glück unserer Freunde besonders treffen kann

Menschen vergleichen sich miteinander. Das ist kein Phänomen von Instagram, sondern ein grundlegender psychologischer Mechanismus. Besonders interessant sind sogenannte Aufwärtsvergleiche: Wir schauen auf Menschen, die etwas besitzen oder erreicht haben, das wir selbst gern hätten. Das kann motivieren, aber eben auch schmerzen.

Ausgerechnet Freunde bieten dafür eine besonders starke Vergleichsfläche. Wenn eine Hollywood-Schauspielerin eine Villa in Malibu kauft, hat das mit meinem eigenen Leben relativ wenig zu tun. Wird dagegen meine ehemalige Studienfreundin, die ungefähr gleich alt ist und einen ähnlichen Weg eingeschlagen hat, zur Chefin befördert, während ich selbst beruflich feststecke, rückt der Vergleich sehr viel näher. Ihr Erfolg zeigt mir dann nicht nur, was sie erreicht hat. Er erinnert mich möglicherweise daran, was mir selbst fehlt.

Psychologen unterscheiden dabei zwischen verschiedenen Formen von Neid. Der sogenannte gutartige oder konstruktive Neid kann anspornen: Das möchte ich auch erreichen. Destruktiver Neid richtet sich dagegen stärker gegen die andere Person: Warum ausgerechnet sie? Forschung deutet darauf hin, dass diese Formen unterschiedliche Folgen haben können. Während konstruktiver Neid den Wunsch nach eigener Verbesserung fördern kann, geht destruktiver Neid eher mit Abwertung und dem Wunsch einher, den Vorsprung des anderen kleiner werden zu lassen.

Freude und Neid können gleichzeitig existieren

Genau diese Gleichzeitigkeit fällt uns oft schwer. Wir denken gern eindeutig: Entweder ich gönne meiner Freundin ihr Glück oder ich bin neidisch. Aber Gefühle halten sich nicht an solche Ordnungsregeln. Ich kann mich ehrlich über ihre Schwangerschaft freuen und gleichzeitig traurig sein, weil mein eigener Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Ich kann stolz auf die Beförderung meines Freundes sein und dabei merken, wie unzufrieden ich selbst mit meinem Beruf bin.

Das eine macht das andere nicht unecht. Aus therapeutischer Sicht finde ich deshalb eine andere Frage viel interessanter: Worauf bin ich eigentlich neidisch? Auf die Person selbst oder auf das, was sie gerade erlebt? Vielleicht möchte ich gar nicht ihr Leben haben. Vielleicht sehne ich mich lediglich ebenfalls nach Anerkennung, einer liebevollen Partnerschaft, finanzieller Sicherheit oder dem Gefühl, angekommen zu sein.

Dann verändert sich der Blick auf das vermeintlich hässliche Gefühl. Neid wird zu einer Information über die eigenen Bedürfnisse.

Soziale Medien liefern ständig neue Vergleiche

Soziale Netzwerke haben unsere Möglichkeiten, uns zu vergleichen, enorm erweitert. Früher erfuhr man beim nächsten Treffen, dass ein Bekannter auf den Malediven war. Heute sieht man morgens im Bett bereits das erste Foto aus dem Infinitypool. Und natürlich bekommen wir dort selten die durchschnittlichen Dienstage präsentiert, sondern Beförderungen, Hochzeiten, Traumreisen, neue Wohnungen und glückliche Familienmomente.

Untersuchungen zu sozialen Medien zeigen, dass solche Aufwärtsvergleiche Neid begünstigen können. Aber auch hier muss die Reaktion nicht automatisch destruktiv sein. Der Erfolg anderer kann ebenso dazu führen, die eigenen Wünsche deutlicher wahrzunehmen oder selbst aktiv zu werden.

Vielleicht liegt darin der entscheidende Unterschied zwischen „Das hätte ich auch gern“ und „Hoffentlich geht das schief“. Der erste Gedanke erzählt vor allem etwas über mich. Beim zweiten beginnt das Gefühl, sich gegen den anderen zu richten.

Wann Neid eine Freundschaft belasten kann

Problematisch wird Neid deshalb weniger durch seine bloße Existenz als durch unser Verhalten. Wenn wir Erfolge kleinreden, abfällige Kommentare machen oder plötzlich Fehler suchen, nur damit das Leben des anderen nicht mehr ganz so glänzend aussieht, bekommt die Freundschaft die Folgen unseres eigenen Unbehagens zu spüren.

Auch Rückzug kann dazugehören. Wer selbst gerade eine schwierige Lebensphase erlebt, hält die Erfolgsgeschichten anderer manchmal schlicht nicht gut aus. Das muss noch keine schlechte Freundschaft bedeuten. Eine Freundin darf sich über ihre Schwangerschaft freuen und gleichzeitig verstehen, dass ich nach einer eigenen schmerzhaften Erfahrung vielleicht nicht jeden Abend über Kinderwagen und Babynamen sprechen kann. Nähe bedeutet nicht, jedes Gefühl jederzeit miteinander teilen zu müssen.

Gute Freundschaften müssen deshalb nicht nur gemeinsame Freude aushalten. Sie müssen auch damit zurechtkommen, dass das Leben manchmal sehr unterschiedlich verteilt ist.

Was der Neid über die eigenen Wünsche verrät

Statt uns für Neid zu schämen, können wir ihn deshalb als emotionalen Wegweiser betrachten. Wenn mich die neue Beziehung meiner Freundin unverhältnismäßig beschäftigt, fehlt mir vielleicht selbst Nähe. Wenn mich die Karriere eines Freundes wurmt, könnte dahinter der Wunsch nach beruflicher Veränderung stecken. Und wenn mich jedes Urlaubsfoto reizt, wäre möglicherweise tatsächlich eine Pause vom eigenen Alltag nötig.

Hilfreich ist eine einfache Frage: Was hat dieser Mensch gerade, wonach ich mich selbst sehne? Die Antwort kann erstaunlich konkret werden. Und plötzlich geht es nicht mehr darum, dem anderen etwas weniger zu gönnen, sondern darum, dem eigenen Leben wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Das bedeutet natürlich nicht, dass sich jeder Wunsch erfüllen lässt. Manche Lebenssituationen können wir verändern, andere nicht. Aber schon das Benennen dessen, was hinter dem Neid steckt, kann verhindern, dass sich das Gefühl unbemerkt gegen einen Menschen richtet, der eigentlich gar nichts falsch gemacht hat.

Nicht jeder Lebensweg hat denselben Fahrplan

Besonders deutlich wird das bei langjährigen Freundschaften. Mit Mitte 20 sitzen vielleicht noch alle gemeinsam in einer WG-Küche und haben ähnliche Sorgen. Zehn oder 15 Jahre später hat eine drei Kinder, einer gründet ein Unternehmen, jemand lässt sich gerade scheiden und die Nächste fragt sich, ob sie überhaupt noch in Deutschland leben möchte. Aus ähnlichen Ausgangspunkten sind völlig unterschiedliche Leben geworden.

Vielleicht gehört genau das zum Erwachsenwerden: auszuhalten, dass das Leben weder gerecht verteilt noch synchron verläuft. Dass ein Freund gerade etwas bekommt, wonach ich mich selbst sehne, bedeutet nicht, dass mir dadurch etwas weggenommen wird. Und trotzdem darf es wehtun, daran erinnert zu werden, dass ich selbst noch darauf warte.

Die Kunst einer guten Freundschaft besteht deshalb vielleicht gar nicht darin, niemals neidisch zu sein. Sondern darin, zwei Sätze gleichzeitig wahr sein lassen zu können: Ich wünsche dir von Herzen, dass du glücklich bist. Und ich wünsche mir gerade ein bisschen von diesem Glück auch für mich.