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Von seinem VorgängerOrganist aus Meckenheim entdeckt verschollenes Widerstandslied

4 min
Bernhard Blitsch spielt auf einer 1707 in Westfalen gebauten Orgel

Bernhard Blitsch, Regionalkantor im Rhein-Kreis und Kirchenmusiker in Meckenheim 

Der Meckenheimer Organist Bernhard Blitsch hat eine verschollene Komposition seines Vorgängers Matthias Prange entdeckt. 

Wäre Bernhard Blitsch nicht so hartnäckig und neugierig gewesen, bliebe einiges der Lebensgeschichte von Matthias Prange (1922 bis 2009) wahrscheinlich im Dunkeln. Weil der Rheinbacher Kirchenmusiker und Organist aber mehr über einen seiner Vorgänger erfahren wollte, dürfen sich nun eine ganze Gemeinde, Musik- und Kircheninteressierte auf eine besondere Wiedergeburt freuen.

Am Freitag, 12. Juni, wird Blitsch ein mutmaßlich nie öffentlich gespieltes Orgelstück zu Gehör bringen, das Matthias Prange 1943 komponiert hat. Der Titel „Nederlandsche Rhapsodie“, deutet zunächst nicht auf die besondere Bedeutung hin. Laut Definition ist eine Rhapsodie als Vokal- oder Instrumentalwerk zu verstehen, das an keine spezielle Form in der Musik gebunden ist – eine lose Folge, in der die musikalischen Themen nicht unbedingt aufeinander aufbauen, häufig angelehnt an Motive aus der Volksmusik.

Matthias Prange, Organist (gestorben 2009), in Meckenheim tätig von 1983 bis 1987

Matthias Prange, Organist (gestorben 2009), in Meckenheim tätig von 1983 bis 1987

Lied spielte im Zweiten Weltkrieg eine große Rolle

Doch Blitsch, der Prange noch zu Lebzeiten kennenlernen durfte, war von der Rhapsodie irgendwie fasziniert, recherchierte weiter und erfuhr Erstaunliches: „Ein Kollege aus Maastricht bestätigte mir, dass es sich bei der Rhapsodie um ein Lied handelt, das im niederländischen Widerstand im 2. Weltkrieg eine große Rolle gespielt hat.“ Die erste Sendung des niederländischen Exilsenders „Radio Oranje“ aus dem Jahr 1940 beginne, so Blitsch weiter, mit diesem Lied. „Es war später das Pausenzeichen des Radio Nederland Wereldomroep.“

Matthias Prange stammte aus Vaals in den Niederlanden und war mit einer Bonnerin verheiratet. In Bonn habe er auch während des Zweiten Weltkrieges als Organist gearbeitet. In Meckenheim an St. Johannes arbeitete Prange von 1983 bis 1987. „Er war ein sehr zurückhaltender, stiller Mann“, erinnert sich Blitsch.

Aus dem Kirchenchor in Meckenheim erfuhr der jetzige Kantor, dass es einige Notenblätter von Prange im Notenschrank gebe. Bei einer Begegnung vor vielen Jahren sei es aber Pranges Frau gewesen, die Blitsch erneut auf das Thema der Kompositionen brachte. „Und das war auch gut so“, freut er sich. Er wollte den Schatz Pranges bergen und nahm dazu Kontakt mit dessen Kindern, von denen eine Tochter in Sankt Augustin lebt, und die und am kommenden Freitag auch dabei sein werden, auf.

Pfarrkirche Meckenheim

Pfarrkirche Meckenheim

Sie übergaben ihm einen Stapel Kompositionen – darunter ganze Messen, Lieder, Orgel- und Klavierstücke – und eben die „Nederlandsche Rhapsodie“. Blitsch recherchierte weiter: „Das ursprüngliche Lied stammt aus England. Es landete schon im 16. Jahrhundert in den Niederlanden und wurde im Widerstand gegen die Spanier gesungen – als die 1628 Bergen op Zoom belagerten.“ Der Text im Niederländischen sei sehr patriotisch gewesen, so Blitsch weiter, „ein bisschen wie die Marseillaise, aber nicht ganz so blutrünstig“.

„Bemerkenswert finde ich das große kompositorische Können, das mein Vorgänger schon mit 21 Jahren unter Beweis gestellt hat
Bernhard Blitsch

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Lied dann wieder hervorgeholt und war für die Niederländer im Widerstand von großer Bedeutung, hat Blitsch erfahren. Prange, der zu dieser Zeit in Bonn lebte, hat seine instrumentale Fassung für die Orgel dann 1943 geschrieben. Blitsch ist sich nach den Gesprächen mit den Kindern Pranges sicher: Das war seine Art und Weise, gegen die deutsche Besatzung seines Heimatlandes zu protestieren.“

Unabhängig von der Faszination, die mit der bedeutenden Historie der Rhapsodie einhergeht, will Blitsch aber vor allem die Person Pranges und dessen musikalisches Schaffen würdigen. „Bemerkenswert finde ich das große kompositorische Können, das mein Vorgänger schon mit 21 Jahren unter Beweis gestellt hat. Diese Komposition lässt erahnen, was er schon in jungen Jahren geleistet hat.“

Und es sei eben deutlich mehr als eine Melodie, weiß der Experte Blitsch, der vor dem Stück echten Respekt hat. „Prange hat das Lied als Grundlage genommen und mit mehreren Variationen, Stimmen und Harmonien versetzt. Ich finde es von der technischen Anforderung schon schwer.“ Blitsch widmet sich neben der Vorbereitung des Konzertes, das aus Anlass des 50. Jahrestags des Erweiterungsbaus der Meckenheimer Pfarrkirche stattfindet, schon seit einigen Jahren dem Nachlass Pranges.

Ich habe mir vorgenommen, alles zu archivieren und zu digitalisieren
Bernhard Blitsch

Die Initialzündung kam rund um dessen 100. Geburtstag, 2022. Seither beschäftigt sich sein Nachfolger mit den Notensätzen – und stieß zuletzt auch auf die Rhapsodie. Die Notensätze Pranges sind alle handgeschrieben, Blitsch bereitet sie gerade peu à peu in einem Notenschreibprogramm am Computer für die Nachwelt auf. „Ich habe mir vorgenommen, alles zu archivieren und zu digitalisieren.“ Und weil in diesem Fall hören besser ist als lesen, hat er auch schon ein paar Noten auf einem Videoportal hochgeladen und eingespielt. Das geht natürlich nicht über das reale Klangerlebnis, ist sich Blitsch sicher. Weil nicht klar ist, ob Prange die Rhapsodie je öffentlich einmal gespielt hat, könnte die Wiedergeburt am 12. Juni tatsächlich eine echte Weltpremiere werden.