Vor genau 40 Jahren kam die Familie des Kölner Unternehmensberaters Sohrab Salimi aus dem Iran nach Deutschland. Hier schreibt er darüber, was dieses Land ausmacht.
„Danke, Deutschland!“Kölner Unternehmer schreibt zum Geburtstag des Grundgesetzes

Ein Maibaum geschmückt mit Bändern in den deutschen Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold steht auf einem Platz in Schleiden.
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„Prost Walter.“ Diesen Satz sagen meine Schwester und ich bis heute, wenn wir miteinander anstoßen. Es ist eine Art Familienscherz, der auf einen Mann zurückgeht, von dem die meisten Menschen in Deutschland nie erfahren werden: Walter Kienzle, Sozialarbeiter in Schramberg, einer kleinen Stadt im Schwarzwald. Der Mann, der unsere Familie in Empfang nahm, als wir aus dem Iran kamen.
Am 1. Juni 1986 sind meine Eltern, meine Schwester und ich nach Deutschland gekommen. Vierzig Jahre. Ein ganzes Leben für mich. Dieser Text ist mein Versuch, Danke zu sagen. Nicht abstrakt „dem Land„, sondern den Menschen, die dieses Land für mich zu dem gemacht haben, was es ist.

Sohrab Salimi
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Walter Kienzle besorgte uns eine Wohnung und sorgte dafür, dass sie eingerichtet war. Er stellte sicher, dass meine Schwester und ich im Winter passende Jacken hatten. Er meldete uns in der Kita an. Er lud uns zu sich nach Hause ein, damit wir seine Familie kennenlernten. Und er brachte uns bei, wie man sich in Deutschland zuprostet. Daher der Satz, der mich bis heute begleitet.
Wer Walter Kienzle verstehen will, muss Artikel 1 des Grundgesetzes (GG) verstehen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das ist kein Satz, den man auswendig lernt und abhakt. Das ist eine Haltung, die sich in tausend kleinen Handlungen zeigt. In einer Jacke für ein Flüchtlingskind. In einer Wohnung, die jemand nicht an „deutsche Studenten“ vermietet, sondern an eine iranische Familie, in der die Eltern gerade erst die Sprache gelernt hatten, um an der RWTH studieren zu können. So hat es unser späterer Vermieter in Aachen gehalten, Dr. Stockem, ein Zahnarzt, der die Zähne meiner Mutter behandelte, ohne dafür einen Pfennig zu nehmen.
Würde im Sinne des Grundgesetzes ist nichts, was der Staat verteilt. Sie entsteht zwischen Menschen.
In Aachen wohnten wir direkt am Templergraben. Unter uns die Familie Sommer, darunter Frau Nysten, die als einzige im Haus einen Garten hatte und mich dort Fußball spielen ließ. Wenn meine Schwester und ich zu laut waren, sagte Herr Sommer zu meiner Mutter: „Kinder, die nicht laut sind, sind keine Kinder.“ Gegenüber wohnte die Bäckersfamilie Kaussen. Frau Kaussen wusste, dass meine Eltern noch beide studierten. Also gab es jedes Mal, wenn ich Brot holen ging, ein Streuselbrötchen für meine Schwester und mich.
Das sind Menschen, die mir nichts schuldeten. Sie haben uns trotzdem gegeben. Würde im Sinne des Grundgesetzes ist nichts, was der Staat verteilt. Sie entsteht zwischen Menschen.
2002, drittes Semester Humanmedizin an der RWTH Aachen, Anatomiekurs Bewegungsapparat. Ich lande bei Professor Prescher. Freunde aus dem höheren Semester warnen mich: Bei Prescher fällt man durch. Ich hatte bis dahin nie eine Prüfung vergeigt. Abi und die ersten Semester liefen ohne große Anstrengung. Ich war neugierig und bereitete die anatomischen Strukturen mit Begeisterung vor. Trotzdem fiel ich bei Prescher durch die erste Prüfung. Er sagte einen Satz zu mir, den ich nie vergessen habe: „Basierend auf Ihrem Enthusiasmus im Kurs hatte ich von Ihnen mehr erwartet, Herr Salimi.“
Die Freunde rieten mir ab, zur Nachprüfung anzutreten. Ich solle lieber Weihnachten genießen und mein Glück bei einem anderen Prüfer versuchen. Ich konnte das nicht. Nach diesem Satz konnte ich nicht aufgeben. Ich verbrachte die Weihnachtstage am Schreibtisch. Ich bestand. Von diesem Tag an war Prescher mein Mentor. Er gab mir Hiwi-Stellen, Zugang zu Kursen, die für höhere Semester reserviert waren, und er forderte weiter erstklassige Arbeit.
Wer nur fördert, verzärtelt. Wer nur fordert, zermürbt.
Fördern und fordern. Das ist es, was Prescher für mich verkörpert. Wer nur fördert, verzärtelt. Wer nur fordert, zermürbt. Beides zusammen formt Menschen. Dass mir der Wechsel von der Medizin in das Unternehmertum offenstand, garantiert Artikel 12 GG: die freie Berufswahl. Bemerkenswert daran ist nicht, dass es dieses Recht gibt. Bemerkenswert ist, dass es auch für mich galt, ein Flüchtlingskind, und dass ich auf diesem Weg sogar gefördert wurde.
In meinem ersten Workshop saßen vier Teilnehmer. Einer davon war Christian Mertens von der Gothaer Versicherung. Warum er am Donnerstagabend nach der Arbeit zu einem unbekannten Trainer kam, weiß ich bis heute nicht. Nach den zwei Stunden sagte er einen Satz: „Sohrab, wir brauchen das bei der Gothaer. Ich werde das ermöglichen.“ Er hat Wort gehalten. Über Jahre wurde die Gothaer ein wichtiger Kunde. Ohne Mertens’ Einsatz und sein Vertrauen wäre ich nicht der Trainer und Berater, der ich heute bin.
Vom Sozialarbeiter und Lehrer Walter Kienzle bis zu den CEOs, die mir heute schwierige Fragen ihres Unternehmens anvertrauen, zieht sich eine Linie. Es ist die Linie des Vertrauensvorschusses. Menschen haben mir vertraut, bevor ich etwas vorzuweisen hatte. Sie haben mir Türen geöffnet, hinter denen ich erst noch zeigen durfte, was in mir steckt.
Eine Gesellschaft sich nicht daran messen sollte, wie viele Milliardäre sie hervorbringt, sondern daran, wie viele Menschen den Weg von unten in die Mitte gehen können.
Im amerikanischen Narrativ würde meine Geschichte als Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Erzählung verkauft. Eindimensional, verengt auf den finanziellen Erfolg. Ich glaube, dass eine Gesellschaft sich nicht daran messen sollte, wie viele Milliardäre sie hervorbringt, sondern daran, wie viele Menschen den Weg von unten in die Mitte gehen können. Genau das ist das Versprechen der sozialen Marktwirtschaft. Nicht der spektakuläre Aufstieg Einzelner, sondern eine breite, stabile Mitte, in der Menschen Verantwortung übernehmen, Familien gründen, Steuern zahlen und sich um ihre Nachbarn kümmern. Dorthin gehöre ich. Ich bin in erster Linie Vater, Ehemann, Bruder, Sohn, Freund und Bürger. Der berufliche Erfolg ist ein Teil davon, nicht das Ganze.
Die soziale Marktwirtschaft hat mir erstklassige Bildung ermöglicht, ohne dass meine Eltern wohlhabend gewesen wären. Bildung formt Menschen. Ich bin genauso ein Kind dieser Gesellschaft, wie ich ein Kind meiner Eltern bin. Ohne Walter Kienzle, Dr. Stockem, Familie Sommer, Frau Kaussen, Professor Prescher, Christian Mertens und tausend andere Menschen, deren Namen ich hier nicht aufzählen kann, gäbe es mich nicht in der Form, in der ich heute bin. Ich würde existieren. Aber ich wäre nicht ich.
Immanuel Kant schrieb, zwei Dinge erfüllten ihn mit immer neuer Bewunderung: der bestirnte Himmel über ihm und das moralische Gesetz in ihm. Ich würde, in aller Bescheidenheit, hinzufügen: das Grundgesetz unter uns und die Menschen um uns. Das eine ist die Grammatik, das andere die Sprache, in der dieses Land geschrieben ist.
In Deutschland wird viel geklagt. Ich höre das, ich verstehe das. Aber an einem Tag wie diesem, dem Geburtstag des Grundgesetzes vor 77 Jahren, sollten wir den Blick drehen. Nicht auf das, was fehlt, sondern auf das, was da ist. Und das ist viel.
Vierzig Jahre. Danke, Deutschland. Prost Walter.
