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Kommentar

Leben mit KI
Drei Erbstücke für unsere Kinder

3 min
14.09.2026, Bayern, München: Der humanoiden Roboter „Agile ONE“ ist bei einem Pressetermin in der Firmenzentrale von Agile Robots zu sehen. Foto: Sven Hoppe/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der humanoide Roboter „Agile ONE“ in der Münchner Zentrale der Firma Agile Robots

Was für uns Menschen im Zeitalter der KI bleibt, schreibt der Geschäftsführer der Kölner Denkfabrik Gannaca, Christopher Peterka, in seiner Kolumne.

Anfang August sind in Deutschland zwei Dinge geschehen, die scheinbar nichts miteinander zu tun hatten. Für Hunderttausende junge Menschen begann das neue Ausbildungsjahr. Gleichzeitig trat die nächste Stufe des europäischen Gesetzes zur Künstlichen Intelligenz (KI) in Kraft: Wer riskante KI-Systeme betreibt, muss jetzt strenge Auflagen erfüllen. Über die Maschinen hat Brüssel jahrelang verhandelt – über Risikoklassen, Prüfpflichten und Bußgelder. Über die Menschen, die mit diesen Maschinen arbeiten sollen, verhandelt niemand.

Dabei liegen die Zahlen auf dem Tisch. Nach einer Auswertung der Jobplattform Stepstone finden Berufseinsteiger deutlich weniger offene Stellen vor als im Schnitt der vergangenen fünf Jahre – zeitweise fast die Hälfte weniger. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erwartet für 2026 erstmals seit der Finanzkrise einen Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Und anders als bei früheren Umbrüchen trifft es diesmal nicht zuerst die Fabrikhalle, sondern den Schreibtisch: Juristen, Steuerberater, Analysten, Programmierer, Berater – genau jene hoch qualifizierten Wissensberufe, auf deren Arbeit unser Wohlstand beruht. Was sich ein junger Anwalt in drei Jahren Praxis aneignet, erledigt eine KI inzwischen in Sekunden. Nicht fehlerfrei, aber gut genug, dass viele Arbeitgeber die drei Jahre nicht mehr bezahlen wollen.

Öffentlich diskutieren wir derweil über Chatbots im Klassenzimmer. Das ist, mit Verlaub, nicht die Fallhöhe des Problems.

Christopher Peterka

Christopher Peterka

Im Mai stand ich in Düsseldorf auf einer Kongressbühne. Ich hatte keine Präsentation über Technologie mitgebracht, sondern einen handgeschriebenen Brief an meinen Sohn Johann. Er ist 14. In den nächsten zehn Jahren entscheidet sich, wie er ins Berufsleben startet – und ob das, was wir ihm heute beibringen, dann überhaupt noch etwas wert ist. Obwohl ich hoffe, noch lange zu leben, habe ich diesen Brief mein Testament genannt. Er enthält drei Erbstücke, jedes nur einen Satz lang.

1. Sei der, der die Frage stellt – nicht der, der die Antwort tippt

Antworten werden billig, wenn Maschinen sie liefern. Wertvoll wird, wer erkennt, welche Frage sich zu stellen lohnt. Darauf kommt man nicht durch Auswendiglernen, sondern durch Neugier, Widerspruch und Allgemeinbildung.

2. Verkaufe nicht deine Zeit – verkaufe dein Urteil

Ganze Berufsstände leben davon, Stunden abzurechnen. Wenn die Maschine die Stunden übernimmt, bleibt das, was sich nicht abrechnen lässt: Erfahrung, Maßstab, Haltung – die Fähigkeit, zu sagen, welche von zehn möglichen Antworten die richtige ist.

3. Wenn du nicht weißt,

wem du Verantwortung abgibst – gib sie nicht ab

Wir werden künftig vieles an KI delegieren, und oft zu Recht. Aber Verantwortung lässt sich nicht delegieren. Wer unterschreibt, haftet. Diese letzte Instanz bleibt menschlich – und wer ihr gewachsen ist, wird gebraucht werden.

Ich habe diese Sätze zuerst meinem Sohn geschrieben, damit er Orientierung findet. Aber es wäre wohlfeil, sie in der Familie zu behalten. Denn was für Johann gilt, gilt für eine ganze Generation – und unser Bildungssystem bereitet sie darauf nicht vor. Unsere Schulen prüfen weiterhin, wer Wissen speichern und wiedergeben kann. Genau das ist die Disziplin, in der die Maschine den Menschen längst um Längen schlägt. Urteilskraft, Fragekunst, Verantwortung: Nichts davon steht in den Lehrplänen, nichts davon wird im Abitur geprüft – und an den Hochschulen kommt es, wenn überhaupt, am Rande vor.

Der Homo sapiens sapiens, der „doppelt weise“ Mensch, hat sich diesen Namen selbst gegeben. Jetzt wird er von seinen eigenen Werkzeugen auf die Planke gejagt – und muss neu begründen, worin seine Weisheit eigentlich besteht.

Im März habe ich geschrieben, dass ein Sturm aufzieht, während wir übers Wetter reden. Der Sturm hat inzwischen Deutschland erreicht, er heißt Arbeitsmarkt für Berufseinsteiger. Wir schulden unseren Kindern mehr als einen Wetterbericht. Drei Sätze wären ein Anfang.