Sechs Millionen Deutsche spielen regelmäßig Lotto. Millionäre werden davon etwa 35 im Jahr. Ich verplane meine Million trotzdem schon - und gewinne am Ende kein Geld, dafür etwas Erkenntnis.
OptimistinWie ich damit rechne, eine reiche Frau zu werden – und eines Besseren belehrt werde


Wäre Lotto ein Schulfach, ich hätte eine Sechs. Ich habe meist nur EINE Richtige.
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Ich habe nicht im Lotto gewonnen. Ich weiß: Ich verletze mit diesem Anfangssatz alle gängigen journalistischen Handwerksregeln. Denn erstens: Kein „nicht“ im ersten Satz, wir wollen ja sagen, was ist, nicht was nicht ist. Und zweitens: Wir Journalisten wollen überraschen, damit Sie Lust haben, auch den zweiten und möglichst auch den dritten Satz noch zu lesen. Und überraschend ist die Aussage nun wirklich nicht, schließlich spielen etwa sechs bis sieben Millionen Menschen regelmäßig Lotto, Millionäre werden dadurch etwa 35 im Jahr – deutschlandweit. Und selbst hohe Gewinne um die 100.000 Euro streicht nur eine kleine dreistellige Anzahl an Menschen damit ein.
Sie könnten an dieser Stelle also wirklich endgültig aufhören zu lesen. Aber vielleicht bekomme ich Sie mit ein bisschen Empörung noch auf meine Seite. Ich bin nämlich wirklich wütend. Ich muss dazu sagen: Ich spiele quasi nie Lotto, die Male, in welchen ich in meinem Leben grübelnd und mit schwitzenden Fingern Kästchen ausfüllte, würden – wären es Murmeln – in eine Cappuccino-Tasse passen.
Die Wahrscheinlichkeitsrechnung liebt das Knubbelige
Aber ich mache mir viele Gedanken um die richtige Technik. Fast immer wähle ich die Geburtsdaten aller Familienmitglieder, die sich quasi alle in den ersten beiden Zeilen knubbeln, was ich als eine Erhöhung der Gewinnwahrscheinlichkeit verbuche. Schließlich hört man immer mal wieder, dass sich Lottokugeln bei der Ziehung qua Wahrscheinlichkeitsrechnung an keine hübschen Verteilungsmuster auf dem Kästchenblock halten, sondern oft das Wahllose, ja durchaus auch Knubbelige anstreben. Also bleibe ich stur beispielsweise bei der Kombination 2 – 3 – 4 – 9 - 10 – 14, die durch schicksalhaft glückliche Doppelbelegungen Tag und Monat von allen engen Familienmitgliedern repräsentiert. Und dann wäre es ja auch biografisch und emotional schön, wenn man später den Enkeln erzählen könnte, alle Kinder hätten schon qua Geburt zum Familienreichtum beigetragen.
Umso beleidigter bin ich nach der Ziehung, wenn ich dann nichts gewonnen habe. Denn tatsächlich gehe ich jedes der seltenen Male fast sicher davon aus, dass ich nun eine reiche Frau werde. Ich habe mit dem Mann schon darüber nachgedacht, was genau wir mit dem Geld anstellen könnten. Ich habe mir den Moment vorgestellt, wie wir gemeinsam im Café sitzen und feierlich die Richtigen zusammenrechnen. Wie ich in meinem riesigen Rucksack wühle, weil ich den Schein natürlich nicht mehr finde und der Mann ob meiner Schlampigkeit in einem solch lebensentscheidenden Moment fast einen Nervenzusammenbruch erleidet. Wie ich den Zettel dann aber leicht verkrüppelt und ein bisschen nach daneben lagernder Banane riechend aus dem Chaos ziehe und mein Herz dabei so laut gluckst, dass man es hören kann. Wie wir lachen und zur Feier des Tages einen zweiten Cappuccino oder gar noch Käsekuchen bestellen. Und dann vielleicht sogar die Trauben für fast sieben Euro das Kilo kaufen, die ich zuletzt im Supermarkt gelassen habe, weil das nun wirklich zu weit geht.
Am Ende – Sie wissen es bereits – ist aus dem glucksenden Herzen nichts geworden. Ich habe keine sechs, sondern nur EINE Richtige. Das ist selbstverständlich viel zu wenig. Wäre Lottospielen ein Schulfach, ich hätte eine glatte Sechs. Ich bin maßlos enttäuscht. Andererseits: Als der Mann und ich zuletzt darüber redeten, was wir mit den Millionen, die wir im Grunde fest einplanten, denn anstellen würden, glitten wir in eine gewisse Fantasielosigkeit ab. Die Sache mit den Trauben kam vor. Die Möglichkeit von gut gelaunter Großzügigkeit gegenüber gewissen Familienmitgliedern, die chronisch pleite sind. Ein Auto? Da seufzten wir schon. Brauchen und wollen wir eigentlich nicht. Ein Haus? Macht nur Arbeit. Urlaube? Ja, ok. Machen wir aber eigentlich schon schöne. Unterm Strich war Viertagewoche noch der Gipfel der Exzentrik.
Die Erkenntnis zerrt eigentlich jede dieser wenigen Lotto-Enttäuschungen hinter sich her: So viel mehr Glück brächten die Millionen wohl gar nicht. Ich trage mich also mit dem Gedanken, das Kästchenspiel endgültig an den Nagel zu hängen. Ich könnte mir stattdessen die hundsteuren Trauben kaufen, mich in den sonnigen Park setzen und beim Genuss jeder Einzelnen vor Glück glucksen. Wahrscheinlich bin ich schon reich.


