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Interview

Astrophysiker zu Meteorit
„So oft bekommt man das nicht zu sehen im Leben“

3 min
Ein Meteorit ist im Koblenzer Stadtteil Hüls in ein Hausdach eingeschlagen.

Ein Meteorit ist im Koblenzer Stadtteil Hüls in ein Hausdach eingeschlagen. 

Der Astrophysiker Heino Falcke erklärt die Gefahr, die von Meteoriten ausgeht, und ihre Bedeutung als Teil der Entstehungsgeschichte des Kosmos.

Herr Professor Falcke, lacht das Astronomenherz, wenn mal wieder ein Meteorit auf der Erde landet?

Erst mal kurz was zur Begriffsklärung: Meteoriten nennt man die Bruchstücke, die man am Boden findet. Der Meteor ist das Himmelsereignis, das man sieht. Ein Asteroid ist der komische Steinbrocken, der durch das All fliegt. Ein Asteroid kann also beim Auftreffen auf die Erdatmosphäre zum Meteor werden und beim Aufsammeln der Bruchstücke zum Meteoriten. Jetzt aber zu Ihrer Frage: Ja, die Freude ist ungetrübt, solange niemand zu Schaden kommt. So, wie ein Archäologe sich über ein weiteres Eisenbeil oder Tonscherben im Boden freut – je nach Bedeutung mal mehr und mal weniger.

Professor Heino Falcke als Gast der Talkreihe „frank&frei“ des „Kölner Stadt-Anzeiger“ in der Kölner Karl-Rahner-Akademie

Professor Heino Falcke als Gast der Talkreihe „frank&frei“ des „Kölner Stadt-Anzeiger“ in der Kölner Karl-Rahner-Akademie

Was kann man so einem Brocken alles entnehmen?

Diese Meteoriten erinnern uns an unsere kosmische Entstehungsgeschichte. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Himmel geboren. Lebenswichtige Elemente wie Kohlenstoff und Wasser sind durch  sie auf die Erde gekommen. Einige dieser Brocken können sogar noch aus dem solaren Urnebel stammen, aus dem unsere Erde geboren wurde. Andere sind vielleicht Bruchstücke von Asteroidenkollisionen im All.

Wir haben die Möglichkeit, zielgenau Asteroiden oder Kometen zu treffen.
Professor Heino Falcke

Mit welchem Tempo sind sie unterwegs?

Sie fliegen hier im Prinzip ungefähr so schnell, wie die Erde um die Sonne kreist, also rund 30 Kilometer/Sekunde. Wenn sie uns genau entgegenkommen, kann die Einschlaggeschwindigkeit auch doppelt so schnell sein,

Wie könnte man sie abfangen? In Katastrophenfilm-Szenarien ist das ja gang und gäbe.

Bei kleinen Brocken ist das relativ schwierig. Wir sehen sie maximal ein paar Stunden vor dem Einschlag und viele auch erst, wenn sie verglühen. Die Großen können wir rechtzeitig sehen und dann gegebenenfalls mit einem gezielten Stoß ablenken. Die NASA hat das vor nicht langer Zeit mit der Dart-Mission getestet, und auch die Europäer haben die Möglichkeit, zielgenau Asteroiden oder Kometen zu treffen.

Auf lange Sicht wird die Erde auch wieder mit einem großen Einschlag rechnen müssen.
Professor Heino Falcke

Was wäre die Voraussetzung, dass ein richtig großer Meteorit durchkommt? Wie groß wären die Schäden in Abhängigkeit vom Gewicht?

Schon mit einem Durchmesser von zehn bis 20 Metern kann ein Meteorit gehörigen Schaden anrichten. Das letzte Mal war das beim Tscheljabinsk-Meteor der Fall. Der hatte eine TNT-Äquivalent von 500 Kilotonnen und hat einige tausend Gebäude beschädigt, wobei wir da noch Glück gehabt haben, weil er nicht so schnell unterwegs war und auch nicht – sagen wir – mitten in Köln eingeschlagen ist. Ein solcher Einschlag passiert typischerweise alle 100 Jahre – aber man weiß ja nie.

Was für eine Dimension hatte der „Dinosaurier“-Asteroid, der vor gut 65 Millionen Jahren zum großen Aussterben führte?

Den schätzt man auf rund 14 Kilometer. Er hat die Erde in ein Inferno verwandelt, die gesamte Erdgeschichte verändert, aber uns das Leben erst möglich gemacht. Asteroiden sind nämlich sowohl Weltenzerstörer als auch Welterschaffer. Auf lange Sicht wird die Erde auch wieder mit einem großen Einschlag rechnen müssen. Im Gegensatz zu den Dinosauriern sind wir dem aber jetzt nicht mehr gänzlich schutzlos ausgeliefert.

Solche Ereignisse erinnern uns daran, dass der Weltraum nicht leer ist.
Professor Heino Falcke

Wo sind auf der Erde die größten Einschlagstellen sichtbar? Von wann sind die?

Man kann sich auf der Schwäbischen Alb das Nördlinger Ries anschauen oder den Meter Crater in Arizona. Da war ich selbst mal und war sehr beeindruckt.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an den Meteoriten vom Sonntag denken?

Solche Ereignisse erinnern uns daran, dass der Weltraum nicht leer ist und wir Teil eines kosmischen Ökosystems sind. Ich ärgere mich natürlich, dass ich ihn verpasst hab. Ich war sogar ungefähr um die Zeit draußen. So oft bekommt man das nicht zu sehen im Leben.


Mehr zum Thema in Heino Falckes Buch:

Zwischen Urknall und Apokalypse. Die große Geschichte unseres Planeten, Verlag Klett-Cotta, 448 Seiten, 28 Euro (Hardcover), 21,99 Euro (Paperback).