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Ewan McGregor im Interview„Meine Kindheit ist nicht vorbei“

4 min
Ewan McGregor

Ewan McGregor

  1. Ewan McGregor wurde als Obi-Wan Kenobi in „Star Wars“ berühmt.
  2. Nun spielt er im Disney-Film „Christopher Robin“ die Hauptrolle.
  3. Der Film spinnt die Geschichte um Winnie Puuh und seinen menschlichen Freund fort.
  4. Privat geht es bei dem Schauspieler derzeit weniger romantisch zu: Er hat sich nach 22 Jahren von seiner Ehefrau getrennt.

Mr. McGregor, ist es eigentlich für einen gebürtigen Briten vorstellbar, die Geschichten von Winnie Puuh nicht zu kennen?

Ewan McGregor: Nicht in meinem Fall. Diese Geschichten sind so sehr in meinem Bewusstsein verankert, dass ich schon gar nicht mehr weiß, wann ich sie zum ersten Mal gehört habe. Sie waren immer Teil meines Lebens. Zwangsläufig habe ich sie natürlich auch meinen eigenen Kindern vorgelesen.

In „Christopher Robin“ wird die küchenphilosophische Seite dieser Stories betont. Inwieweit hat sie aus Ihrer Sicht Relevanz?

Sie betont, wie du als Mensch dich selbst finden musst. Christopher Robin hat das nötig, er hat nicht die richtige Balance und den Schlüssel zum Glück gefunden. Und Winnie hilft ihm dabei. Er ist wie ein Haustier, das seinen Besitzer bedingungslos liebt.

Und je mehr ich über den Film nachdenke, desto klarer wird mir, dass der Bär auch das Leben im Augenblick verkörpert. Er sagt: Dein Leben passiert hier und jetzt. Und dieses Bewusstsein haben viele von uns bitter nötig. Ständig hängen wir an unseren Smartphones, eine Sekunde nach dem Aufstehen sind wir schon vernetzt. Wir wollen wissen, was der Rest der Welt gerade treibt.

Filmbild Ewan McGregor

Szene aus dem Winnie Puuh-Film

Sie auch?

Wie jeder. Ich habe deshalb kein schlechtes Gewissen, denn unser Leben heutzutage ist nun mal so. Aber ich finde das nicht erstrebenswert. Auch wenn die Geschichten von Winnie Puuh in den 30ern entstanden, haben ihre Ideen nach wie vor Gültigkeit.

Der Film handelt auch vom Ende der Kindheit. Was vermissen Sie von Ihrer?

Das Konzept von Zeit, beziehungsweise das fehlende Konzept. Ich verbrachte meine Sommer im Wald, der sich hinter meiner Heimatstadt Crieff in Schottland erhob. Nach dem Frühstück stieg ich auf mein Rad, holte meinen besten Freund ab, und dann stromerten wir durch den Wald, bis es dunkel wurde. Für meine Eltern war es völlig okay, es waren ja auch noch die friedlichen 70er. Das war ganz sicher.  Die Stunden schienen endlos, ich weiß gar nicht mehr, was wir alles taten – Höhlen bauen, mit Katapulten schießen. Unser ganzer Tag war mit Spielen erfüllt. Aber das kannst du dir eben nur als Kind leisten, wenn du keine Verantwortung zu tragen hast.

Europapremiere McGregor

Bei der Europapremiere in London

Würden Sie sich das zurückwünschen?

In gewisser Weise ist ja meine Kindheit nicht vorbei. Denn ich kann ja immer noch meinen Fantasien frönen, und habe das Glück, dass ich meine kreativen Spielgefährten habe. Und es gibt einzelne Momente, da fühle ich mich exakt an meine Kindheit erinnert. Auf meiner großen Motorradtour um die halbe Welt kam mich mit meinem Kumpel Charley Boorman durch das Marschland von Sibirien. Das war im Sommer, und weil es hoch im Norden war, wurde es nicht richtig dunkel. Also blieben wir die ganze Nacht auf, warfen irgendwelche Steine und rissen dumme Witze – es war genau wie damals.

Sie machten diesen Trip mit 33. Warum taten Sie das nicht früher?

Als junger Mann hatte ich noch nicht das Verlangen, über meinen Tellerrand hinauszuschauen. Manche Leute gehen in ihren 20ern auf Backpacker-Touren, aber ich war damals einfach noch nicht dazu bereit. Als es dann soweit war, ließ ich mich durch nichts abbringen. Ich dachte mir: Ich kann jetzt meinen Ängsten nachgeben und nichts von der Welt sehen, oder ich kann losziehen und etwas Unvergleichliches erleben.

War das so etwas wie eine vorgezogene Midlife Crisis?

Ich befinde mich in einer Midlife Crisis, seit ich 19 bin. Nein – im Ernst. Ich glaube nicht an dieses Konzept. Das ist nur ein deplatziertes Etikett. Wenn jemand in seinen 40ern etwas machen will – ob er sich ein Schlagzeug oder ein Cabrio kauft, weil er oder sie immer davon träumte, dann sollen sie das tun. Das Leben ist kurz – da soll man nichts verpassen. Warum müssen wir uns darüber mokieren? Das macht doch nur die Menschen glücklich.

Zur Verantwortung Ihrer Filmfigur gehört es, Angestellte zu entlassen. Haben Sie da Erfahrungen?

Vor vielen Jahren habe ich einmal ein Kindermädchen gefeuert, weil sie soff und Pillen schluckte. Da habe ich nicht mit der Wimper gezuckt. Anders wäre es, wenn ich jetzt einen Kollegen entlassen müsste. Das würde mir schwerfallen. Doch als Schauspieler hast du ja in der Regel keine Angestellten.

In Ihren Filmrollen geht es nun aber wieder ernster zu – Sie spielen die Hauptrolle in der „Shining“-Fortsetzung „Dr. Sleep“. Entscheiden Sie für so etwas nach den gleichen Kriterien wie bei „Christopher Robin“?

Ich habe kein System. Auf jeden Fall möchte nichts machen, was sich wie eine Wiederholung von Altbekanntem anfühlt. Mir ist es dabei gleich, was das für ein Film ist, solange das Drehbuch mich packt. Wenn das nicht stimmt, kannst du nichts Großartiges schaffen.

Apropos „schaffen“. Die Philosophie von Winnie Puuh ist es, durch Nichtstun etwas zu erreichen. Ist Ihnen das auch gelungen?

Oh ja. Beim Nichtstun finde ich meinen inneren Frieden.

Das Gespräch führte Rüdiger Sturm