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ForschungDas Rätsel der Entchen-Flotte

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Als die 60-jährige Lehrerin Penny Harris 2007 an einem Strand im britischen Devon eine gelbe Quietscheente findet, wird sie über Nacht berühmt. Schließlich habe sie keine x-beliebige Plastikente gefunden, titeln damals die englischen Zeitungen, sondern die erste einer ganzen Flotte von Abertausenden Enten, deren Ankunft in Großbritannien führende Ozeanographen schon vorhergesagt hatten.

Doch dann stellt sich heraus, dass alles nur eine Ente ist. Harris hat eben doch eine x-beliebige Plastikente gefunden und nicht etwa die Vorhut der legendären Quietscheenten-Armada, die seit 1992 Meereskundler in aller Welt geradezu in Verzückung versetzt.

Odyssee über die Weltmeere

Am 10. Januar des Jahres 1992 war es, als der chinesische Frachter „Tokio Express“ auf seinem Weg von Hongkong nach Tacoma in den USA im Nordpazifik in einen schweren Sturm geriet und dabei drei Container mit Plastikbadespielzeug für Kinder über Bord gingen. Die Container öffneten sich in der sturmgepeitschten See und 28.800 gelbe Quietscheentchen, blaue Schildkröten, grüne Frösche und rote Bieber begannen ihre Odyssee über die Weltmeere.

Schnell hatten Ozeanographen in der seltsamen Flotte ein neues Forschungsobjekt gefunden, denn dank ihrer Unsinkbarkeit und äußersten Widerstandfähigkeit erwiesen sich die Tierchen als überaus hochseetauglich und eigneten sich somit ganz hervorragend um Erkenntnisse über die weltweiten Meeresströmungen zu gewinnen.

Der amerikanische Ozeanograph Curtis Ebbesmeyer, der die seltsame Flotte auf ihrem Weg durch die Ozeane erforschte, sagt heute augenzwinkernd: „Es ist absolut unglaublich, was wir von einer Ente lernen können.“

Bis dahin nämlich beschränkten sich die Daten, die den Meereskundlern zur Verfügung standen, vor allem auf das Material, das einige wenige teure Treibbojen lieferten, die öfter mal verloren gingen. Nun aber standen den Wissenschaftlern praktisch über Nacht 28.800 Forschungsobjekte zur Verfügung.

Die Informationen, die Ebbesmeyer auswertete, wurden dabei auch von Amateuren, Touristen und Freizeitkapitänen zusammengetragen, die den Fund einer Quietscheente auf den Internetseiten www.beachcombersalert.org und www.flotsametrics.com meldeten. „Ein dreiviertel Jahr, nachdem die Plastiktiere ihren Kurs aufgenommen, und stolze 2200 Meilen hinter sich gebracht hatten, wurden Hunderte von ihnen in der Nähe von Sitka in Alaska gesehen.

Kurs auf Japan

Zwölf Jahre später, im Jahr 2004, spülte das Meer an genau denselben Strand immer noch neue Entchen,“ sagt Ebbesmeyer. Von Sitka aus ging es weiter an der Küste entlang Richtung Aleuten, wo nach 3500 zurückgelegten Meilen Hunderte von ihnen in Sheyma angespült wurden.

Nun nahmen die Spielzeuge Kurs auf Japan, und von dort aus ging es wieder zurück mit dem subpolaren Strom des Nordpazifiks nach Sitka. Als sie dort nach drei Jahren wieder angekommen waren, hatten sie unglaubliche 6800 Meilen in der Ringströmung des Nordpazifiks zurückgelegt.

Ein anderer Teil der Qietscheenten-Flotte schlug einen südlicheren Kurs ein und durchquerte in sechs Jahren den subtropischen Strom des Nordpazifiks. Doch ist das weitere Schicksal der Flotte heute doch unbekannt. „2007 noch erwarteten die Ozeanographen die Ankunft der Flotte an Großbritanniens Stränden, doch dort ist sie nie angekommen“, sagt der Autor Donovan Hohn, der die seltsame Armada in seinem Buch „Moby Duck“ rund um die Welt begleitet hat.

„Im Nordatlantik konnte nicht ein einziges Spielzeugtier zweifelsfrei der Flotte zugeordnet werden.“ Für den Experten gibt es eigentlich nur zwei Erklärungen: „Erstens: Die Spielzeugtiere waren auf ihrem Weg durch die Arktis schneller als gedacht und haben den Nordatlantik zu einem Zeitpunkt erreicht, als niemand nach ihnen gesucht hat. Zweitens, und das ist die wahrscheinlichere Möglichkeit: Die Sonne und das Meer haben den Spielsachen über die Jahre hinweg so sehr zugesetzt, dass heute nur noch einzelne kleine Bruchstücke umherschwimmen.“

Hohns Meinung nach ist die Quietscheentchen-Flotte, die in einem großen Pulk über die Meere schippert, heute nur noch ein Mythos. Es könnte demnach also gut sein, dass sich die Armada heute zerschlagen hat, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Wahrscheinlich ist sie sogar ein Teil des gigantischen Müllstrudels geworden, der im Pazifik treibt und vom subtropischen Strom des Nordpazifiks zusammengewirbelt wird.

Hohn jedenfalls hat seit 2007 bis zum heutigen Tage kein einziges Quietscheentchen mehr gesehen. Und Curtis Ebbesmeyer hat längst ein neues Forschungsgebiet gefunden: die Erkundung der Meeresströmungen anhand von Geisterschiffen.