Essen – Die genauen Umstände des größten Heroinfundes seit Jahrzehnten in Deutschland will die Polizei nicht verraten, aber so viel steht fest: Das Öffnen und Abladen der 56 Pappkartons mit je zwölf Einmachgläsern vom sichergestellten Lastwagen dauert mehrere Stunden. Auf einem Internetvideo ist zu erkennen, wie die Fahnder die brisante Fracht an einem Abend Ende September von der Ladefläche des blauen Lkw räumen – im Lichtkegel eines Flutlichtmastes auf dem Gelände von Technischem Hilfswerk und Freiwilliger Feuerwehr in Essen-Bergeborbeck.
Insgesamt zählen die Ermittler 330 Kilo Heroin, 60 Kilo mehr als im gesamten Jahr 2013 bundesweit beschlagnahmt wurde. Versteckt war das Rauschgift in einer Lieferung von 23 Tonnen eingelegten Gurken und Knoblauch aus dem Iran. Der Straßenverkaufswert des Opiates beträgt 50 Millionen Euro. Der betäubende und zugleich stark euphorisierende Stoff hätte für 1,3 Millionen Konsumeinheiten gereicht. Eine letzte Zahl noch: Die in Essen gefundene Ration macht laut UN-Schätzungen ziemlich genau ein Tausendstel der Heroinmenge aus, die jährlich auf der ganzen Welt konsumiert wird.
Kein Wunder, dass Jörg Ziercke von einem „besonderen Ermittlungserfolg“ spricht. Erst am Donnerstag hat der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA) die Öffentlichkeit über den spektakulären Fund informiert. Dieser Schlag gegen den internationalen Drogenhandel sei ein neuerlicher Beweis dafür, „dass auch Deutschland Zielland großer Rauschgiftmengen ist“.
Bereits am 22. September hatte die Polizei den Lkw in Essen aus dem Verkehr gezogen. Ebenfalls in Essen verhafteten die Ermittler zwei 30 und 35 Jahre alte Brüder, die dort wohnen und aus Syrien stammen. „Sie sind Geschäftsführer von Firmen, die mutmaßlich Empfänger der Heroin-Lieferung sein sollten“, sagte ein BKA-Sprecher. Zumindest eine der Firmen ist in Köln ansässig. Sie soll neben den mutmaßlich kriminell erwirtschafteten Gewinnen auch legale Umsätze ausgewiesen haben. Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ durchsuchten Polizisten vor knapp drei Wochen die Geschäftsräume auf dem Großmarkt an der Bonner Straße. „Die genauen Bezüge nach Köln sind noch nicht restlos geklärt“, sagte ein Ermittler.
Ebenso unklar ist den BKA-Fahndern zurzeit noch, wie viele Komplizen die Brüder hatten. Die Ermittlungen richteten sich gegen eine syrisch-irakische Gruppierung, heißt es. Außer den beiden Brüdern wurde ein mutmaßlicher Mittäter aus den Niederlanden verhaftet, der zuletzt in Belgien wohnte. Nach weiteren Beteiligten werde gesucht.
Der entscheidende Tipp auf den Lastwagen kam offenbar aus den Niederlanden. „Kein Fahnder hätte das Heroin entdeckt, wenn wir nicht die entscheidenden Hinweise bekommen hätten“, berichtete Sabine Vogt vom BKA. Der Lkw ist vermutlich im Iran gestartet, die Beschriftung der Gurkengläser ist in englischer und persischer Sprache.
Als Eldorado für Drogenhandel und organisierte Kriminalität sieht Bestseller-Autor Roberto Saviano („Gomorrha“) den Standort Deutschland. Schuld daran sind nach Ansicht des Mafia-Experten Verdrängung und Ignoranz, aber auch das strenge Presserecht, das eine „wirklich freie Berichterstattung“ und damit das Entstehen eines breiten öffentlichen Problembewusstseins verhindere. Das schreibt der Italiener in seinem aktuellen Buch „Zero Zero Zero“ über den von mafiösen Organisationen betriebenen globalen Kokainhandel.
Am kommenden Sonntag tritt Roberto Saviano im Rahmen der lit.Cologne Spezial in Köln auf. Nach der Lesung aus „Zero Zero Zero“ diskutiert der Autor mit KStA-Chefkorrespondent Joachim Frank. 12. Oktober, 21 Uhr, Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR, Wallrafplatz. Karten gibt es bei Kölnticket, Telefon 0221/2801. www.lit-cologne.de
„Das Heroin war nach ersten Erkenntnissen nicht für den deutschen Markt bestimmt, sondern sollte ins europäische Ausland transportiert werden“, sagte Anette Milk von der federführenden Staatsanwaltschaft Essen. Womöglich sollte der markante Knoblauchgeruch der legalen Begleitfracht vom verräterischen Duft des braunen, grobkörnigen Pulvers ablenken.
Für das BKA beginnt jetzt auch die Suche nach Verteilerstrukturen und den Abnehmern in Deutschland. „Das ist Fleißarbeit, wie bei Sherlock Holmes“, sagt Vogt. Nach allem, was die Ermittler bisher wissen, wurde das in Essen gefunden Rauschgift in Afghanistan angebaut. Von dort stammt nahezu sämtliches Heroin und Morphium, das weltweit im Umlauf ist. Der Rest wird nach Erkenntnissen der UN-Experten in Myanmar und Laos angebaut.
Von Afghanistan gelangt das Heroin üblicherweise über den Iran und die Türkei nach Europa. Obwohl die Fahnder die internationalen Routen ziemlich genau kennen, sei es schwierig, die Täter zu ermitteln, berichtet Sabine Vogt vom BKA. Beim Transport nutzen die Schmuggler immer wieder neue Varianten: oft Hohlräume in Fahrzeugen, versteckt unter anderer Ladung oder am Körper.
