Interview mit Reporter-Legende„Habe starken Geruch der 1930er-Jahre in der Nase“

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Dokumentarfilmer Georg-Stefan Troller  kam als amerikanischer GI ins Konzentrationslager Dachau.

Dokumentarfilmer Georg-Stefan Troller  kam als amerikanischer GI ins Konzentrationslager Dachau.

Köln – Georg-Stefan Troller ist mit dem Zug aus Paris nach Köln gereist, um aus seinen Erinnerungen zu lesen. In seinem schmucklosen Drei-Sterne-Hotel fühlt sich der große Dokumentarfilmer nicht wohl: Das Zimmer sei leider mehr als bescheiden, sagt er, im Zimmer fotografieren also: bitte nicht. „Lieber in der Hotelbar.“

Sie waren in Ihrem Leben in Hunderten Hotels, schlafen aber eigentlich nicht gern auswärts, oder?

Ich hatte über Jahrzehnte einen wiederkehrenden Alptraum: Lange Gänge in einem Hotel, ich suche mein Zimmer, habe die Zimmernummer vergessen oder den Schlüssel, auf einmal zweigt es sich ab, ich weiß nicht mehr, wo ich bin, finde aber den Weg herunter zum Empfang, und die Dame dort sagt: Sie sind gar nicht bei uns registriert.

Sie mussten mit Ihrer Familie vor den Nazis aus Wien fliehen. Plagt Sie noch heute das Gefühl, verloren zu sein in der Welt?

Natürlich, auch wenn ich den Traum schon länger nicht mehr hatte. Einmal war ich an einem schönen Ort in der Nähe von Berchtesgaden, auf Schloss Elmau, das als Hotel dient. Die brachten mich über viele Gänge und Ecken zu meinem Zimmer und mein Alptraum wurde wahr. So läuft das.

Der letzte Traum, an den Sie sich erinnern?

Lange habe ich geträumt, dass ich filme. Oft sind es schreckliche Dinge, Leichen im KZ Dachau, die ich sah, zum Beispiel. Mit dem Filmen wehrt man den direkten Zugriff des Lebens ab, auch beim Fotografieren ist das so. Deswegen habe ich, als ich als GI nach Dachau kam, immerzu fotografiert. Ich filme, fotografiere, also bin ich. Aber dahinter steckt auch immer das Gefühl, dass man sich durch das Filmen des Lebens erwehrt. Und das macht die innere Diskrepanz des Filmemachers und Fotografen aus.

Sie haben das Genre des Interviews und des Porträts geprägt, in dem Sie sehr viel von sich selbst einbrachten, und haben immer das Fantastische mit der Realität verbunden. Wie wichtig ist Ihnen das, was Realität genannt wird, im Alter noch?

Eine höchst gefährliche Frage. Was ist Wahrheit? Was ist Realität? Bringen Film oder Fotografie Wahrheit? Oder ist das auch nur eine Art des Zurechtbiegens der Wahrheit? Oder sind sie, auf Umwegen, auf die eigentliche Wahrheit gestoßen, indem sie sie zunächst manipuliert haben? Über die Künstlichkeit zur Kunst, das war mein geheimes Schlagwort. Sie als Fotograf müssen davon auch was verstehen (nickt in Richtung Fotograf). Das geht nur über die Fantasie – ohne die Fakten zu missachten.

Haben Sie den psychologischen Ansatz gesucht, weil Sie eigentlich Schriftsteller werden wollten?

Meinen ursprünglichen Wunsch, Autor, Schreiber zu werden, habe ich in die Filme eingebracht. Ich fürchte, ich habe in den Filmen die Menschen zu Figuren meines inneren Theaters gemacht. Ich empfand das als berechtigt – und eigentümlicherweise die meisten Porträtierten auch. Sie empfanden das als Entdeckung in ihnen selbst, für sie selbst – sie waren bis auf ein, zwei Ausnahmen zufrieden mit dem Bild, das ich von ihnen entworfen habe, obwohl das oft nicht das Bild war, das sie vorher von sich selbst hatten.

Zu den Ausnahmen zählt Woody Allen, oder?

Ja, Woody Allen, der andere war Russ Meyer, der Sex-Filmer, der den Film, den wir über ihn machten, gehasst hat. Muhammad Ali dagegen war so zufrieden, dass er uns das Honorar zurückschickte. Ein Gentleman, das ist uns sonst nie passiert.

„Man empfindet das Exil als Schuld“

Würden Sie ähnlich wie der von Ihnen porträtierte Vietnam-Veteran Ron Kovic sagen: Sie haben eine Tragödie erlebt und diese zu etwas Schönem gemacht?

So weit will ich nicht gehen. Tragödie, nein, ich bin ja durchgerutscht, habe ja irrsinnig Glück gehabt. Ich habe eine Destabilisierung erlebt, wie im Moment Hunderttausende, ja Millionen von Flüchtlingen. Verlust von Familienmitgliedern, Heim, Vermögen, Verlust des Selbstverständnisses. Plötzlich wird man angespuckt und die Leute sagen: Geh zurück dahin, wo du herkommst!

Sie sind, nachdem Sie als GI bei der Befreiung Deutschlands dabei waren, in Paris gelandet und haben schnell Karriere gemacht beim Rundfunk und Fernsehen. Wieso haben Sie sich erst mit 50 als Jude zu erkennen gegeben, da waren Sie doch längst etabliert?

Vergessen Sie nicht, dass in den 50er und auch noch in den 60er Jahren fast nur alte Hasen das Sagen hatten in den Sendern, Seilschaften aus der Nazi-Zeit. Es gab immer die Frage: Herr Troller, wo kommen Sie eigentlich her? Wieso sprechen Sie so gut Deutsch? Die Fragen kamen hintenrum, und so habe ich auch verlogen geantwortet: Ich bin Elsässer, Südtiroler, Germanistikstudent, oder: Meine Mutter ist in Deutschland groß geworden. Was ging es die an?

Aber es war eine Genugtuung, als Sie sich „geoutet“ haben?

Ja, schon. Die Zeit war gekommen nach meiner Emigrantentrilogie „Wohin und zurück“. Woher wissen Sie so gut Bescheid über diese Periode, fragten die Leute. Weil es mein Leben ist, habe ich geantwortet. Schwer zu sagen, warum ich nicht eher damit herausgerückt bin. Ich wollte eben nicht als Außenseiter beginnen, sondern als Insider. Ich wollte dazugehören. Ich wollte, dass die Deutschen irgendwann einen Juden liebten, ohne es zu wissen – weil sie seine Filme gut fanden.

Sie haben den Interviewpartnern viel von sich erzählt, um ihrerseits viel zu erfahren. Haben Sie denen auch von Ihrer Biografie erzählt?

Nein, nie. Der Exilant empfand sein Dasein ja insgeheim irgendwie als Schande, als Schuld. Das ist das, worüber nie geredet wurde. Darüber hat nicht Brecht und nicht Thomas Mann und nicht Feuchtwanger und nicht Werfel gesprochen. Man empfindet das Exil als Schuld, man hat sich vor etwas gedrückt. Aber was ging das die anderen an? Warum sich dem aussetzen?

Ihre Art zu fragen und Ihre Energie resultieren auch aus Ihrer Vergangenheit. Waren Melancholie und Wut Hauptquellen Ihres gewaltigen Pensums?

Nur der Kranke kann über Krankheiten mit Kranken reden – sonst bleibt er immer Außenseiter. Der Beschädigte spürt, ob der andere sein Gefühl kennt. Kennt er das, so stellt sich eine Verbindung her. Kannst du dieses Verständnis hervorrufen – und du kannst es sehr oft, weil ja jeder irgendwo Außenseiter ist, in der Familie, in der Schule, in seinem Beruf, irgendwo – dann bist du im Geschäft.

Bei Woody Allen hat es nicht geklappt.

Woody hat mich wohl als Rivalen der gleichen Gefühle betrachtet, die er selbst kannte. Bei ihm hatte ich den Eindruck, er dachte immer: Mann, hätte ich nicht dieses Riesenglück gehabt auf dieser Welt, dann wäre ich jetzt dieser Troller. Darum wollte er bloß als Filmemacher angesprochen werden und nicht als psychologischer Fall. Das kann ich gut verstehen.

„Die meisten waren am Ende glücklich mit ihrem Film“

Wer hat Ihnen besonders geholfen, sich selbst auf die Schliche zu kommen?

Das war Ron Kovic, der querschnittsgelähmt mit 23 aus Vietnam zurückkam und sein Leben neu aufbauen musste. Wie schaffte er das? Indem er sich für andere einsetzte, in diesem Fall die verwundeten Kumpel aus Vietnam. Und gegen den Krieg eintrat und gegen die Kriegstreiber. Selbstheilung über andere – das hat mich immer fasziniert.

Gab es Porträts, wo Sie im Nachhinein dachten: Hier bin ich zu weit gegangen?

Ja, ja. Tränen gab es auch. Hat man das Recht, die Leute zum Weinen zu bringen? Da war ein nordirischer Dichter, dessen bester Freund, ich nehme an Liebhaber, im Bürgerkrieg ermordet wurde. Wir brachten ihn an sein Grab, natürlich gab es dort einen Zusammenbruch, und wir haben das gedreht, wenn auch dezent. Darf man das? Beim Rundfunk war man allein mit dem Mikro, beim Fernsehen waren wir zu dritt oder zu viert gegen einen. Und du hattest das Mordgerät, die Kamera, in der Hand. Das ist ja eine Waffe, die gefährlicher sein kann als ein Gewehr. Aber ich muss sagen, die meisten waren glücklich mit ihrem Film am Ende.

Haben Sie Interviews als Spiel genommen – oder als Duell?

Ich habe immer vermittelt, dass hier ein Spiel stattfindet. Man suggeriert, dass man sein Gegenüber versteht, suggeriert, dass es hier nicht auf jedes Wort ankommt, und, zwischen den Zeilen: He, keine Angst, es bleibt doch unter uns!

Hat es Sie in bestimmten Lebensphasen zu bestimmten Persönlichkeiten hingezogen?

Ich war nie auf Informationen aus, sondern auf psychologische Menschendarstellung. Ich habe mich im Grunde nie viel für Meinungen interessiert, oder politische Richtungen. Sondern, warum die Leute an das und jenes glaubten. Wie sind sie das geworden, was sie sind? Das war Politikern höchst unangenehm.

Haben Ihnen die Filme geholfen, angstfrei zu werden?

Ja, sehr, aber nie ganz.

Haben Sie noch Alpträume?

Der Dokumentarfilm, wie wir ihn praktizierten, also ohne Drehplan und Drehbuch, ist ja eine Seiltänzerei. Sagen wir, der Sender hat schon Tausende ausgelegt für den Transport von Team und Material, und es kommt kein Film zustande – was dann? So wollten wir einmal einen Film über Jack London drehen, als Goldsucher in der Schneewüste von Alaska. Nur leider gab es keinen Schnee. Und nun standen wir da.

Das verfolgt Sie heute noch im Schlaf?

Ja. Man blendet immer zurück in seinen Träumen – man träumt sich nie als alten Mann, man träumt sich jung und aktiv.

„Antisemitismus lässt sich leicht in Antiislamismus umpolen“

Ist es belastend, sich ständig zu erinnern? Die Vergangenheit ist so groß, der Zukunftshorizont nicht mehr so.

Viele Zukunftshoffnungen gibt es allerdings nicht. Man hofft auf einen milden Tod. Und, dass es einem gelungen ist, Frau und Töchter versorgt zurückzulassen. Die Abwesenheit von Krankheit und Schmerz empfindet man schon als Gottesgabe. Und dass sich einem noch so viele Menschen zuwenden bei Vorträgen und Lesungen. Ein großes Glück.

Was hat es Ihnen für Ihr späteres Berufsleben gebracht, dass Sie als amerikanischer GI deutsche Kriegsgefangene vernommen haben?

Erstens einmal: Endlich Nazis bekämpfen, nicht mehr davonlaufen müssen. Jetzt bist du der Herr. Andererseits hattest du ja die Aufgabe, ihnen ihre taktischen Geheimnisse zu entlocken. Sie mussten Verrat üben, aussagen, wo steht das Maschinengewehr, wo stehen die Granatwerfer, von wo kommt der Nachschub? Also musstest du schlau sein, wie ein Polizist im Verhör. Aber dazu kam dann das Gefühl: Eigentlich, im Tiefsten, gehörst du auch zu diesen Leuten. Es war ganz eigentümlich, dieser Zwiespalt. Ich glaube, das hat schon wesentlich zu meiner inneren Entwicklung beigetragen.

Glauben Sie, dass es in ferner Zukunft einmal eine Welt geben könnte, in der Juden nicht mehr verfolgt werden?

Die Siedlungspolitik Israels ist ja jetzt, vor allem bei der Linken, die große Ausrede für den Antisemitismus. Man liebt die Juden, aber man hasst Israel. Im Übrigen lässt sich, wie Marine Le Pen in Frankreich zeigt, der Antisemitismus leicht zum Anti-Islamismus ummodeln. Ich habe einen ganz starken Geruch der 30er Jahre in der Nase, die ich ja schon bewusst erlebt habe. Überall wird wieder vom „Volk“ geredet – da gehört unsereins ganz schnell wieder einmal nicht mehr zum „Volk“. Da wird einem plötzlich in Erinnerung gerufen, dass die Menschheit zu allem fähig ist, wie gehabt. Man kann nur hoffen, dass die Warnungen des vergangenen Jahrhunderts ihr Gewicht behalten.

Das ist Georg-Stefan Troller

Georg-Stefan Troller, geboren 1921 in Wien, ist TV-Journalist und Dokumentarfilmer. 1941 emigrierte er in die Vereinigten Staaten.

Troller wurde durch seine subjektiv geführten Interviews bekannt, etwa in der Reihe „Personenbeschreibung“.

Er lebt mit seiner zweiten Frau in Paris. Sein jüngstes Buch mit gesammelten Texten heißt „Unterwegs auf vielen Straßen“ (Memoria Verlag, Hürth). (uk)

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