Abo

Unter IS-VerdachtTroisdorferin soll sechsjährigen Sohn radikalisiert haben

5 min
IS-Anhängerinnen landen in Deutschland

IS-Anhängerinnen kommen am Frankfurter Flughafen an.

Düsseldorf – Der Junge ist sechs Jahre alt, als er mit seiner Mutter zur Terror-Miliz „Islamischer Staat“ (IS) im irakischen Mossul reist. Sein Vater weiß nichts von der heimlichen Entführung. Verena M., eine islamische Konvertitin aus Troisdorf, zerrt ihren Sohn 2015 ins IS-Kriegsgebiet. Die Fanatikerin trichtert ihm die radikal-islamische IS-Ideologie ein. Koran, Sunna und die Sharia (islamische Gesetzgebung) sind fortan die Richtschnur für den Jungen. So zumindest steht es nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ in den Akten der Bundesanwaltschaft.

Demnach trägt der Junge Mohammed, der tatsächlich anders heißt, Tarnuniform, trainiert den Dschihad in IS-eigenen Sportprogrammen. Stolz sendet Verena M. Fotos nach Hause, auf denen der Sohn mit Schnellfeuergewehr posiert und den Tauhid-Zeigefinger in die Höhe hebt. Das Zeichen, mit dem Anhänger der Terror-Garden sich zum selbst ernannten Kalifatsstaat bekennen. Mohammed besucht keine normale Schule. Vielmehr zählt der Junge zur Generation „der neuen Löwen“ im Kampf gegen die Ungläubigen.

Mutter flieht mit Sohn nach Syrien

Mohammed leistet den Treueeid auf den inzwischen getöteten IS-Anführer Abu Bakr al- Baghdadi. Die Zeiten ändern sich. Mossul fällt an die kurdischen Freischärler und ihre US-Verbündeten. Mohammed und seine Mutter müssen nach Syrien fliehen. Doch auch dort zeichnet sich der Niedergang der Terror-Miliz ab.

Bomben fallen. Menschen sterben vor den Augen des Jungen, der Tod begleitet Mohammed wie ein Vertrauter. Er muss zusehen, wie einer seine Spielkameraden durch Soldaten exekutiert wird. Der Junge beobachtet ferner, wie eine Mine einen alten Mann in den Tod reißt. Verängstigt verkriecht sich der Sechsjährige monatelang in den stetig wechselnden Behausungen.

Junge lebt heute beim Vater im Rheinland

Heute ist Mohammed zwölf Jahre alt. Er lebt wieder bei seinem Vater im Rheinland, leidet aber immer noch unter den traumatischen Erlebnissen. Seine inzwischen inhaftierte Mutter muss sich von Montag an vor dem 7. Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf wegen der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung, Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht sowie der schweren Entziehung Minderjähriger verantworten.

Neuer Inhalt (2)

Die Troisdorferin muss sich vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten.

Im Januar 2019 hatte Verena M. sich mit Mohammed und einem weiteren während ihres Aufenthalts im Kriegsgebiet geborenen Sohnes kurdischen Milizen ergeben. Zweieinhalb Jahre verbrachte die Familie in den Gefangenenlagern al-Hawl und Roj in Nordsyrien.

Jesidische Sklavin drangsaliert

Am siebten Oktober 2021 landete Verena M. mit sieben weiteren internierten IS-Frauen und 23 Kindern in einer Rückholaktion durch das Auswärtige Amt wieder in Deutschland. Etliche Mütter wurden am Flughafen Frankfurt/Main verhaftet. So etwa auch Romiena S., die sich derzeit vor dem Oberlandesgericht in Celle wegen diverser Terrordelikte verantworten muss. Unter anderem auch wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Zeitweilig hielt sich die Angeklagte bei einem IS-Sklavenhändler in Syrien auf und soll eine jesidische Gefangene drangsaliert haben.

Nacheinander vermählte sie sich mit verschiedenen IS-Kämpfern, darunter auch mit dem Bonner Fared Saal, der an einem Massaker auf einem eroberten Gasfeld in Syrien teilgenommen haben soll. Auch sie lebte getrennt vom Vater ihrer kleinen Tochter. In ihrem islamistischen Wahn schloss sich die in Mülheim/Ruhr geborene Angeklagte mit dem vierjährigen Mädchen dem IS in Syrien an.

Kind muss Steinigung von Ehebrecherin sehen

Das Mädchen musste ebenfalls zahlreiche Bombardements durchleben. Auch soll sie laut Bundesanwaltschaft immer wieder mit Hinrichtungsvideos der Terror-Brigaden konfrontiert worden sein. Im März 2017 zwang Romiena S. ihr Kind, die Steinigung einer Ehebrecherin mit zu verfolgen. Das Mädchen weinte, doch ihre Mutter schien dies nicht zu kümmern.

Johannes Pausch, Verteidiger der 33-jährigen Angeklagten, sagte dem NDR, seine Mandantin werde dem Gericht ihre damaligen Beweggründe und Erlebnisse umfassend schildern: „Sie sagt, sie möchte mit dem Kapitel abschließen und es sei der größte Fehler ihres Lebens gewesen." Auch nehme sie aktiv an einem Aussteigerprogramm teil. Das Gleiche gilt für die Troisdorferin Verena M.. Auch sie befindet sich im NRW-Aussteigerprogramm für Islamisten namens „Wegweiser“.

Das könnte Sie auch interessieren:

Die Biografien der beiden jungen Frauen gleichen sich laut Bundesanwaltschaft. Labil, sinnsuchend, zuletzt von staatlicher Stütze abhängig, scheitern sie mit ihren ersten Ehen. Verena M. trennt sich von ihrem Mann. Stattdessen führt sie nach der Geburt des ersten Sohnes ein ausschweifendes Leben, lässt ihren Jungen bei der Mutter, während sie ausgeht.

Mutter schwört dem Alkohol ab und verschleiert sich

Im Jahr 2013 vollzieht die Troisdorferin den Ermittlungen zufolge einen radikalen Wandel. Sie hört auf zu rauchen und trinkt keinen Alkohol mehr. Die junge Frau beginnt sich zu verschleiern, wer Kritik daran übt, dem beginnt sie zu drohen.

Übers Internet radikalisiert sich Verena M. zunehmend. Dort lernt sie auch gleichgesinnte Extremisten kennen. Unter anderem ihren zweiten Mann, der später zum IS nachreist.

Am Ende steht für Verena M. einzig der Weg in den Dschihad. Kaum in Syrien angelangt, posiert die Angeklagte für ein Selfie mit einem Schnellfeuergewehr vor dem Siegel des Propheten Mohammed.

Bald aber gerät die Islamistin in Geldnöte. Ihr neuer Mann wandert zeitweilig in Haft, weil er sich weigert, an der Front zu kämpfen. So fordert sie knapp 4000 Euro vom Vater ihres Sohnes Mohammed. Als der sich weigert, beschimpft Verena M. ihn als „dreckigen kafir“ (Gottesleugner). Zudem droht sie, dass ihr Ex-Mann seinen Sohn nie wiedersehen werde.

Das Gegenteil stellt sich ein. In dem anstehenden Prozess soll der Vater Mohammeds als erster Belastungszeuge aussagen.