Lebensmittelhändler vor GerichtTroisdorfer wird der Terrorfinanzierung beschuldigt

Der Beschuldigte aus Troisdorf muss sich vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten.
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Düsseldorf/Troisdorf – Der Mann mit dem Kampfnamen Abu Jafar war gesprächig. Gleich in elf Verhören gewährte Alagie Touray aus Gambia nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ den Staatsschützern in Neapel detaillierte Informationen über Anschlagspläne der Terror-Miliz „Islamischer Staat“ (IS) in Westeuropa. Touray, so übermittelten später die italienischen Behörden ihren Kollegen der Bundesanwaltschaft, schilderte, wie ein IS-Rekrutierer unter dem Aliasnamen Batch Jobe ihn in seiner Heimat angeworben hatte.
Mit weiteren Gesinnungsgenossen soll es dann in ein Wüstencamp der Terror-Brigaden in Libyen gegangen sein. Zwei Monate lang wurden dort etwa 100 Neuankömmlinge militärisch und in religiösen Kursen gedrillt. Im Laufe der Zeit teilten die Ausbilder die Rekruten in zwei Einheiten auf: Erstere sollte in Kämpfen helfen, den IS-Einfluss in Libyen zu erweitern. Die zweite Abteilung bestand aus potenziellen Selbstmordattentätern. Nach Angaben Tourays bereitete die Islamisten-Garden ein Projekt in Europa vor, das koordinierte Anschläge in mehreren Ländern vorsah. Der 25 Jahre alte Gambier stand auf der Attentäter-Liste.
Diskussionen um Anschlagsvarianten
Nach dem Training entsandte der IS den Afrikaner nach Italien. Dort nahm Touray nach eigener Aussage über den Messengerdienst „Telegram“ Kontakt zu einer IS-Zelle auf. Die Extremisten diskutierten über unterschiedliche Anschlagsvarianten: Entweder mit einem Lkw in eine Menschenmenge rasen, so wie es der Tunesier Anis Amri anderthalb Jahre auf dem Berliner Breitscheidplatz zuvor gemacht hatte. Alternativ zogen die Terrorplaner auch Attacken auf Bankfilialen in Spanien oder Frankreich ins Kalkül.
Touray war schließlich soweit, um als Shahid (Märtyrer) zu sterben. Entweder mit dem Messer oder im Auto. Er erneuerte den IS-Treueeid, schaltete seinen Telegram-Account ab und versuchte sich falsche Papiere zu beschaffen, um nach dem Schlag gegen die Kuffar (Ungläubige) abtauchen zu können. Am 10. April 2018 wurde er festgenommen. Gut ein Jahr später verurteilte ihn das Landgericht Neapel zu dreieinhalb Jahren, weil er zu einer Terror-Gruppe gehörte, die Anschläge in Europa verüben wollte. „Bei dem vorliegenden Verfahren konnte vollumfänglich bewiesen werden, dass es in Italien, wie auch in anderen europäischen Ländern, eine Zelle gibt, die ganz konkret einsatzfähig ist“, resümierte das Gericht in Neapel.
Mutmaßlicher Terrorfinanzierer aus Königswinter
Während der Verhöre führte der Islamist die Staatsschützer auf die Spur eines mutmaßlichen Terrorfinanziers, der in Königswinter gemeldet ist: Ein 50 Jahre alter Iraker, der sich Abu Saad nannte, und in Troisdorf ein Geschäft für orientalische Lebensmittel betrieb.
Der gambische Anschlagsplaner will von seinem Lehrmeister erfahren haben, dass Abu Saad ein Terrorist sei, der ebenfalls auf der Attentäter-Liste stehe. In den höchsten Tönen schwärmte der gambische IS-Resident von dem Deutsch-Iraker. Wenn der in den Kampf gehe, hieß es, „und dabei Menschen töte, führe ihn die Hand Gottes“.
Troisdorfer soll Mittel für Dschihad geschickt haben
Gleich mehrfach soll der Troisdorfer den Ermittlungen zufolge nach Gambia gereist sein und die Rekrutierungsbemühungen der Terror-Miliz unterstützt haben. Auch soll er vom Rheinland aus Mittel für den Dschihad an ein Geldtransferbüro eines IS-Anwerbers in dem westafrikanischen Staat geschickt haben. Sein Anwalt wollte auf Anfrage keine Stellungnahme zu den Vorwürfen abgeben.
Vom 23. März an muss sich Abu Saad vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf wegen der Unterstützung des IS und Verstößen gegen das Außenwirtschaftsgesetz verantworten. Die Bundesanwaltschaft stellte mindestens drei Zahlungen an den IS-Rekrutierer in Gambia von insgesamt gut 1000 Euro fest. Kein horrender Betrag. Aber der Fall des Abu Saad liefert interessante Einblicke in die aktuellen Strukturen, Strategien und Pläne des IS.
Nach seinem Niedergang in Syrien und dem Irak agiert die Terror-Miliz insbesondere über ihre Ableger in Afghanistan, Jemen, Ägypten und Libyen. Aus dem krisengeschüttelten nordafrikanischen Staat erhielt bereits der Lkw-Todesraser Amri seine Anweisungen für den Terrorakt in Berlin mit elf Toten.
Von Libyen aus Anschläge in Europa gesteuert
Guido Steinberg, Experte für islamistischen Terrorismus bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, konstatierte in einer älteren Studie, dass IS-Kommandeure von Libyen spätestens in jener Zeit, auch „Anschläge in Europa steuern“. In dem Kontext nannte der Islamforscher „die Verbindung zum libysch stämmigen Briten Salman Abedi, der im Mai 2017 bei einem Selbstmordattentat auf ein Konzert in Manchester 22 Menschen tötete.“
Nach massiven Luftschlägen der USA gegen die sich ausbreitenden IS-Milizen in Libyen schrumpfte die Kämpferzahl massiv auf etwa 500. Schwer angeschlagen zog man sich in die Wüste zurück und baute eine neue Provinz mit Trainingslagern auf, um einen Guerilla-Krieg gegen Polizeistationen, Stützpunkte der libyschen Nationalarmee und staatliche Institutionen an der Küste zu führen. Das Gros der neuen „Gotteskrieger“ heuerten die IS-Schergen in den Armenvierteln der afrikanischen Nachbarländer an. Zugleich entwickelten sie ein Terror-Projekt gegen Westeuropa.
Gambischer IS-Anhänger ist unauffindbar
In diese Operation soll der Angeklagte aus dem Rheinland laut Bundesanwaltschaft eine durchaus wichtige Rolle als Geldgeber spielen. Bisher ließ sich der Verdacht aber nicht erhärten, dass Abu Saad auch einer Schläfer-Zelle angehörte, die Attentate plante. Zumal der Belastungszeuge aus Italien, den Lebensmittelhändler auf einer Lichtbildvorlage nicht wiedererkannte. Eine weitere Befragung durch die deutschen Strafverfolger ist derzeit unmöglich, da der gambische IS-Anhänger nach seinem Schuldspruch in seine Heimat abgeschoben wurde. Seither ist er unauffindbar.
Somit befindet sich der Deutsch-Iraker Abu Saad weiterhin auf freiem Fuß. In einer Vernehmung hat er alle Vorwürfe abgestritten. Der Geschäftsmann aus Troisdorf will sich weder mit einem IS-Rekrutierer in Gambia via Telegram ausgetauscht haben, noch Geld an die Terror-Miliz überwiesen haben. Vielmehr deklarierte er die Zuwendungen als Spenden an die Armen in Gambia und dem Senegal. Zudem verurteilte der Angeklagte die Gewalttaten des IS.
Messenger-Kontakte zu Geldtransfers
Dabei waren die Ermittler auf zahlreiche Messenger-Kontakte zwischen Abu Saad und einem IS-Anwerber gestoßen, in denen es um Geldtransfers ging. So etwa jene Passage, als Abu Saad sich weigerte, Terrorgeld von anderen Spendern über seine Person laufen zu lassen. Er wolle nur ja nichts entgegennehmen, warnte der mutmaßliche IS-Anhänger: „Die warten hier auf solche Fehler, um mich zu schnappen.“
Tatsächlich hatten die NRW-Verfassungsschützer den Troisdorfer seit längerem auf dem Schirm. Eine Informantin hatte berichtet, dass Abu Saad in einer Bonner Moschee für den IS agitiere und in Deutschland Geld für den Dschihad einsammle.
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In Bagdad geboren, kam der Angeklagte 1997 nach Deutschland. Nach etlichen Stationen als Verkäufer in Haushaltswarengeschäften, ließ sich der Vater von sechs Kindern in Troisdorf nieder und betrieb seinen orientalischen Lebensmittelhandel. Mitunter trat er als Hilfsprediger in einer Moschee auf. Nach der Durchsuchung seiner Wohnräume im Juli 2019 entdeckten die Strafverfolger auf den Datenträgern des Islamisten Kinderpornomaterial. Inzwischen ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft auch in diesem Fall.



