Frankfurt – Die designierte Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, hat die tödliche Attacke auf einen achtjährigen Jungen im Frankfurter Hauptbahnhof miterlebt. „Ich war in Frankfurt auf der Höhe der Unglücksstelle zwei Gleise entfernt. Der entsetzliche Schrei klingt nach“, schreibt Schmidt-Friderichs in einem Gastbeitrag für die Mainzer „Allgemeine Zeitung“ den sie auch auf Facebook veröffentlicht hat.
„Ich habe erlebt, dass direkt im Anschluss weintrinkende Menschen auf reservierte Plätze in Ersatzzügen bestehen, aber auch, dass Menschen ihre Koffer öffnen, saubere Kleidung auf den Boden legen, damit verstörte Menschen ihre Füße hochlegen können.“ Die Verlegerin betonte: „Wenn etwas Schlimmes passiert, zeigt sich fratzenhaft der wirkliche Charakter. Gute Züge (im Menschen) werden besser, schlechte schlechter.“
Das gelte auch für die Reaktionen aus Politik und Gesellschaft. Der aggressive mutmaßliche Täter komme aus Eritrea. „Das darf nicht auf alle Menschen mit Migrationshintergrund oder dunkler Hautfarbe übertragen werden. Bitte nein“, schreibt sie. Man werde nun über Sicherheit nachdenken müssen „und über die Frage, woher derart widerwärtige Aggression kommt“. Sie fährt fort: „Die Wahrheit ist komplex. Und immer komplexer als rechte Idioten sie jetzt ausschlachten.“
Schmidt-Friderichs schließt mit den Worten: „Ich bin nicht gläubig, aber jetzt vor dem Einschlafen werde ich beten. Für die Frau, die zehn Meter von mir entfernt ihr Kind verlor. Und ich werde bitten, dass die Tatsache, dass der Idiot, der das tat, Eritreer war, das Klima in Deutschland nicht weiter vergiftet...“
Der festgenommene 40-Jährige steht im Verdacht, am Montag eine Mutter und ihren achtjährigen Jungen im Frankfurter Hauptbahnhof vor einen einfahrenden ICE auf das Gleis gestoßen zu haben. Die 40-jährige Frau konnte sich Polizeiangaben zufolge in letzter Sekunde retten, der Junge wurde von dem Zug erfasst und getötet.
Nach Angaben der „Bild“-Zeitung war die Mutter mit ihrem Sohn auf dem Weg in den Urlaub. Die zwölfjährige Schwester des Jungen war demzufolge mit einer Freundin der Mutter unterwegs in deren Auto. In Österreich wollten alle gemeinsam einen Urlaub verbringen.
Dem Schweizer „Blick“ zufolge wurde die Familie des Täters – seine Ehefrau und seine drei Kinder – in Sicherheit gebracht, um sie vor möglichen Racheakten zu schützen. Bislang lebte sie in Wädenswil im Kanton Zürich. Anlass für den Schritt der Schweizer Behörden waren Hasstiraden gegen den Täter in den sozialen Medien.
Schmidt-Friderichs ist Verlegerin beim Hermann Schmidt Verlag in Mainz. Im Juni wurde die 58-Jährige zur Vorsteherin des Börsenvereins gewählt. Ihre dreijährige Amtszeit beginnt nach der Buchmesse 2019. (kna, ps)

