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Lydia Benecke über Todes-Pfleger:„Niels Högel ist kein Ausnahmefall“

4 min
Foto Lydia Benecke

Kriminalpsychologin Lydia Benecke

  1. Die Kölner Kriminalpsychologin und Schrifstellerin Lydia Benecke hat sich mit dem Fall Niels Högel beschäftigt.
  2. Der Ex-Pfleger hat gestanden, 100 Patienten umgebracht zu haben. Er blieb jahrelang unentdeckt.
  3. Högel sei kein extremer Ausnahmefall, sagt die Expertin. Solche Taten habe es schon immer gegeben, gerade in Pflegeberufen.
  4. Manche Menschen ergreifen ganz bewusst den Beruf, um mit der Macht um Leben und Tod zu spielen.

Niels Högel gilt als einer der schlimmsten Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte. Ist er für Sie ein extremer Fall?

Lydia Benecke: Ich sehe ihn nicht als extremen Ausnahmefall, weil ich – ebenso wie zahlreiche andere Vertreter von mit Tötungsdelikten arbeitenden Berufsgruppen – davon ausgehe, dass es gerade bei Pflegeberufen solche Menschen immer gab und auch wohl immer geben wird. Leider ist dies ein Bereich, in dem ein Täter, der ansatzweise vorsichtig agiert, hohe Chancen hat, auf sehr hohe Fallzahlen zu kommen. Ich bin sicher, dass es eine unbekannte Anzahl von aktiven Tätern dieser Art in Deutschland gab und gibt. Von vielen werden wir niemals erfahren.

Ziehen Pflegeberufe solche Täter vielleicht sogar an?

Das Phänomen, dass einige Tätertypen speziell in Pflegetätigkeiten agieren, ist seit Jahrhunderten bekannt. Es gibt Menschen, die bewusst in solche Berufe gehen, um Bedürfnisse auszuleben. Aber es gibt auch andere, die erst später durch irgendeinen Auslöser – etwa eine persönliche Krise – auf solche Ideen kommen. Und wenn sie dann merken, dass die Umsetzung der Idee relativ einfach ist, immer weitermachen.

Foto Högel

Niels Högel vor Gericht

Niels Högel hat seine Taten nur sehr zögerlich eingeräumt. Erst zu Beginn des jetzigen, dritten Prozess hat er das mutmaßlich ganze Ausmaß gestanden.

Viele Täter haben selbstwertdienliche Konstrukte, mit denen sie sich selbst sagen, dass sie ja eigentlich kein böser Mensch sind, dass sie ja eigentlich nichts falsch machen. Es gibt für alles Rechtfertigungen. Das nennen wir kognitive Verzerrung. Sie rennen vor den eigenen Gefühlen und der Verantwortung weg. Im therapeutischen Prozess dauert es sehr lange, bis die Täter den größeren Zusammenhang ihrer Taten verstehen. Oft gibt es erst nach Jahren Klarheit über die Motive. Narzisstische Täter, die zum Beispiel in Briefen an Medien von ihren Taten berichten, sind die Ausnahmen. Die meisten Täter wollen lieber verdecken. Zum Beispiel auch, um vor Familie und Freunden nicht ganz so schlecht dazustehen.

Geständnis erst im dritten Prozess

Gegen den Ex-Pfleger Niels Högel (41) hat gerade in Oldenburg der dritte Prozess begonnen. Er war von 1999 bis Mitte 2005 in Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst tätig. 2006 wurde er wegen eines Falles von Totschlags verurteilt, nachdem ihn eine Kollegin in flagranti erwischt hatte, als er einem Patienten unerlaubt Medikamente spritzte. 2015 wurde er wegen weiterer Fälle zu lebenslanger Haft verteilt. Danach prüfte eine Sonderkommission weitere 200 Todesfälle. 134 Leichen wurden exhumiert. Zu Beginn des neuen Prozesses hat Högel gestanden, 100 Patienten umgebracht zu haben. (cv)

Dazu würde passen, dass Niels H. 2017 aus dem Gefängnis einen Offenen Brief an eine Tageszeitung geschrieben hat. Darin beklagte er in einem larmoyanten Ton, dass er als Monster verunglimpft werde und seine Familie sehr unter der Berichterstattung leide. Von seiner Familie ist bekannt, das der Vater Krankpfleger war und die Großmutter Krankenschwester. Eine „helfende“, wohl intakte Familie, heißt es.

Wie die Familiendynamik tatsächlich ist, kann man aus so wenigen Angaben nicht ableiten. Das sagt nichts über das Familienklima. Vielleicht gab es da implizite Botschaften, einen gewissen Druck, dessen sich der Täter aber möglicherweise selbst gar nicht so bewusst war. Vielleicht wollte er seine Familie stolz machen. Bei ihm sieht es ja so aus, dass er gerne ein Held sein wollte. Er hat immer wieder medizinische Notfälle inszeniert, um dann der Retter zu sein. Von der Dynamik her ist das ein bisschen ähnlich dem Phänomen Münchhausen by proxy, bei dem klassischerweise eine Mutter ihr Kind immer wieder krank macht, um dann als die aufopfernde Heldin aufzutreten. Es geht um Selbstwerterhöhung, wenn sich ein Täter als bewundernswerter Helfer inszeniert. Und bei Niels H. ging es ja offensichtlich auch um Macht, die Macht über Leben und Tod.

Ein Gutachter hat Niels H. eine paranoide Störung, Depressionen und Alkoholabhängigkeit bescheinigt. Ist das eine Erklärung oder sogar eine Entschuldigung für die unglaublichen Taten?

Ich bin froh, dass ich kein Jurist bin. Denn die müssen entscheiden, ob eine verminderte Schuldfähigkeit vorliegt, auch wenn klassisch der psychiatrische Gutachter im Vorfeld feststellt, ob die Einsichts- und/ oder Steuerungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt gegeben oder vermindert war. Wenn es einem Menschen bewusst ist, dass er etwas Falsches tut und er sich trotzdem bewusst dafür entscheidet, dann ist er ethisch gesehen verantwortlich. Etwas anderes wäre es beispielsweise bei jemandem, der eine schwere Wahnerkrankung hat und dadurch nicht erkennt, dass er etwas Falsches tut, weil seine Realitätswahrnehmung stark von der tatsächlichen Realität abweicht.

Können solche Massenmorde verhindert werden? Gibt es Warnsignale?

Ja, wie hier in diesem Fall, wenn es in bestimmten Schichten besonders viele Todesfälle gibt. Ich habe in vielen privaten Gesprächen von Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, gehört: Ja, bei uns wurde so etwas auch schon über einen Kollegen gemunkelt. Aber niemand wollte einen solchen Verdacht aussprechen. Und wenn es doch geschah, dann wurde dem Betroffenen maximal nahegelegt, sich eine andere Arbeitsstelle zu suchen.