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Provokante PerformancePole Dance in deutscher Kirche ist Stoff für russische Propaganda

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Gottesdienst in St. Marien: Anke Kestermann zeigte im Dezember eine Tanz-Performance.

Gottesdienst in St. Marien: Anke Kestermann zeigte im Dezember eine Tanz-Performance.

Eine Pole-Dance-Performance in der St. Marien zu Lübeck hat eine dubiose Website mit Verbindungen zur moskautreuen Orthodoxen Kirche auf den Plan gerufen. Dahinter steckt System.

Pole-Dance-Künstlerin Anke Kestermann tanzt an ungewöhnlichen Orten, so auch in Kirchen. Unter anderem trat sie bereits im Dom und in der Marienkirche in Lübeck auf. Während sie es selbst als Chance sieht, solch große Räume mit Energie zu füllen, und das Konzept auch bei den Pastoren gut ankam, sind nicht alle davon angetan.

So hat die Kontroverse um die Pole-Dance-Aufführung in der Marienkirche nun offenbar das Interesse von Akteuren der russischen Propaganda geweckt. Die Website einer „Union Orthodoxer Journalisten“ (UOJ) griff die Geschichte auf, Überschrift: „Ein provokanter Auftritt erregte in einer Lübecker Kirche viel Kritik“. Sie bezog sich dabei auf einen Video-Beitrag der „Bild“. Der Text – in unbeholfenem Deutsch verfasst, ohne Kommasetzung und ohne wörtliche Zitate – gibt angebliche Kritik an der Aufführung wider.

Angebliche Kritiker nicht namentlich genannt

Als Autor des Textes ist der „Redaktionsausschuss der UOJ“ angegeben, über den keine weiteren Angaben zu finden sind. Der Beitrag zitiert keinen der angeblichen Kritiker namentlich, sondern beschränkt sich auf allgemeine Formulierungen ohne Quellenangabe wie: „Kritiker sehen darin…“, „… stößt auf Ablehnung“, „für viele Gläubige“. In dem verlinkten Video von „Bild“ finden sich die auf diese Weise indirekt zitierten Aussagen nicht.

Registriert in Zypern

Einen ähnlichen Pole-Dance-Auftritt in einer Kirche im ostfriesischen Stiekelkamperfehn bezeichnet die „UOJ“ unumwunden als „skandalöse und blasphemische Performance“. Die Website der angeblichen Journalisten-Organisation verweist hier auf einen Instagram-Post einer Influencerin, die zum Umfeld der rechtsnationalen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ gehört.

Was die „Union Orthodoxer Journalisten“ ist, ist deren Website nicht zu entnehmen. Auch nicht, wer Mitglied dieser Organisation ist und welche Bedingungen Mitglieder erfüllen müssen. Das Impressum verweist auf ein Unternehmen namens Team of the Orthodox Journalists Ltd, registriert in der Stadt Paphos in Zypern. Nach Recherchen von Journalisten des Portals „Religious Information Service of Ukraine“ ist Zypern zum Zufluchtsort für Repräsentanten der moskautreuen Orthodoxen Kirche geworden, die seit der demokratischen Revolution 2014 die Ukraine verlassen haben. Zu ihnen gehört der im zyprischen Handelsregister als Sekretär der „UOJ“ aufgeführte Oleksiy Zoshchuk.

Kontaktaufnahmen scheitern

Eine E-Mail der „Lübecker Nachrichten“ (Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland) an die im Impressum angegebene Kontaktadresse der „UOJ“ kommt mit einer Fehlermeldung zurück. Die englischsprachige „UOJ“-Website fällt schon auf den ersten Blick durch eine hohe Konzentration anti-ukrainischer Beiträge auf. Der Versuch, über die dort genannte E-Mail-Adresse Kontakt aufzunehmen, scheitert genauso.

Umstritten ist das Thema Pole Dance in der Kirche in Lübeck aber auch ohne das Zutun russischer Propaganda: Während Dompastorin Margrit Wegner und Dompastor Martin Klatt sich freuen, den Kirchenraum mit neuen Ideen zu füllen, bezeichneten heimische CDU-Politiker die Performance als unangemessen für den „heiligen Ort“. Und offensichtlich hat das Thema weder mit Russland noch mit der Ukraine etwas zu tun.

Wie russische Propaganda arbeitet

Trotzdem dienen auch Beiträge zu solchen Themen nach Erkenntnissen von Experten den Zielen der russischen Propaganda – um vorhandene Konflikte zu nutzen und zuzuspitzen. Das Anti-Desinformationsprojekt EUvsDisinfo befasst sich seit zehn Jahren mit deren Funktionsweise. EUvsDisinfo erläutert: „Das Narrativ über ,bedrohte Werte‘ wird an viele Themen angepasst. (…) Russland und das orthodoxe Christentum stechen dabei als die wahren Verteidiger traditioneller Werte heraus.“

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Florian Töpfl. Er ist Professor für Politische Kommunikation und erforscht an der Universität Passau die Ziele und die Mittel russischer Propaganda. In einem von der Universität veröffentlichten Interview identifiziert er drei Ziele. Erstens: politische Einflussnahme, zweitens: Schwächung des Vertrauens in die Institutionen der Demokratie und Schüren von Konflikten, drittens: Angriff auf liberale Werte. Töpfl sagt, er beobachte „eine zunehmend antiliberale Ausrichtung der Auslandskommunikation als Selbstzweck“.

Dieser Artikel erschien zuerst in den „Lübecker Nachrichten“ – Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland.