Russland attackiert die Ukraine mit Großangriffen. Experten sehen einen Urbizid. In Moskau spricht man indes über neue „Spezialoperationen“.
„Leningrad dient als Vorlage“Putin setzt auf Eskalation – Kreml-Propagandisten fordern neue Kriege

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)
Copyright: Sergei Savostyanov/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
Russland bleibt auf Kriegskurs – und untermauert das mit schweren Angriffen auf die Ukraine. Erneut sei das Land von Russland beschossen worden, teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstagabend (13. Januar) mit. „Allein an ballistischen Raketen waren es 18 Stück“, sagte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache. Hinzu kämen Kampfdrohnen und Marschflugkörper.
Techniker seien seit Wochen im Einsatz, um das Stromnetz einigermaßen am Laufen zu halten, führte Selenskyj aus. „Das Wetter stellt zusätzliche Herausforderungen dar – außerordentliche Herausforderungen“, fügte der Ukrainer mit Blick auf die zweistelligen Minustemperaturen hinzu.
Ukraine in schwieriger Lage: „Überall ist es jetzt schwer“
Das Stromnetz der Ukraine ist nach den systematischen und zuletzt noch einmal verschärften russischen Angriffen stark beschädigt. Netzabschaltungen sind an der Tagesordnung. Täglich müssen die Ukrainer stundenlang ohne Strom- und Wärmeversorgung auskommen.
Alles zum Thema Wolodymyr Selenskyj
- Die Lage im Überblick Selenskyj kritisiert Klitschko wegen Notlage in Kiew scharf
- „Leningrad dient als Vorlage“ Putin setzt auf Eskalation – Kreml-Propagandisten fordern neue Kriege
- Provokante Performance Pole Dance in deutscher Kirche ist Stoff für russische Propaganda
- Streit um Grönland Trump: Nato nicht ausreichend für Schutz von Grönland
- Debatte im Parlament Rechte Babis-Regierung in Tschechien stellt Vertrauensfrage
- Krieg in der Ukraine Selenskyj wirft Kreml gezielten Terror gegen Bevölkerung vor
- Biathlon Fourcade stellt klar: Keine Unterstützung für Russen
Probleme gebe es aber auch an der Front. „Überall ist es jetzt schwer – an der Front am schwersten“, räumte Selenskyj ein. Russland setze seine Attacken trotz des Frosts stetig fort, berichtete der Präsident. Die Verteidigung halte bisher jedoch stand, erklärte Selenskyj. Die Ukraine ist seit Monaten in der Defensive und musste im Osten und Süden des Landes zuletzt weitere Positionen aufgeben.
Russland setzt auch 2026 auf Gewalt und Eskalation
Mit den jüngsten Angriffswellen setzt Moskau seinen bereits im Vorjahr deutlich gewordenen Eskalationskurs fort. „Russland steigerte im Laufe des Jahres 2025 Größe, Umfang und Zerstörungskraft seiner Angriffe drastisch“, lautet dementsprechend auch die Analyse des amerikanischen Instituts für Kriegsstudien.

Nur vereinzelt sind am Dienstag (13. Januar) Lichter in Kyjiw zu sehen. Nach russischen Angriffen sind große Teile der ukrainischen Hauptstadt ohne Strom und Heizung. (Archivbild)
Copyright: AFP
Während Moskau etwa im Jahr 2024 lediglich drei große Großangriffe mit über 200 Raketen oder Drohnen durchgeführt habe, habe es im letzten Jahr mindestens 42 Großangriffe gegeben, schreiben die US-Analysten in ihrem aktuellen Lagebericht.
„Putin lässt sich an den Schwachen aus: den Familien in den Städten“
Auch der Sicherheitsexperte Nico Lange sieht den Kreml klar auf Eskalationskurs. Die von Kremlchef Wladimir Putin angestrebte Offensive an der Front funktioniere nicht, schrieb Lange am Dienstag auf der Plattform X. „Seine Truppen scheitern an den Streitkräften der Ukraine“, fügte Lange hinzu. „Putin lässt sich an den Schwachen aus: den Familien in den Städten.“
Russland setze auf „Urbizid und Vertreibungskampagnen durch Bombardieren von Heizung und Strom bei minus 20 Grad“. Dabei handele es sich um „Kriegsverbrechen“, fügte Lange hinzu. Der Begriff Urbizid beschreibt die systematische und großflächige Zerstörung einer Stadt, nicht nur ihrer Gebäude, sondern auch ihrer sozialen Struktur, Identität und Kultur, oft durch gezielte Gewalt.
Moskau nutzt „Kälte als Waffe“ gegen Zivilisten
Moskau nutze „Kälte als Waffe gegen die ukrainische Zivilbevölkerung“, erklärte in dieser Woche auch der Russland-Experte Matthäus Wehowski. Der Kreml bereite neue „Wellen von Drohnen und Raketen vor, während weiterhin tiefe Minustemperaturen erwartet werden“, schrieb der Historiker auf der Plattform X und verglich das Vorgehen Moskaus mit den Verbrechen Hitlerdeutschlands im Zweiten Weltkrieg.
„Was die Nazis in Leningrad gemacht haben, dient Putin heute als Vorlage“, erklärte Wehowski mit Blick auf die prekäre Lage in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, in der viele Bewohnerinnen und Bewohner seit Tagen ohne Strom und Heizung auskommen müssen. Deutsche Truppen hatten im Zweiten Weltkrieg die Stadt Leningrad, die seit 1991 wieder Sankt Petersburg heißt, jahrelang belagert. Viele Bewohner der Stadt verhungerten in diesem Zeitraum.
Lawrow bekräftigt Moskaus Ziele – und attackiert Trump
Signale für eine Kursänderung gibt es aus Moskau weiterhin nicht. Im Gegenteil: Am Mittwoch untermauerte Außenminister Sergej Lawrow erneut die russische Haltung. Ausschließlich die „Bekämpfung der Ursachen des Konflikts“ könne einen dauerhaften Frieden möglich machen, erklärte Lawrow – und bemühte damit eine von Moskau immer wieder vorgebrachte Floskel, die auf die Durchsetzung der russischen Maximalforderungen abzielt. Diese kommen weiterhin einer Kapitulation der Ukraine gleich.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow gestikuliert während einer Pressekonferenz. (Archivbild)
Copyright: Shamil Zhumatov/Pool Reuters/AP/dpa
Auch gegenüber den USA schlug Lawrow nun offensive Töne an und warf Washington im Umgang mit den russischen Verbündeten Venezuela und Iran „unlautere Methoden“ vor. US-Präsident Donald Trump hatte zuvor angekündigt, dass jedes Land, das weiter mit dem Iran Geschäfte macht, ab sofort mit einem Zoll in Höhe von 25 Prozent auf alle Handelsgeschäfte mit den USA belegt werden soll.
Zuvor hatten US-Angriffe Venezuela getroffen – Machthaber Nicolás Maduro wurde in der Folge von US-Truppen gefangen genommen und in die USA gebracht. Kremlchef Putin verlor damit einen seiner treuesten Unterstützer.
Putins Propagandisten: „Alles gehört uns“
Russlands Propagandisten setzten derweil auf noch radikalere Botschaften, wie eine Analyse der Russland-Expertin Julia Davis zeigt, die in dieser Woche beim Center for European Policy Analysis, einem amerikanischen Thinktank, erschienen ist.
Demnach machen russische Propagandisten wie die RT-Chefin Margarita Simonjan weiterhin kein Geheimnis aus Russlands imperialistischen Zielen. „Alles gehört uns. Wenn es morgen nicht uns gehört, dann übermorgen“, sagte Simonjan in einer TV-Sendung etwa mit Blick auf die jüngsten Angriffe auf Kyjiw.
Der TV-Moderator Wladimir Solowjow ging unterdessen noch weiter. „Die Menschheit ist in die Tierhaut zurückgekehrt, in der sie geboren wurde“, sagte der glühende Kriegsunterstützer in einer seiner Sendungen und erklärte Krieg kurzerhand zum neuen Normalzustand.
Russische Medien wollen weitere „Spezialoperationen“
Frieden hingegen sei bloß eine historische Anomalie, führte Solowjow demnach aus, und sprach sich schließlich dafür aus, dass der Kreml mehr „Spezialoperationen“, also neue Kriege, beginnen sollte. Moskau dürfe seine „Ziele und nationalen Interessen“ nicht länger „scheu“ vertreten, erklärte der Propagandist.
Die Äußerungen in den russischen TV-Studios passen somit ins Bild. Auch die Fachzeitschrift „Foreign Affairs“ sieht Kremlchef Putin weiterhin auf Kriegskurs – und benannte am Dienstag in einer Analyse eine neue „Doktrin“ des Kremlchefs, die im Wesentlichen aus drei Aspekten bestehe. Zum einen sieht Putin den Krieg demnach weiterhin als „wichtigste Methode zur Wiedererlangung der Kontrolle über den Donbass und die Gebiete der südöstlichen Ukraine, die vom Kreml als ‚Neurussland‘ bezeichnet werden“.
Putins Doktrin: „Verhandlungen als Deckmantel für Feindseligkeiten“
Gleichzeitig setze Moskau jedoch auch darauf, die Beziehungen zu US-Präsident Trump aufrechtzuerhalten. Moskau nutze dabei „Verhandlungen als Deckmantel für fortgesetzte Feindseligkeiten“, heißt es bei „Foreign Affairs“. Zudem betrachte Moskau „militärische Gewalt“ mittlerweile grundsätzlich als „wichtigstes Instrument des politischen Einflusses“, so die Analyse. Diplomatie diene Moskau lediglich dazu, seine Handlungen zu legitimieren.
Dass in der russischen Propaganda weiterhin von der „Befreiung von Gebieten“ die Rede sei, deute zudem auf eine Rückkehr zu Konzepten des 19. und 20. Jahrhunderts hin, als die Stärke von Staaten an ihrem Territorium und ihrer militärischen Macht gemessen worden sei, heißt es weiter. All das werde sich ohne eine „innere Demokratisierung“ in Russland auch in Zukunft nicht ändern, prognostiziert „Foreign Affairs“. Anzeichen dafür, dass es diese Demokratisierung in Russland bald geben könnte, gibt es nicht.

