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Berlinale
Die feindliche Übernahme ist vorerst abgewendet

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Tricia Tuttle, Intendantin der Berlinale, läuft durch die Sicherheitsschleuse des Bundeskanzleramts.

Tricia Tuttle, Intendantin der Berlinale, in der Sicherheitsschleuse des Bundeskanzleramts

Tricia Tuttle bleibt Berlinale-Chefin, und Wolfram Weimer bleibt Kulturkämpfer. Die Unabhängigkeit des Festivals steht weiter infrage. 

Offenbar kommt kein deutsches Kulturereignis von Weltrang mehr ohne politischen Anstandswauwau aus. Nach der Documenta erhält nun auch die Berlinale einen Beirat an die Seite gestellt, um antisemitischen Vorfällen vorzubeugen. Die Neuigkeit bei der Berlinale liegt allerdings darin, dass es diese antisemitischen Vorfälle nicht einmal gegeben haben muss, um ihnen von staatlicher Seite vorbeugen zu wollen.

Weimer verschiebt den Machtkampf in ein beratendes Gremium

Tricia Tuttle bleibt Chefin der Berlinale. Diese Nachricht wird die aufgebrachte deutsche Filmwelt, die eine feindliche Übernahme des wichtigsten deutschen Filmfestivals durch den Staat befürchtete, erst einmal beruhigen. Allerdings bleibt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer seinem Vorhaben treu, die Berlinale nach seinen Vorstellungen umzubauen. Entlassen konnte er Tuttle nicht, ohne das Festival zu beschädigen. Stattdessen verschiebt er den Machtkampf mit ihr in ein beratendes Gremium.

Als Veranstaltung des Bundes war die Berlinale niemals frei von politischer Einflussnahme, auch dort nicht, wo sie sich, wie bei den Solidaritätsbekundungen an die Ukraine, aus scheinbar freien Stücken auf Regierungslinie begab. Doch unter Weimer hat diese Einflussnahme eine neue Qualität erreicht; als Publizist war Weimer ein Kulturkämpfer und ist dies im Ministeramt geblieben. Nun bleibt abzuwarten, welche Ratschläge das von ihm angeregte Forum erteilt und wie der Verhaltenskodex der Berlinale überarbeitet wird.

Eine Berlinale nach Weimer’scher Staatsräson dürfte in der Provinzialität versinken. Als vorläufige Retterin des Festivals darf Tuttle hingegen darauf hoffen, dass die Filmwelt sie im nächsten Jahr mit prominenten Filmeinreichungen unterstützt. Vielleicht liegt die Lösung für Tuttle ohnehin darin, das Politische in der Filmkunst zu suchen, statt, wie ihre Vorgänger, politische Botschaften im Namen des Festivals zu senden.