Kölner Stadt-Anzeiger · Community

Kommentare · 0

Abo

Nadeln und SchraubenWeitere Fälle präparierter Halloween-Süßigkeiten – Ursachen offen

Bayern zählt in diesem Jahr 25 Fälle mit manipulierten Naschwaren. Die Polizei Essen vermutet Anregungen aus dem Internet.

Deutschlandweit, aber auch im europäischen Ausland gab es mehrere Fälle manipulierter Süßigkeiten. (Symbolbild)

Deutschlandweit, aber auch im europäischen Ausland gab es mehrere Fälle manipulierter Süßigkeiten. (Symbolbild)

Auch Tage nach Halloween kommen weitere Fälle ans Licht, in denen Süßigkeiten mit Nadeln oder Metallgegenständen präpariert waren. Eltern entdeckten in Bayern Nadeln in einem Kaubonbon und in zwei Schokoriegeln, in Baden-Württemberg steckte eine Schraube in einem Kaubonbon, auf Usedom fand sich eine Büroklammer in einer Süßigkeit, in Thüringen unter anderem eine Stecknadel im Naschwerk. Offen bleibt, warum sich solche Fälle gerade in diesem Jahr häufen und was dahintersteckt.

Die Vorfälle erinnern an ein Phänomen aus dem englischsprachigen Raum. Lisa Natter von der Kriminologischen Forschungsgruppe beim Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) verwies auf dpa-Anfrage auf den sogenannten „Halloween Sadism“, auf Deutsch Halloween-Sadismus. Den Begriff prägte der US-Soziologe Joel Best bereits in den 1980er-Jahren. Er habe das Phänomen als moderne urbane Legende untersucht, die als wahr weitererzählt werde und gesellschaftliche Ängste widerspiegle, deren tatsächliches Ausmaß jedoch häufig nicht durch empirische Belege gedeckt sei, so Natter.

Lisa Natter ordnet „Halloween Sadism“ ein

Einzelne Fälle, wie aktuell in Deutschland, aber auch in Österreich, Irland, Dänemark und Norwegen, stellt Natter nicht infrage. Vielmehr zeige sich, dass die Erzählungen als Resonanzraum für allgemeinere gesellschaftliche Ängste dienten. Zudem sei das Thema Sicherheit und Schutz von Kindern emotional aufgeladen.

Eine systematische Forschung zu „Halloween Sadism“ gibt es nach ihren Angaben nicht, auch weil kaum Täter ermittelt werden. Daher sei es sehr schwierig, Schlüsse etwa zu Motiven zu ziehen; dies bleibe weitgehend spekulativ. Hinter den Taten müsse nicht zwingend Sadismus stehen, also eine gezielte Schädigungsabsicht. Denkbar sei ebenso, dass Täter provozieren, Aufmerksamkeit erregen oder schlicht Taten nachahmen wollten.

Auch selbst präparierte Süßigkeiten

In einem Fall in Thüringen stellte sich heraus, dass ein neun Jahre altes Mädchen selbst einen Holzspieß in einen Schokoriegel gesteckt hatte. Daraufhin zog der Vater des Kindes seine Anzeige bei der Polizei zurück. Auch aus den USA seien Einzelfälle bekannt, in denen Geschädigte die Süßigkeiten selbst präpariert hätten, sagte Natter.

Auch in Bayern gibt es inzwischen zwei Fälle, in denen Kinder eingeräumt haben, Süßigkeiten selbst mit Gegenständen präpariert zu haben. Nach Polizeiangaben sind beide Kinder wegen ihres Alters strafunmündig.

Häufung der Fälle und Social Media als mögliche Erklärung

Auffällig ist die Häufung der Halloween-Fälle in diesem Jahr. Laut einer vorläufigen Auswertung des Vorgangsverwaltungssystems IGVP wurden in Bayern in den vergangenen drei Jahren lediglich drei Fälle von der Polizei erfasst, in diesem Jahr bereits 25, wie das BLKA mitteilte. Die Zahlen könnten sich laut Behörde noch fortlaufend ändern, zeigten aber zumindest Tendenzen.

Eine mögliche Erklärung könnten soziale Medien sein. Die Polizei Essen geht derzeit davon aus, dass die Täter die Anregung zu den Taten aus dem Internet haben; die Ermittlung zu einer solchen Quelle dauere an. Auch Natter hält das für denkbar. Entsprechende Berichte im Netz könnten gesellschaftliche Ängste verstärken und Nachahmungshandlungen begünstigen. Dem BLKA sei allerdings kein passender aktueller Social-Media-Trend bekannt.

Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), vermutet auf dpa-Anfrage, alles könnte mit einem Menschen begonnen haben, der Bekannten in sozialen Medien von einer manipulierten Süßigkeit erzählt habe. Die Geschichte verbreite sich dann innerhalb kurzer Zeit bei einer rasch wachsenden Zahl von Menschen und stoße so auch auf einzelne Personen, die die Tat nachahmten. (dpa/red)