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ARD-Serie „Selling Sex“Wieso nicht Escort werden?

3 min
Nelly (Ella Morgen) wird in der ARD-Serie „Selling Sex“ zu Aurora. (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen)

Nelly (Ella Morgen) wird in der ARD-Serie „Selling Sex“ zu Aurora. (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen)

Nachdem Nelly (Ella Morgen) entnervt ihren Aushilfsjob gekündigt hat, entscheidet sich die Studentin für einen ungewöhnlichen Schritt: Sie wird Escort. Die neue ARD-Serie „Selling Sex“ scheut nicht vor expliziten Diskussionen rund um Lust und Erotik - scheitert aber dennoch am eigenen Anspruch.

In ihrem unbezahlten Praktikum bei einem großen Unternehmen ist Nelly (Ella Morgen) nicht wirklich glücklich. (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen)

In ihrem unbezahlten Praktikum bei einem großen Unternehmen ist Nelly (Ella Morgen) nicht wirklich glücklich. (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen)

In einer Reihe stehen, lächeln und sich von ihrer Chefin anmotzen lassen: Nelly (Ella Morgen) hat keinen Bock mehr auf ihren Catering-Job. Aber Geld braucht sie trotzdem, denn von ihrem unbezahlten Praktikum kann sie die hohen Gebühren für ihr BWL-Studium nicht zahlen. Kurzerhand tauscht sie auf Tipp ihrer Ex-Kollegin Giulia (Samirah Breuer) die strenge Uniform mit Krawatte gegen Kleider und Dessous ein und meldet sich in der neuen ARD-Serie „Selling Sex“ bei einer Escort-Agentur an: „In der Wirtschaft nennt man das: radikalen Strategiewechsel.“ Neben der Mediatheken-Ausstrahlung zeigt das Erste am Freitag, 28. August, ab 23.55 Uhr, alle sechs Folgen nacheinander. Für Hauptdarstellerin Ella Morgen ist Nelly ihre bislang größte Rolle. Die 27-jährige begann ihre Karriere am Theater und spielte unter anderem im ZDF-Film „Das Versprechen (2019) und in der Serie „Die Discounter“ (2024) mit.

Bonnie (Manal Raga a Sabit) ist vom neuen Job ihrer besten Freundin nicht unbedingt begeistert. (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen)

Bonnie (Manal Raga a Sabit) ist vom neuen Job ihrer besten Freundin nicht unbedingt begeistert. (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen)

Nellys beste Freundin Bonnie (Manal Raga a Sabit) ist zunächst wenig begeistert von ihrer Idee. Aber Nelly findet: „Wieso nicht?“ Und die Agentur scheint ja auch seriös zu sein: Nelly muss zum Gesundheitsamt, bekommt einen Prostitutionsschein und eine Steuernummer. Außerdem gelten ein paar Regeln: „Immer deine eigenen Kondome, nie deinen echten Namen, nie deine private Telefonnummer und kein Treffen mit dem Kunden auf privater Ebene - niemals“, erklärt Agenturchefin Maxine (Anna von Auersperg): „Die wilden Zeiten sind vorbei.“

Viel Lust, wenig Romantik

Für Nelly (Ella Morgen) ist ihre eigene Lust bei ihrem neuen Job eher nebensächlich. Von dem mysteriösen Kunden Tsuneo (Madieu Ulbrich) lernt sie dennoch etwas über sich und ihre Vorlieben. (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Hyun De Grande (Repro))

Für Nelly (Ella Morgen) ist ihre eigene Lust bei ihrem neuen Job eher nebensächlich. Von dem mysteriösen Kunden Tsuneo (Madieu Ulbrich) lernt sie dennoch etwas über sich und ihre Vorlieben. (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Hyun De Grande (Repro))

Wild wird es für „Aurora“, wie sich Nelly im Job nennt, trotzdem: Die Serie scheut sich nicht, Sex und alles, was so dazugehört, unverblümt und faktisch zu zeigen. Dadurch geht in der ein oder anderen Szene vielleicht die Erotik verloren, was aber nicht weiter schlimm ist: Die Serie und Nelly haben einen ziemlich pragmatischen Blick auf Sexarbeit - was für andere das tägliche Meeting ist, sind für „Aurora“ eben die Treffen mit ihren Kunden. Ihre Lust steht dabei nicht unbedingt im Vordergrund. „Ich fake den immer“, sagt Nelly irgendwann schulterzuckend über ihren eigenen Orgasmus.

Dolly (Sasha von Halbach, links) und Liliana (Lera Abova) helfen Nelly (Ella Morgen), sich als Escort zurechtzufinden. (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen)

Dolly (Sasha von Halbach, links) und Liliana (Lera Abova) helfen Nelly (Ella Morgen), sich als Escort zurechtzufinden. (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen)

Trotzdem oder gerade deshalb eröffnet „Selling Sex“ auch ganz grundlegende Diskussionen über weibliche Lust und Sex. Kann es wirklich so nebensächlich sein? Oder: Muss es immer kinky sein? Mit dem Bild der schüchternen, unsicheren Frau, die sich selbst und ihre Lust nicht erfahren will, räumt die Serie dabei definitiv auf. So lernt Nelly von ihrer Kollegin Liliana (Lera Abova) und Dolly (Sasha von Halbach), ihres Zeichens Domina im Ruhestand, aber auch vom mysteriösen Tsuneo (Madieu Ulbrich), was Kink bedeutet. Währenddessen entdeckt auch Bonnie sich selbst neu.

Zwischen Nelly (Ella Morgen) und Ben (Malik Blumenthal) funkt es. Aber will sie wirklich eine Beziehung mit ihm? (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen)

Zwischen Nelly (Ella Morgen) und Ben (Malik Blumenthal) funkt es. Aber will sie wirklich eine Beziehung mit ihm? (Bild: ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen)

Romantiker kommen da weniger auf ihre Kosten. Zwischen Nelly und Ben (Malik Blumenthal), der ebenfalls als Escort arbeitet, scheint es zwar zu funken. Doch letztlich ist er, wie die anderen Männer der Serie, nur eine Nebensache auf Nellys Weg zu sich selbst.

Keine Zeit für Schattenseiten

Serienschöpferin Marie C. König arbeitete selbst mehrere Jahre als Escort und nutzte diese Erfahrungen für das Drehbuch zur Serie. Sie und Co-Autorin Miriam Dehne „zeigen Sexarbeit auf eine klischeefreie, differenzierte und moderne Weise“, erklärt der Sender. Das gelingt allerdings nur bedingt. Nellys Arbeit als Escort wird als Empowerment und Emanzipation dargestellt - was sie sicherlich auch sein kann.

Aber es gibt eben auch die Schattenseiten von Prostitution: gewalttätige Kunden, unseriöse Agenturen, sexuelle Ausbeutung und Zwang. „Selling Sex“ (ab 28. August in der Mediathek) thematisiert diese jedoch, wenn überhaupt, nur am Rande. Und dann ist es meist nicht Nelly, sondern vor allem ihre Kollegin Liliana, die damit umgehen muss. Für einen wirklich differenzierten Blick auf Sexarbeit ist das jedoch zu wenig. (tsch)