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„Becker ließ uns mitfiebern - das war einzigartig“Barbara Rittner über das Tennis von gestern, heute und morgen

12 min
Im Free-TV berichtet Eurosport 1 rund 150 Stunden live aus Melbourne. Mit dabei: Ex-Tennisprofi Barbara Rittner (52). Sie analysiert die Turniere als Expertin für die Zuschauerinnen und Zuschauer der Australian Open. (Bild: Eurosport/Nadine Rupp)

Im Free-TV berichtet Eurosport 1 rund 150 Stunden live aus Melbourne. Mit dabei: Ex-Tennisprofi Barbara Rittner (52). Sie analysiert die Turniere als Expertin für die Zuschauerinnen und Zuschauer der Australian Open. (Bild: Eurosport/Nadine Rupp)

Sie gehört zu den ganz Großen im deutschen Tennis: Barbara Rittner spielte bei über 50 Grand Slams im Hauptfeld, war 15 Jahre lang Bundestrainerin und erreichte mit 19 Jahren Platz 24 der Weltrangliste. Anlässlich der Australian Open blickt sie im Interview auf die Höhen und Tiefen ihrer Karriere zurück.

Mit mehr als 50 Grand-Slam-Teilnahmen, einer Top-Platzierung als Nummer 24 der Welt und 15 Jahren als Bundestrainerin ist Barbara Rittner (52) eine prägende Figur des deutschen Tennissports. Auch als profunde TV-Expertin hat sie sich längst einen Namen gemacht. Zur Eröffnung der Australian Open 2026 (18. Januar bis 1. Februar, Qualifikation ab 12. Januar) kehrt sie als Expertin zu Eurosport zurück und bietet einen klaren Blick auf das Turniergeschehen und die Entwicklungen auf und neben dem Court. Eurosport 1 berichtet im Free-TV rund 150 Stunden live aus Melbourne. Im Interview spricht Rittner über die Höhen und Tiefen ihrer aktiven Karriere, die Veränderungen im Damentennis der letzten Jahrzehnte und die Spielerinnen, die in Melbourne besonders unter Beobachtung stehen. Außerdem geht es um mentale Belastungen im Leistungssport, um Vorbilder, Druck und darum, was junge Talente heute brauchen, um sich im Profizirkus durchzusetzen.

teleschau: Frau Rittner, wie oft stehen Sie selbst noch auf dem Platz und schwingen den Tennisschläger?

Barbara Rittner: In den letzten Wochen wieder häufiger. Nach dem Ende meiner aktiven Karriere 2004 spielte ich 2005 noch ein Turnier und anschließend ab und zu in der Bundesliga bis ich mich 2008 verletzte. Seitdem spielte ich kaum noch für mich, griff aber natürlich bei DTB-Lehrgängen oder Tenniscamps zum Schläger - nur nicht, wenn ich mich privat verabredete. Tatsächlich spielte ich 15 Jahre lang kein Tennis, sondern betrieb lieber andere Sportarten. Wenn mich jemand gefragt hat, habe ich eher Laufen oder Intervalltraining vorgeschlagen. Nun habe ich mit alten Weggefährtinnen aufgeschlagen - und es macht mir wieder Spaß.

teleschau: Im Zuge Ihrer Vorbereitungen auf die Australian Open?

In „First Serve Rittner“ (Eurosport 1) blicken Barbara Rittner (Bild) und Birgit Nössing um 6.30 Uhr erst auf die Spiele der Nacht zurück und stimmen dann auf die weiteren Partien des Tages ein. (Bild: Eurosport/Nadine Rupp)

In „First Serve Rittner“ (Eurosport 1) blicken Barbara Rittner (Bild) und Birgit Nössing um 6.30 Uhr erst auf die Spiele der Nacht zurück und stimmen dann auf die weiteren Partien des Tages ein. (Bild: Eurosport/Nadine Rupp)

Rittner: Nein, eher im Zusammenhang mit den Trainingstagen unserer Nachwuchsspielerinnen bei ACEIN Performance, bei denen ich als sportliche Leiterin arbeite - mit Nastasja Schunk, Ida Wobker und Eva Bennemann. Dafür wollte ich wieder mehr im Schlag sein.

„Ich bin einfach ein Tennis-Nerd“

teleschau: Wie bereiten Sie sich auf die Australian Open vor, die Sie als Expertin für Eurosport begleiten werden?

Rittner: Eine besondere Vorbereitung gibt es nicht, da ich immer und ständig alle Turniere interessiert verfolge. Ich bin einfach ein Tennis-Nerd. Ich schaue alles, was geht, bin bei Ergebnissen immer auf dem neuesten Stand, nutze Apps, besuche Turniere, begleite meine Spielerinnen, habe Kontakt zu Ehemaligen und verfolge die Tennisszene sehr intensiv - vor allem bei den Damen, aber auch bei den Herren.

teleschau: Sind Sie auch vor Ort dabei?

Rittner: Leider übertragen wir bei Eurosport die Australian Open aus dem Studio in München. Das letzte Mal war ich vor zwei Jahren vor Ort, als ich Ella Seidel und Noma Noha Akugue in der Qualifikation betreut habe. Natürlich ist es aus der Ferne anders, aber dank meiner Kontakte bleibe ich nah dran und kann vieles direkt erfragen.

Über 50 Grand Slams im Hauptfeld und viele Erfahrungen: Barbara Rittner blickt im Interview anlässlich der bevorstehenden Australian Open auf ihre erfolgreiche Karriere zurück. (Bild: 1998 Getty Images/Phil Walter)

Über 50 Grand Slams im Hauptfeld und viele Erfahrungen: Barbara Rittner blickt im Interview anlässlich der bevorstehenden Australian Open auf ihre erfolgreiche Karriere zurück. (Bild: 1998 Getty Images/Phil Walter)

teleschau: Worauf freuen Sie sich besonders bei den Australian Open?

Rittner: Einfach darauf, dass es wieder mit Grand-Slam-Tennis losgeht (lacht). Die Pause zwischen den US Open und den Australian Open ist relativ lang und mit der Trainingsphase am Jahresende sehr speziell. Daher ist es spannend zu sehen, wie die Spieler aus der Off-Season zurückkommen. Zum Jahresbeginn gibt es oft Überraschungen. Ich freue mich besonders auf die Top-Duelle und natürlich auf die deutschen Spieler und Spielerinnen. Wie weit kommt Alexander Zverev? Ist er nach der kurzen Pause bereit? Kann Eva Lys in Melbourne an ihren Erfolg vom letzten Jahr als Lucky-Lys-Geschichte anknüpfen? Was macht aus deutscher Sicht ein Justin Engel, der das erste Mal in der Qualifikation bei den Australian Open dabei ist? Und Ella Seidel steht erstmals direkt im Hauptfeld - das freut mich besonders, denn sie arbeitet extrem hart.

Das hält Barbara Rittner von „unseren zwei 'Oldies' Tatjana Maria und Laura Siegemund“

teleschau: Können auch noch Routiniers überraschen?

Rittner: Ja natürlich. Gerade unsere zwei „Oldies“ Tatjana Maria und Laura Siegemund. Es überrascht mich immer wieder, wie stark sie im Herbst ihrer Karrieren spielen. Auch packend: Schafft Amanda Anisimova den großen Wurf? Wie stark ist Iga Świątek? Kann Aryna Sabalenka die Nummer eins verteidigen? Es gibt viele spannende Geschichten, auf die ich mich freue.

teleschau: Auf wen würden Sie wetten?

Mit 19 erreichte Barbara Rittner Platz 24 der Weltrangliste. (Bild: 2025 Getty Images/Clive Mason)

Mit 19 erreichte Barbara Rittner Platz 24 der Weltrangliste. (Bild: 2025 Getty Images/Clive Mason)

Rittner: Das ist schwer zu sagen, weil ich erst kurz vor den Australian Open sehe, wer gesund durch die Vorbereitung gekommen ist und die Wochen gut nutzen konnte. Erst die Turniere kurz davor zeigen, wo alle stehen. Alles andere wäre reine Spekulation.

teleschau: Wie erinnern Sie sich an Ihre Zeit in Melbourne?

Rittner: Ich habe Melbourne immer geliebt. Aus dem Winter direkt in den Sommer zu kommen, war großartig. Die Menschen dort sind unheimlich nett. Ich stand 15-mal im Hauptfeld der Australian Open und war bereits über 30-mal dort, seit 2005 als Teamchefin des DTB. Die Reise ist lang, aber sie lohnt sich - dort geht jedes Tennisherz auf.

„Jetzt sind die Jüngeren gefragt, in die Bresche zu springen“

teleschau: Seit Angelique Kerbers Grand-Slam-Sieg in Melbourne sind fast zehn Jahre vergangen: Wo steht das deutsche Damen-Tennis heute?

Rittner: Unabhängig davon, dass Angelique Kerber 2018 zuletzt einen Grand-Slam-Titel (Wimbledon, d. Red.) gewann, stehen wir nicht da, wo wir gern wären. Mit Kerber, Andrea Petković, Julia Görges, Anna Lena Grönefeld und Sabine Lisicki hatten wir eine „goldene Generation“, die bei Grand Slams regelmäßig weit kam. Das hat sich verändert. Aber mit Eva Lys und Ella Seidel haben wir zwei junge, talentierte Spielerinnen, die hart arbeiten und auf einem guten Weg sind.

15 Jahre lang war Barbara Rittner Bundestrainerin und gab in dieser Funktion ihre Erfahrungen an Nachwuchstalente weiter. (Bild: 2007 Getty Images/Koichi Kamoshida)

15 Jahre lang war Barbara Rittner Bundestrainerin und gab in dieser Funktion ihre Erfahrungen an Nachwuchstalente weiter. (Bild: 2007 Getty Images/Koichi Kamoshida)

teleschau: Deutschland baut also auf die Jugend?

Rittner: Ja, hinter den Etablierten kommen einige junge Spielerinnen nach, die allerdings noch Zeit brauchen und zunächst beim Jugendturnier starten. Mit Siegemund und Maria haben wir bereits zwei erfahrene Spielerinnen in den Top 100. Sie werden zwar nicht ewig spielen, zeigen aber weiterhin starke Leistungen. Die Erwartungen sollten dennoch realistisch bleiben. Jetzt sind die Jüngeren gefragt, in die Bresche zu springen.

teleschau: Wie gut funktioniert die Nachwuchsförderung in Deutschland?

Rittner: Das ist ein komplexes Thema. Zwar gibt es immer vielversprechende Talente, doch viele scheitern am Schulsystem oder verlieren früh den Mut. Gerade in den Altersklassen U14, U16 und U18 sind wir gut aufgestellt, doch der nächste Schritt ist für viele schwierig. Ein Großteil der jungen Athleten setzt zu früh auf Plan B oder C, denn es fällt jungen Menschen zunehmend schwer, alles auf eine Karte zu setzen. Es wäre wichtig, mehr Ex-Profis in die Förderung einzubinden, beispielsweise wenn Angelique Kerber als Mentorin aktiv würde. Insgesamt braucht es mehr finanzielle Unterstützung und Mut-Machen für die jungen Spielerinnen und Spieler.

„Samthandschuhe sind schließlich nicht immer der richtige Weg“

Für Eurosport ordnen Moderatorin Birgit Nössing (von links), Diplom-Sportwissenschaftler Matthias Stach, Ex-Tennisprofi Barbara Rittner und Tennis-Legende Boris Becker die Partien der Australian Open ein. (Bild: Eurosport/Nadine Rupp)

Für Eurosport ordnen Moderatorin Birgit Nössing (von links), Diplom-Sportwissenschaftler Matthias Stach, Ex-Tennisprofi Barbara Rittner und Tennis-Legende Boris Becker die Partien der Australian Open ein. (Bild: Eurosport/Nadine Rupp)

teleschau: Was braucht man, um wirklich nach ganz oben zu kommen?

Rittner: Für uns Erfahrene ist es wichtig, den Talenten zu zeigen, dass der Weg nach oben harte Arbeit und ständige Disziplin erfordert. Vorbilder wie beispielsweise Angelique Kerber oder Andrea Petković haben sich über Jahre hinweg alles hart erarbeitet - das sollten sich junge Spielerinnen bewusst machen. Ich wünsche mir, dass sie geduldig sind und sich nicht zu sehr vom Druck von außen stressen lassen. Denn den größten Druck machen sie sich ohnehin selbst. Der Verband sollte ihnen eine klare, konstante Unterstützung bieten und ihre Entwicklung langfristig mittragen, ohne sich von medialem Druck treiben zu lassen.

teleschau: Was würden Sie Eltern raten, die einen sehr ehrgeizigen, jungen Tennisspieler zu Hause haben?

Rittner: Wichtig ist, ein eigenes Team zu schaffen, das Freude an der Entwicklung hat und konstant zusammenarbeitet. Ich halte nichts davon, ständig zu wechseln, wenn es mal nicht schnell genug geht. Konstanz ist entscheidend. Das Talent muss sich wohlfühlen, aber im Leistungssport gehört es auch dazu, regelmäßig die Komfortzone zu verlassen. Und das nicht nur in einzelnen Trainingseinheiten. Aber darin sehe ich gar nicht das Problem ...

teleschau: Worin dann?

Rittner: Die Athleten sollten auch unabhängige Stimmen im Umfeld zulassen, die konstruktive Kritik äußern. Samthandschuhe sind schließlich nicht immer der richtige Weg. In dosierter und wohlwollender Form ist Kritik sehr wichtig. Entscheidend ist, dass sie von erfahrenen Personen kommt und ein langfristiges Vertrauensverhältnis entsteht.

„Aus finanziellen Gründen spielte ich viele Turniere alleine“: So veränderte sich die Tennis-Branche laut Ex-Profi Barbara Rittner im Laufe der Jahre. (Bild: Stu Forster)

„Aus finanziellen Gründen spielte ich viele Turniere alleine“: So veränderte sich die Tennis-Branche laut Ex-Profi Barbara Rittner im Laufe der Jahre. (Bild: Stu Forster)

teleschau: Fehlt es der jüngeren Generation vielleicht etwas an Biss?

Rittner: Das lässt sich nicht pauschal sagen. Ich glaube aber, dass der Biss entscheidend ist, um mental über Grenzen zu gehen, offen für Neues und für Kritik zu sein. Viele trainieren hart, aber manche Talente glauben schon, dass es weiterläuft wie in der Jugend, ohne dass sie sich wirklich quälen müssen. Da fehlt hier und da die so oft erwähnte Resilienz.

„Ich war oft allein unterwegs und musste mit Niederlagen selbst klarkommen“

teleschau: War es früher leichter oder schwerer, an die Spitze zu gelangen?

Rittner: International ist das Niveau heute deutlich breiter: Ein Weltranglistenplatz 600 kann auch mal eine Nummer 100 schlagen. Das war vor 20 oder 30 Jahren kaum denkbar. Alles ist enger zusammengerückt, professioneller geworden und durch das viele Geld sind auch mehr Menschen am Tennis-Circuit beteiligt. Erfolg war aber auch früher schwer zu erreichen. Ich war oft allein unterwegs und musste mit Niederlagen selbst klarkommen. Heute wird durch größere Teams mehr Verantwortung abgenommen, was aber auch die Resilienz schwächen kann. Früher hatte man maximal einen Trainer, heute ist das „Team“ viel größer. Das ist ein erheblicher Unterschied.

teleschau: Tennis war hierzulande einst ein Massenphänomen. Übertragungen mit Steffi Graf und Boris Becker waren echte TV-Ereignisse. Ist diese Zeit endgültig vorbei?

Die Zukunft der Traditionssportart ist für Tennisspielerin Barbara Rittner ein Grund zur Sorge. Im Interview philosophiert die Sportlerin über das Massenphänomen Tennis. (Bild: 2015 Getty Images/Thomas Niedermueller)

Die Zukunft der Traditionssportart ist für Tennisspielerin Barbara Rittner ein Grund zur Sorge. Im Interview philosophiert die Sportlerin über das Massenphänomen Tennis. (Bild: 2015 Getty Images/Thomas Niedermueller)

Rittner: Zu meiner Zeit war Tennis durch Idole wie Steffi Graf, Boris Becker, Michael Stich oder Anke Huber viel präsenter, auch weil die öffentlich-rechtlichen Sender die Grand Slams und weitere deutsche Turniere übertrugen. Tennis war neben Fußball eine der großen Sportarten. Heute gibt es viele neue, schnell erlernbare Fun-Sportarten wie Padel, Pickleball oder Skateboarden, die das öffentliche Interesse wecken. Tennis ist nach wie vor beliebt, aber längst nicht mehr so präsent wie früher.

teleschau: Woran liegt das?

Rittner: Für viele Jugendliche ist es heute nicht mehr spannend, ein ganzes Tennis-Match zu schauen. Tennis ist eine Traditionssportart. Dazu gibt es zwei Seiten: Einerseits würde eine Verkürzung helfen, indem beispielsweise nur ein Aufschlag oder verkürzte Sätze zur Regel werden. Andererseits liebe ich als Tennis-Nerd die Dramatik im dritten oder fünften Satz. Aber im Fernsehen ist Tennis schwer planbar, denn ein Match kann eine oder dreieinhalb Stunden dauern. Das passt nicht mehr in die heutige Zeit. Der Sport leidet auch unter dem Mangel an konstanten Erfolgen. Bei Zverevs Olympia-Gold oder Kerbers Grand-Slam-Siegen war Tennis kurz wieder präsenter. Früher fieberte man mit: Bei Becker wegen der Emotionen und bei Graf wegen ihrer Dominanz. Das war die große Zeit.

„Becker ließ uns mitfiebern - das war einzigartig“

teleschau: Seit Jahren lastet bei den Herren viel Verantwortung auf den Schultern von Alexander Zverev, der eine Identifikationsfigur ist. Wie beurteilen Sie die Perspektive im deutschen Männertennis?

Rittner: Zverev ist seit Jahren erfolgreich und weltweit wahrscheinlich der beste Spieler ohne Grand-Slam-Titel. Hätte er das Finale der US Open gewonnen, wäre ihm eine große Last von den Schultern gefallen. Man merkt, wie sehr er diesen Titel will. Der Druck, den er sich selbst macht, gepaart mit dem äußeren Druck, ist enorm. Während andere für das Erreichen des Viertelfinals gefeiert werden, wird er trotz konstant guter Leistungen oft kritisiert. In entscheidenden Grand-Slam-Matches fehlt ihm die Lockerheit, um sein bestes Tennis zu zeigen. Wenn er mutig und aggressiv spielt, kann er jeden schlagen. Ich wünsche ihm, dass er diesen Schlüssel findet - vielleicht ja 2026. Ansonsten gibt es einige junge Talente mit sehr guter Perspektive.

2001 stellte sich Barbara Rittner ihrer Konkurrentin Serena Williams bei den All England Lawn Tennis Championships in Wimbledon, London. (Bild: Clive Brunskill)

2001 stellte sich Barbara Rittner ihrer Konkurrentin Serena Williams bei den All England Lawn Tennis Championships in Wimbledon, London. (Bild: Clive Brunskill)

teleschau: Warum ist ein Topspieler wie Zverev trotz Erfolgen nicht so in den Herzen der Fans angekommen wie einst Becker?

Rittner: Zverev ist ein ganz anderer Typ. Er polarisiert, wirkt auf dem Platz unnahbarer als Boris Becker, der uns emotional mitgerissen hat. Becker ließ uns mitfiebern - das war einzigartig. Sascha ist da anders, aber jeder hat eben seinen eigenen Stil. Diese Euphorie und diesen Tennis-Wahnsinn, den der 17-jährige Leimener uns beschert hat, wird, glaube ich, nie wieder jemand toppen können. Das war einfach eine ganz besondere Geschichte.

„Viele wissen gar nicht, wie talentiert sie wären, weil Tennis für sie nie infrage kam“

teleschau: Braucht Tennis folglich wieder mehr die große Bühne im Free-TV, um die Massen zu begeistern?

Rittner: Der richtige Tennis-Fan kommt nicht zu kurz: Über Streams, Eurosport oder Sky gibt es viel zu sehen. Die Reichweite von ARD und ZDF war früher allerdings natürlich größer. Wenn fünf Millionen Menschen ein Match sehen, wird auch mehr darüber gesprochen. Ein Alcaraz-Sinner-Finale im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wäre großartig gewesen. So sind es eher die Tennis-Nerds, die dranbleiben. Ich wünsche mir, dass große Spiele mit deutscher Beteiligung oder Teamwettbewerbe der Nationalmannschaft wieder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen, aber das bleibt wohl Wunschdenken.

teleschau: Viele ordnen Tennis als elitären Sport ein. Realität oder Klischee?

Rittner: Tennis ist eine kostspielige Sportart. Man braucht Trainerstunden, Schläger, Schuhe, muss Plätze buchen - gerade im Winter sind Hallen sehr teuer. Viele wissen gar nicht, wie talentiert sie wären, weil Tennis für sie nie infrage kam. Fußball ist da einfacher: Ball nehmen und loslegen. Tennis bleibt, ähnlich wie Skifahren oder Golf, elitär. Trotzdem ist es eine tolle Sportart, und manche haben das Glück, entdeckt zu werden.

teleschau: Tennis ist schnell und emotional - aber nur selten laut. Wie gelingt es, das Publikum vor dem Bildschirm zu begeistern?

Rittner: Wie in den 80er- und 90er-Jahren braucht es Identifikationsfiguren, mit denen man mitfiebert - das geht mir genauso. Wenn ich weiß, wer jemand ist und wofür er steht, fiebere ich mit. Ich liebe Tennis in seiner klassischen Form, aber vielleicht braucht es Anpassungen, um künftig wieder mehr Menschen zu erreichen.

„Aus finanziellen Gründen spielte ich viele Turniere alleine“

teleschau: Sie haben eine sehr erfolgreiche Karriere gespielt - sind Sie zufrieden damit, oder hätten Sie gerne noch mehr erreicht?

Rittner: Oft sagte man mir nach, ich hätte Potenzial für die Top-Ten der Welt gehabt. Ich war fleißig, hätte mich aber noch professioneller aufstellen können, beispielsweise mit einem festen Coach. Aus finanziellen Gründen spielte ich viele Turniere alleine. Mit 19 war ich bereits die Nummer 24 der Welt, erreichte diesen Platz danach aber nie wieder. Sicher spielte auch die Trennung meiner Eltern eine Rolle, doch darüber sprach ich damals nicht öffentlich. Ich war nicht mehr fokussiert genug, um noch erfolgreicher zu sein. Trotzdem bin ich stolz auf meine Karriere: Über 50 Grand Slams im Hauptfeld und viele Erfahrungen. Als Bundestrainerin konnte ich viel weitergeben, besonders an die Generation Kerber, Petković und Co. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin und bleibe ein Tennis-Nerd.

teleschau: Wären Sie gerne noch länger Bundestrainerin geblieben?

Rittner: Unter bestimmten anderen Voraussetzungen, ja. Mir hat der Job an sich unglaublich viel Spaß gemacht und mich sehr erfüllt - besonders die Arbeit mit den jungen Athletinnen. Ihre Entwicklungen zu begleiten, war meine Leidenschaft. Aber alles hat seine Zeit, und meine war gekommen. Deshalb verließ ich den Deutschen Tennisbund. Meine neue Aufgabe bei ACEIN Performance ist ähnlich angelegt. Die Unabhängigkeit tut mir gut. Es geht mir gut. (tsch)