Volker Schlöndorffs Kinoadaption von Max Frischs Roman mit vielen philosophischen und gesellschaftlichen Fragen ist ein besonderer Glücksfall. Auch der Autor selbst war angetan.
Besser als die SchullektüreMeisterhafte Literaturverfilmung mit Starbesetzung läuft im Free-TV

Kurz vor dem Abflug glaubt Walter Faber (Sam Shepard), dass es so etwas wie Zufall nicht gibt. (Bild: ZDF/SRF/Studiocanal)
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Es gibt in unserem Sprachraum Autoren, deren Bücher jeder Oberstufenschüler während seiner schulischen Laufbahn gelesen haben muss. Was den meisten den Spaß und das Interesse daran verleidet, ist die Tatsache, dass sie wochenlang interpretiert und besprochen werden, bis man jede Lust daran verliert. Max Frisch ist auch so ein Autor, dabei gehört er zu den wichtigsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Angesichts der Tatsache, dass Frisch der Welt etwas zu sagen hatte, ist es ein Glücksfall, dass sich Volker Schlöndorff eines seiner Meisterwerke annahm. Der Schweizer Autor, von dem nur wenig verfilmt wurde, konnte sich kurz vor seinem Tod 1991 „Homo Faber“ (Sonntag, 2. August, 20.15 Uhr, 3sat) noch ansehen, er war davon so angetan, dass er dem Regisseur seinen geliebten Jaguar schenkte.
Ingenieur Walter Faber (Sam Shepard) ist ein durch und durch rationaler Mensch. Alles ist planbar und vorherzubestimmen, den Zufall gibt es nicht in seiner Welt. Als er sich eines Tages in ein Flugzeug setzt, will er „nur“ von Amerika nach Athen. Allerdings verläuft die Reise nicht wie geplant. Die Maschine muss in Südamerika notlanden, und an eine Weiterreise ist zunächst nicht zu denken. Faber kommt mit seinem Sitznachbarn Herbert Hencke (Dieter Kirchlechner) ins Gespräch. Dieser ist gerade auf dem Weg zu seinem Bruder Joachim (August Zirner), einem ehemaligen Studienfreund Fabers. Zufall?

Faber (Sam Shepard) überschreitet bei Sabeth (Julie Delpy) eine Schwelle. (Bild: ZDF/SRF/Studiocanal)
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Joachim ist inzwischen mit Hanna (Barbara Sukowa) verheiratet. Sie ist die Exfreundin Fabers und seine große Liebe, die er nie ganz vergessen konnte. Jetzt ist die Erinnerung an Hanna und die Zeit mit ihr wieder ganz gegenwärtig. Als Faber seine Reise nach Griechenland per Schiff fortsetzen muss, fällt ihm dort eine junge Frau auf, die ihn an Hanna erinnert. Die viel jüngere Sabeth (Julie Delpy) erwidert sein Interesse, und die beiden kommen sich näher.
Schlöndorff stellt die existenziellen Fragen
Schlöndorff hatte sich bereits als Spezialist von Literaturverfilmungen etabliert, durch den großen Publikumserfolg der Heinrich-Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) und natürlich durch das oscargekrönte Drama „Die Blechtrommel“ (1979) nach dem gleichnamigen Roman von Günter Grass. Der erfolgreiche deutsche Regisseur stellt in „Homo Faber“ nicht nur die Liebesgeschichte ins Zentrum, die in einer Ödipus-Tragödie endet, sondern reichert dieses „Roadmovie“ mit den philosophischen und gesellschaftlichen Fragen an, die auch im Roman zu finden sind: die Begegnung zwischen Amerika und Europa, Technik und Kunst sowie die existenzielle Frage nach Schicksal oder Zufall.
Frisch hatte anfangs am Drehbuch mitgearbeitet, wurde dann aber krank und starb Anfang April 1991 - kurz nach dem deutschen Filmstart (März 1991). In seiner Heimat startete der Film übrigens erst im Mai. Vor allem begeisterten den Autor die drei Hauptdarsteller: Der US-Amerikaner Sam Shepard, die Französin Julie Delpy, die heute selbst Regisseurin ist, und die Deutsche Barbara Sukowa. (tsch)