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Britta (58) lebt seit zwei Jahren mit der Diagnose Frühdemenz„Ich nehme schon Abschied“

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Brittas Kurzzeitgedächtnis arbeitet immer schlechter. Sie muss sich alles aufschreiben. (Bild: ZDF / Greb + Neckermann Filmproduction)

Brittas Kurzzeitgedächtnis arbeitet immer schlechter. Sie muss sich alles aufschreiben. (Bild: ZDF / Greb + Neckermann Filmproduction)

Britta ist 58 und eine von 100.000 Menschen in Deutschland, die an Frühdemenz leiden. Sie weiß es seit zwei Jahren. Sie stellt sich der Alzheimer-Erkrankung, geht offen damit um, klärt auf. Aber sie vergisst immer mehr. Von einem Team der ZDF-Reihe „37°“ ließ sie sich begleiten.

„Das war ein Schlag ins Kontor. Das ist ja ne Einbahnstraße. Klar, wo's hingeht.“ Stefan ist seit acht Jahren mit Britta zusammen. Geheiratet hat er sie - wie um dem Schicksal zu trotzen - erst, nachdem sie die niederschmetternde Diagnose Frühdemenz bekommen hatte. Für Britta war es auch ein Schock. „Ich bin mit dem Kopf auf den Tisch und hab geweint.“ Denn ihr war klar: „Es ist unheilbar.“

Britta driftet ab „in diese andere Welt“. Sie leidet an Frühdemenz. Vor zwei Jahren erhielt die 58-Jährige Ex-Lehrerin die Diagnose. Die ersten Symptome traten mit Anfang 50 auf. (Bild: ZDF/Greb + Neckermann Filmproduction)

Britta driftet ab „in diese andere Welt“. Sie leidet an Frühdemenz. Vor zwei Jahren erhielt die 58-Jährige Ex-Lehrerin die Diagnose. Die ersten Symptome traten mit Anfang 50 auf. (Bild: ZDF/Greb + Neckermann Filmproduction)

Das sagten auch die Ärzte, als nach jahrelanger Odyssee durch Praxen, Kur-Kliniken und Psychiotherapien klar war, was ihre vor rund sieben Jahren einsetzende Vergesslichkeit wirklich bedeutete. Für die ZDF-Dokumentation „37°: Mein Weg ins Vergessen - Leben mit Frühdemenz“ (Dienstag, 22. September, 22.15 Uhr, ZDF und schon jetzt in der ZDF-Mediathek) begleiteten die Filmemacher Marion Mück-Raab und Stefanie Neckermann Britta und ihre Familie über ein halbes Jahr hinweg. Sie porträtieren eine Frau, die unter ihrem Schicksal leidet, auch mal bitterlich weint, vor allem aber kämpft. „Carpe diem ist so wichtig für mich. Zeigen, dass ich es schaffe, dass ich Lebensenergie habe.“

Aber, natürlich und unabänderlich: Die Fähigkeiten schwinden. Sie kann nicht mehr Autofahren. Sie braucht Hilfe beim Kofferpacken, auch beim Einkaufen auf dem Markt. Gestern konnte sie noch E-Mails beantworten, heute weiß sie nicht mehr, wie sie am PC ins Mailprogramm kommt. Der Herd ist extra gesichert, denn Ehemann Stefan arbeitet vormittags. Als er heimkommt und sie fragt, ob sie schon gegessen hat, ist sie ratlos. „Ich weiß es nicht.“

„Carpe diem ist so wichtig. Zeigen, dass ich Lebensenergie habe.“

Ehemann Stefan kümmert sich liebevoll um seine Britta. Er wünscht sich, dass „wir gemeinsam noch lange so rumdödeln können wie jetzt“. (Bild: ZDF/Greb + Neckermann Filmproduction)

Ehemann Stefan kümmert sich liebevoll um seine Britta. Er wünscht sich, dass „wir gemeinsam noch lange so rumdödeln können wie jetzt“. (Bild: ZDF/Greb + Neckermann Filmproduction)

Neben Stefan unterstützen auch die vier Kinder aus Brittas erster Ehe ihre Mutter. Per (28) sagt: „Wir lachen oft über Situationen. Aber die Stimmung kann schnell kippen.“ Seine größte Sorge: „Dass der Tag kommt, an dem Mama vor mir steht und nicht mehr weiß, wer ich bin.“ Das Schlimme: Er, sie, alle wissen: Der Tag wird kommen.

Auch Tochter Marisa und deren drei Geschwister unterstützen ihre Mutter, wo immer möglich. Zum Beispiel beim Shoppen oder Einkaufen auf dem Markt. Alleine kann es Britta nicht mehr. (Bild: ZDF/Greb + Neckermann Filmproduction)

Auch Tochter Marisa und deren drei Geschwister unterstützen ihre Mutter, wo immer möglich. Zum Beispiel beim Shoppen oder Einkaufen auf dem Markt. Alleine kann es Britta nicht mehr. (Bild: ZDF/Greb + Neckermann Filmproduction)

„Ich werde meine Freunde, meine Kinder, meine Enkel verlieren“, schluchzt Britta. „Da steht die Demenz dazwischen. Es ist so traurig, dass ich nicht die Mama bis zum Schluss für meine Kinder bin, die ich sein möchte.“

Aber, trotz aller Tiefen, die unweigerlich alltäglich kommen: Britta steckt nicht auf. Sie hat ein Bilderbuch geschrieben, für ihre Enkelkinder über die „Elfe Dementia“, die Gedanken in Feenstaub verwandelt. Britta hat das Buch illustriert und verlegt, sie präsentiert es in Stadtbüchereien und Altenheimen. Damit möchte sie über Alzheimer aufklären und der Krankheit den Schrecken nehmen. Und natürlich liest sie ihrem Enkel Emil daraus vor.

Britta spielt mit ihrem Enkel Emil am Strand. Unter der Vorstellung „meine Freunde, Kinder, Enkel zu verlieren“, leidet sie besonders. (Bild: ZDF/Greb + Neckermann Filmproduction)

Britta spielt mit ihrem Enkel Emil am Strand. Unter der Vorstellung „meine Freunde, Kinder, Enkel zu verlieren“, leidet sie besonders. (Bild: ZDF/Greb + Neckermann Filmproduction)

Für ihren Kampfgeist, ihr Engagement und den offenen Umgang mit Demenz von der in Deutschland 1,8 Millionen Menschen betroffen sind, wurde Britta von der Hertie-Stiftung ausgezeichnet.

„Der Fels in der Brandung fehlt“

Britta (links) kämpft. Sie hat ein Kinderbuch über die „Elfe Dementia“ geschrieben und gemalt. Für ihren Einsatz für einen offeneren Umgang mit Alzheimer wurde sie von Dr. Eva Koch (rechts) mit dem Hertie-Preis ausgezeichnet. (Bild: ZDF/Greb + Neckermann Filmproduction)

Britta (links) kämpft. Sie hat ein Kinderbuch über die „Elfe Dementia“ geschrieben und gemalt. Für ihren Einsatz für einen offeneren Umgang mit Alzheimer wurde sie von Dr. Eva Koch (rechts) mit dem Hertie-Preis ausgezeichnet. (Bild: ZDF/Greb + Neckermann Filmproduction)

Aber sie weiß und spürt, dass sie immer weiter „in diese andere Welt“ rutscht. Ihr ältester Sohn empfindet es so: „Der Fels in der Brandung fehlt. Dass ich anrufe und sage 'Mama, ich brauche einen Rat'. Es ist nicht mehr da.“

Ehemann Stefan kümmert sich liebevoll, konstatiert aber norddeutsch klar: „Der Verfall ist offensichtlich. Es wird wohl so sein, dass ich Britta im Rollstuhl sitzend irgendwohin schieben werde, mit ner Windel an, und sie wird rausgucken oder auch nicht. Reden wird dann nicht mehr möglich sein.“ Seine Stimme bricht.

Britta weiß auch, was kommt. „Ich nehme schon Abschied“, sagte sie. Sie beschäftige sich schon mit der Beerdigung, führe Listen mit Liedern. Und wenn sie mal wieder der Kummer überkommt, dann „weine ich alles richtig raus“. Aber Angst vor dem Tod an sich? „Nein, überhaupt nicht.“

Bis Britta endgültig geistig „in diese andere Welt“ abdriftet - niemand weiß, wann der Zeitpunkt kommt -, wünscht sich Stefan und hält dabei ihre Hand, „dass wir die Flasche halbvoll und nicht halbleer betrachten und dass wir möglichst lange noch so miteinander rumdödeln können wie jetzt“. (tsch)