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CDU-Minister widerspricht Kanzler MerzSind die Deutschen zu faul? „Natürlich ist das nicht der Fall“

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CDU-Politiker Claus Ruhe Madsen hielt offenkundig nicht viel von Merz' Arbeitnehmerbashing.  (Bild: ZDF)

CDU-Politiker Claus Ruhe Madsen hielt offenkundig nicht viel von Merz' Arbeitnehmerbashing. (Bild: ZDF)

Friedrich Merz beklagt mangelnden Leistungswillen und hohe Krankenstände. Bei „Sarah Tacke“ widerspricht selbst ein CDU-Politiker – und benennt ganz andere Probleme.

Es scheint so etwas wie das Leitmotiv der Kanzlerschaft von Friedrich Merz zu sein: das ewige Lamento, dass die Deutschen nicht genug arbeiten würden. „Leistung wird wieder im Vordergrund stehen, nicht Behäbigkeit, Bequemlichkeit, Faulheit“, tönte der Kanzler vor einiger Zeit. Gerne verweist er auch auf Statistiken, die angeblich zeigen, dass die Menschen in anderen Ländern mehr Zeit am Arbeitsplatz verbringen als die Deutschen. Außerdem meldeten sich die Menschen hierzulande zu oft krank, moniert der CDU-Politiker

Was ist dran an diesen Vorwürfen? Darüber diskutierte Sarah Tacke, Sommerpausenvertretung von ZDF-Talkerin Maybrit Illner, am Donnerstagabend mit ihren Gästen. Titel der Sendung: „Mehr arbeiten, weniger krank sein – rettet das Deutschland?“

Um es vorwegzunehmen: Keiner der Gäste im ZDF-Studio wollte Merz' zur Seite springen, nicht einmal ein Parteikollege aus Schleswig-Holstein. Der Konsens der Runde: Die Deutschen arbeiten viel, sind nicht zu oft krank – nur lohne sich ihr Einsatz oftmals schlichtweg nicht. Und die überbordende Bürokratie mache Arbeitgebern das Leben schwer.

Claus Ruhe Madsen: „Wir sind bei weitem nicht faul“

Linken-Politiker Bodo Ramelow, einst Ministerpräsident in Thüringen und heute Bundestagsvizepräsident, verwies zu Beginn der Sendung auf eine Erhebung, der zufolge in Deutschland im Jahr 2024 rund 1,2 Milliarden Überstunden abgeleistet wurden. „Davon die Hälfte ohne Bezahlung“, so Ramelow. Für ihn ein Beweis dafür, dass im Land durchaus viel geleistet werde.

Am Donnerstagabend sprach Sarah Tacke (Mitte) mit ihren Gästen im ZDF über das Thema: „Mehr arbeiten, weniger krank sein - rettet das Deutschland?“ (Bild: ZDF)

Am Donnerstagabend sprach Sarah Tacke (Mitte) mit ihren Gästen im ZDF über das Thema: „Mehr arbeiten, weniger krank sein - rettet das Deutschland?“ (Bild: ZDF)

Auch CDU-Politiker Claus Ruhe Madsen, Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, hält offenkundig nicht viel von Merz' Arbeitnehmerbashing. „Natürlich ist das nicht der Fall“, sagte Madsen zu den Vorwürfen des Kanzlers in Richtung Arbeitnehmerschaft. „Wir sind bei weitem nicht faul.“ Das Problem sei ein anderes: Wer mehr arbeite, habe am Ende oftmals nicht automatisch auch mehr in der Tasche. „Wenn man bereit ist, ein bisschen mehr zu leisten, dann muss es auch spürbar netto bei mir ankommen“, so der gebürtige Däne.

Die Unternehmerin Christina Böhm, Geschäftsführerin eines familiengeführten Malerbetriebs mit nach eigenen Angaben 30 Mitarbeitern, hatte dafür ein Praxisbeispiel mit ins Studio gebracht. Ein Mitarbeiter, der seine monatliche Arbeitszeit von 190 auf 210 Stunden erhöhen wolle, habe am Ende nicht mehr, sondern netto weniger Geld auf dem Gehaltszettel stehen. „Da finden Sie niemand, der Bock hat zu sagen: Da mach ich ein paar Stunden mehr.“ Zustimmung gab's von Minister Madsen: „Wenn wir schon sagen, du machst ein paar Stunden mehr, dafür kriegst du weniger Geld, was ist denn das bitteschön für ein System?“, fragte der CDU-Politiker.

„Wenn ich denen nicht nachkomme, stehe ich mit einem Bein im Knast“

Was Unternehmerin Böhm ebenfalls wütend machte: die überbordende Bürokratie. Vor einigen Jahrzehnten habe ihr Unternehmen 100 Mitarbeiter gehabt, davon seien sieben als Büroangestellte unter anderem mit der täglichen Bürokratie beschäftigt gewesen. Heute habe ihr Malerbetrieb noch 30 Mitarbeiter – davon aber sechs im Büro. „Weil wir uns zu Tode verwalten“, so Böhm, die unter anderem auf massiv gestiegene Berichts- und Dokumentationspflichten verwies. „Wenn ich denen nicht nachkomme, stehe ich mit einem Bein im Knast“, klagte die Unternehmerin.

Eine weitere Stellschraube: mehr Flexibilität, Stichwort Kündigungsschutz. Der sei in Deutschland zu streng, beklagte Böhm. So sei es beispielsweise schwierig, Mitarbeiter zu kündigen, die langsam oder lustlos arbeiteten. Minister Madsen verwies in dem Zusammenhang auf sein Geburtsland Dänemark, wo es quasi gar keinen Kündigungsschutz gebe. Das führe zu einem äußerst flexiblen Arbeitsmarkt, so Madsen, was gleichzeitig dafür sorge, dass Menschen ohne Job schnell wieder in Arbeit kämen. Direkt übertragbar auf Deutschland sei das dänische Modell allerdings nicht.

Noch in einem anderen Bereich forderte Madsen mehr Flexibilität: beim Acht-Stunden-Tag. Wer wolle, so der schleswig-holsteinische Minister, solle auch mehr als die hierzulande geltende tägliche Maximalarbeitszeit arbeiten dürfen. Entscheidend sei vielmehr, dass die in der EU geltende wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden nicht überschritten werde und beispielsweise Ruhezeiten eingehalten würden. Madsen machte einen Fußballvergleich: Die Deutschen gingen nach 90 Minuten in die Kabine, die Chinesen aber blieben noch ein bisschen länger auf dem Platz. „Deswegen müssen wir bereit sein, dass wir ein bisschen mehr leisten“, so der CDU-Politiker.

Attestpflicht ab Tag eins „komplett kontraproduktiv“

Auch Linken-Politiker Ramelow kann sich flexiblere Arbeitszeiten vorstellen, er plädierte in der ZDF-Sendung aber dafür, solche Modelle im Rahmen von Tarifverträgen auszuhandeln. Noch wichtiger aber als der Blick auf die reine Arbeitszeit sei etwas anderes: Effizienz. Ramelow berichtete von einem Thüringer Hersteller von Elektroklemmen, der die Produktion von China zurück in die Heimat geholt habe – weil in Thüringen effizienter gearbeitet werde.

Gegen Ende der Sendung wurde dann ein weiterer Merz-Klassiker diskutiert: die Frage, ob die Deutschen zu oft krank seien. Deutlichen Widerspruch gab es von Merz' Parteifreund, CDU-Mann Madsen. „Als Unternehmer war mir eins immer wichtig: Wenn jemand krank ist, soll er zu Hause bleiben.“ Ansonsten drohten Arbeitsunfälle oder Ansteckung am Arbeitsplatz. Auch der Idee einer Krankschreibung am ersten Arbeitstag erteilte er eine Absage.

Das sah Unternehmerin Böhm ähnlich: Ein Attest ab Tag eins stehe für Misstrauen gegenüber den Arbeitnehmern und sei „komplett kontraproduktiv“. In ihrem Unternehmen gelte das Vertrauensprinzip: In den ersten drei Krankheitstagen dürften ihre Mitarbeiter auch ohne Attest zu Hause bleiben. (tsch)