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Drahtzieher des Stasi-Leaks von 1992„Wir hatten keinen Schiss“

1992 wurden in Halle an der Saale 4500 Namen von Menschen veröffentlicht, die als „Inoffizielle Mitarbeiter“ für die Stasi gearbeitet hatten. Die Drahtzieher blieben 30 Jahre lang unerkannt.

Wieland Berg, Ulrich Schlademann und Matthias Waschitschka packen in der MDR-Doku „Der große Stasi-Leak - Helden oder Verräter“ über ihren Coup von damals aus. (Bild: MDR)

Wieland Berg, Ulrich Schlademann und Matthias Waschitschka packen in der MDR-Doku „Der große Stasi-Leak - Helden oder Verräter“ über ihren Coup von damals aus. (Bild: MDR)

Ulrich Schlademann, evangelischer Pfarrer, saß im Jahr 1990 an seinem Schreibtisch und las - dienstlich - Akten. Stasi-Akten. Berichte von „Inoffiziellen Mitarbeitern“ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, in denen sie über Bekannte, Freunde, sogar Ehepartner im Auftrag der Stasi berichteten.

Die Erinnerung nimmt Schlademann heute noch mit. „Es hat mich oft angeekelt, was Menschen da über Menschen geschrieben haben. So was von hässlich und gemein.“ Seine Stimme bricht, als er von den schriftlichen Beweisen für Verrat, Bespitzelung und Denunziation erzählt. Dann fand er zufällig einen Schatz: Rucksäcke voller Mikrofilme mit Dokumenten über Stasi-Mitarbeiter aus seiner Heimatstadt Halle an der Saale - mit Decknamen, Klarnamen, Wohnorten. Was sollte er damit machen?

Die MDR-Dokumentation „Der große Stasi-Leak - Helden oder Verräter“ (Dienstag, 10. November 2026, 20.15 Uhr, MDR, vorab in der ARD-Mediathek) ist wie ein zeitgeschichtlicher True-Crime- und Spionagefall. Denn Schlademann und sechs Freunde veröffentlichten die Namen. Anonym, denn ihnen war klar: „Das ist illegal. Aber deshalb war's spannend für mich“, sagt Henning Schaarschmidt.

Er ist einer derer, die sich damals scherzhaft „die sieben Samurai“ nannten. Fünf davon - neben Schaarschmidt Thea Ilse, Wieland Berg, Ulrich Schlademann und Matthias Waschitschka - berichten in der Dokumentation von Melissa Müller, Ulrike Schwerdtner und Bettina Wobst, warum sie sich damals entschlossen, die Namensliste zu veröffentlichen. Zwei der Samurai treten nicht vor die Kamera. Fritz starb 2007, heißt es im Abspann, und „Matjes“ wolle die Vergangenheit ruhen lassen.

Es ist eine wilde Geschichte. Aber eine, die nachwirkte. Die Historikerin Anita Krätzner-Ebert meint: „Die 'Stasi-Liste von Halle' hat einen unschätzbaren Wert für die gesellschaftliche Aufbereitung des Themas und der Frage nach der individuellen Schuld.“

Schmerzlicher Moment: „Ich entdeckte auf der IM-Liste sogar den Namen meiner Freundin“

Die meisten der Samurai waren als Mitglieder von ökologischen Gruppierungen selbst auf der Stasi-Liste derer, die ausspioniert wurden. Die Stasi-Akte von Matthias Waschitschka ist 800 Seiten dick, 30 Inoffizielle Mitarbeiter (IMs) berichteten damals über ihn ans Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Als sie die Liste - unter strengster Geheimhaltung und in konspirativen Nacht- und Nebel-Aktionen - vom Mikrofilm auf Disketten übertrugen und nächtelang nur Namen abtippten, kam es zu „schmerzlichen Momenten“ - immer dann, wenn sie einen Namen auf der IM-Liste erkannten. Waschitschka: „Ich entdeckte sogar den Namen meiner Freundin.“

Oder sie fanden auf der Liste Günther Henry Schramm. Ein Schock, denn der war ihr Freund, Mitbegründer und Initiator der ökologischen Bewegung. Schlademann konfrontierte ihn: „Geh zu deiner Ökogruppe und sage ihnen, dass du alle Aktivitäten an die Stasi gemeldet hast.“ Schramm, nach der Wende Mitglied der Grünen und sogar Bundestagskandidat, kommt in der Doku auch zu Wort: „Als er mich ansprach, wusste ich: das war's.“ Er argumentiert, „es waren hinterlistige Berichte, weil die anderen es nicht wussten. Aber ich habe keinen ins Gefängnis gebracht, niemanden angeschwärzt und keine Märchen erzählt.“ Als der Skandal dann publik wurde, trat er zurück: „Dass dann alles weg war, ist das Lehrgeld, das ich zahlen musste.“

Ursprünglich wollten die Verschwörer die Daten lediglich sichern. Es habe Berichte über Aktenverbrennungen in Berlin gegeben, sagt Schlademann. Außerdem habe es kurz nach der Wiedervereinigung Bestrebungen in der Bundesregierung gegeben, die Akten „auf ewig wegzuschließen“. Und vielleicht für immer verschwinden zu lassen? Die Verschwörer wollten das nicht riskieren. Schlademann: „Wir haben doch auch eine Verantwortung für eine Gesellschaft, dass wir das zur Verfügung stellen - auch wenn es unheimlich schmerzlich ist.“

Über die Veröffentlichung der Stasi-Liste wurde nächtelang heiß diskutiert

Vier der Verschwörer saßen in den Evaluierungskommissionen, die Verstrickungen von Professoren, Uni-Mitarbeitern und Verwaltungsangestellten mit dem SED-Regime prüfen sollten. Dort stellten sie fest, wie dreist frühere Funktionäre über ihre Stasi-Mitarbeit logen. „Wir waren die Einzigen, die wussten, dass ihre Namen auf der Liste standen, während sie eifrig unterschrieben, dass sie nie was mit der Stasi zu tun hatten.“

Das war der Auslöser für die Veröffentlichung. Ein paar Nächte lang wurde heiß diskutiert, dann abgestimmt. „Es waren nicht alle dafür“, sagt Schlademann. Nachts wurden 32 Umschläge mit den Listen für Parteien, Organisationen und Medien in verschiedenen Briefkästen deponiert - und am 11. Juli 1992 war das Leak in der Welt.

Werner Meier war damals stellvertretender Redaktionsleiter von „Bild Halle“. Er druckte die Story, später die ganze Liste. „Wir hatten eine Auflage von 40.000. Nach der Liste dann 250.000.“ Man habe, sagte er damals, vor der Veröffentlichung eine Umfrage gemacht, wie die Leser wohl reagieren würden. „Wenn die alle gesagt hätten 'Hängt sie alle auf!', hätten wir es nicht gemacht.“

Die Daten-Diskette war unter einem Bierkrug versteckt

Die Liste wurde Stadtgespräch. Die Meinungen über die Aktion reichten von „Hexenjagd“ bis „Gut so, ich will doch wissen, wer mich verraten hat.“ Und die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Verfahren gegen unbekannt. Das aber blieb ergebnislos, denn die Drahtzieher konnten nicht ermittelt werden. Dabei, so feixt Waschitschka, grübelten alle Journalisten auch in ihrer Stammkneipe „Strieses Biertunnel“. Die war die inoffizielle Kommandozentrale der Verschwörer, und dort lagerte - unter einem Bierkrug - auch lange eine der Disketten mit den IM-Daten.

Die fünf der sieben Samurai stehen zu ihrer Tat von damals. „Wir hatten keinen Schiss“, sagt Thea Ilse. „Manchmal muss man eben Dinge tun.“ Waschitschka meint: „Ich würde es wieder machen.“ Schon damals, als er den ersten Brief einwarf, habe er gespürt: „Es ist richtig.“ Schlademann: „Für mich war es eine Frage der Moral.“

Sogar Rudenz Schramm, der damals selbst auf der Liste stand, sagt in der Doku: „Ich musste mich mit meinem Tun auseinandersetzen, und das war richtig.“ (tsch)