Es sind Schilderungen, die wie aus einem Horrorfilm anmuten. 2020 wendet sich Josephine R. aus Goslar mit erschreckenden Details an die Polizei. Seit ihrer Kindheit soll sie Opfer sexueller Gewalt geworden sein. Sie gibt an, von mehreren Menschen missbraucht und zur Prostitution gezwungen worden zu sein. Zunächst stehen ihr Ex-Mann Enrico R. und später auch ihre Mutter Ramona R. im Fokus der Ermittlungen. Doch dann weitet sich der Kreis der Beschuldigten immer weiter aus. Die Doku „Der Fall Josephine R. - eine Familie am Abgrund“ rollt den Fall nun erneut auf.
„Ab dem Frühjahr 2021 beginnt es völlig zu eskalieren, was Übergriffe auf Josephine angeht“, erinnert sich Gerichtsreporter Erik Westermann, der den Prozess jahrelang begleitete. Damals lernte Josephine bei einem Klinikaufenthalt 2020 ihre spätere Lebensgefährtin Miriam A. kennenlernt. „Seitdem ging es richtig bergab“, sagt auch Mutter Ramona. Miriam und Josephine ziehen nach der Zeit in der Klinik zusammen - doch plötzlich kommt es immer wieder zu brutalen Attacken auf Josephine.
„Meine Tochter und Miriam haben mich beschuldigt, diese Straftaten begangen zu haben“, erklärt Ramona. Sie soll gemeinsam mit Josephines Ex-Mann Enrico in die Wohnung eingedrungen sein und ihre Tochter dort überfallen haben. Ramona R. wird in der Folge zum ersten Mal festgenommen, nach drei Wochen jedoch wieder aus der Untersuchungshaft entlassen.
Josephine R. warf eigener Mutter versuchten Mord vor
Im Juli 2021 wird dann Miriam A. festgenommen, nachdem die Polizei sie in einem Van stoppt, in dem Josephine gefesselt auf der Ladefläche liegt. Miriam A. legt ein Geständnis ab und behauptet, Josephine gemeinsam mit ihrem Vater Erdal A. misshandelt und vergewaltigt zu haben. Zudem habe sie Josephine dazu genötigt, ihre Mutter und ihren Stiefvater zu beschuldigen. Miriam wird daraufhin zu sechs Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt.
Doch auch nach der Verhaftung Miriams findet die Familie keine Ruhe. Josephine kehrt zunächst in ihr Elternhaus zurück. Bis es am 28. Juli 2022 zur nächsten Festnahme kommt. Es trifft erneut Mutter Ramona und Josephines Stiefvater Thorsten. Sie sollen Josephine über Jahre sexuell missbraucht und an weitere Täter ausgeliefert haben.

Anwalt Volker Wulf kämpfte für Ramona R. gegen die schweren Anschuldigungen an. (Bild: NDR/ André Krüger)
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Am Tag der Festnahme sollen sie ihren Mord geplant haben, der als Selbstmord hätte getarnt werden sollen. Mutter Ramona R. berichtet, ihnen seien „Vergewaltigung in diversen Fällen, Körperverletzungen, Freiheitsberaubung und versuchter Mord“ vorgeworfen worden. „Weil sie ja behauptet hat, wir hätten ihr Tabletten eingeflößt und wir hätten sie damit umbringen wollen.“ Für die Mutter sei eine Welt zusammengebrochen: „Bei der ersten Verhaftung war es schon schlimm, aber die zweite Verhaftung hat alles getoppt.“ Sie sei sich vorgekommen „wie in einem falschen Film“: „Du sitzt nur noch in der Zelle und weinst die ganze Zeit, weil du kannst es einfach nicht begreifen“, berichtet sie.
Im Laufe der Ermittlungen kommen bei dem leitenden Kripobeamten Lutz Lucht und seinem Team jedoch zunehmend Zweifel an Josephines Schilderungen auf. So soll Josephine noch kurz vor der Festnahme ihrer Eltern liebevolle Chatnachrichten mit ihrer Mutter ausgetauscht haben. Diese Liebesbekundungen hätten nicht zu den Vorwürfen des Missbrauchs gepasst. Der Chatverlauf sei zudem kurz vor der Verhaftung von Josephines Handy gelöscht worden. „Das hat unser Misstrauen, was die Angaben von Josephine betrifft, nur noch genährt“, so Lucht.
Auch das Notebook, über das Josephine angeblich von ihrer Mutter im Internet anderen Menschen angeboten worden sein soll, sei lediglich von Josephine selbst benutzt worden. „Sodass für uns offenkundig war, dass Josephine diejenige war, die sich selbst in Foren eingestellt hat“, berichtet Lucht.
Mutter Ramona R.: „Wir wussten vom ersten Prozesstag an, wir haben keine Chance“
Für die Ermittler wird klar, dass Josephine falsche Aussagen getroffen haben könnte. Doch die Staatsanwaltschaft bleibt bei ihrem Kurs. „Wir wussten vom ersten Prozesstag an, wir haben keine Chance. Wir können hier machen, was wir wollen“, erinnert sich Ramona.
Sie sollte recht behalten: Im Juni 2023 verurteilt das Landgericht Braunschweig die Mutter zu 13 Jahren und sechs Monaten Haft sowie anschließender Sicherungsverwahrung. Stiefvater Thorsten erhält neun Jahre und sechs Monate Haft. Den entlastenden Hinweisen der Kripo wird dabei kaum Beachtung geschenkt.

Gerichtsreporter Erik Westermann begleitete den Fall Josephine R. von Anfang an. (Bild: NDR/ Christoph Rohrscheidt)
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Die Verteidigung setzt schließlich auf ihre allerletzte Chance und geht in Revision - mit Erfolg. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil aus Braunschweig. Es sei demnach nicht ausreichend geprüft worden, ob die Zeugin glaubwürdig sei. Josephine R. soll daraufhin auch ihre eigene Anwältin des Missbrauchs beschuldigt haben. „Diese ganze immer abstruser werdende Geschichte, die war dann so drüber, dass das halt kippte“, berichtet Erik Westermann. Der Prozess wird neu verhandelt.
Im September 2024 werden Ramona und Thorsten R. freigesprochen. Zu diesem Zeitpunkt haben sie insgesamt 684 Tage in Untersuchungshaft verbracht. „Die vorsitzende Richterin hat dann noch eine bemerkenswerte Aussage getroffen, dass sie sagte: Alle Vorwürfe gegen alle Beteiligten wurden zu Unrecht erhoben“, erzählt Lutz Lucht und erinnert sich: „Das war schon ein sehr bewegender Moment, als mir die Eltern von Josephine dankbar die Hand geschüttelt haben. Da wussten wir, das hat sich gelohnt.“
Miriam A. wird wegen ihrer Falschaussagen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Gegen Josephine R. wurde ebenfalls ermittelt, jedoch bislang keine Anklage erhoben. Ramona R. stellt klar: „Man wird immer Mutter bleiben. Ich wünsche ihr wirklich von Herzen, dass sie professionelle Hilfe kriegt. Aber das 'Warum?' wird immer offen bleiben.“
Die dreiteilige Doku „Der Fall Josephine R. - eine Familie am Abgrund“ ist in der ARD-Mediathek abrufbar und wird am Mittwoch, 28. Oktober um 22.50 Uhr im NDR Fernsehen ausgestrahlt. (tsch)
