„Kir Royal“ machte Franz Xaver Kroetz unverhofft zum Serienstar - dabei war das Theater eigentlich seine Welt. Jetzt wird der Baby-Schimmerlos-Darsteller von einst 80 - und hadert manchmal mit der Gesundheit und seinem wilden Ruf.
„Für mich war 'Kir Royal' ein Schicksal“So geht es Franz Xaver Kroetz mit 80

Kauziger Nachbar oder schlimmer Psychopath? Willy Kamrad (Franz Xaver Kroetz) gibt im ZDF-Thriller „Die Tote im Moorwald“ Rätsel auf. (Bild: ZDF / Christian Hartmann)
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Es dürfte auch außerhalb Bayerns nicht wenige Menschen geben, die auf Geheiß die schönsten Szenen aus Helmut Dietls Schickeria-Satire „Kir Royal“ mitsprechen können. 1986 brauste Franz Xaver Kroetz als Münchner Klatschreporter Baby Schimmerlos im weißen Porsche 911 in die Fernsehgeschichte. „Wer reinkommt, ist drin“ heißt die erste Folge dieses Serien-Geniestreichs. Für Kroetz und das Fernsehen galt der Merksatz aber nur bedingt.

Trio infernale des deutschen Serien-Fernsehens der 80er: Senta Berger, Franz Xaver Kroetz (Mitte) und Dieter Hildebrandt in „Kir Royal“. (Bild: BR / MDR)
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Vor heute 80 Jahren wurde Franz Xaver Kroetz als Sohn eines Steueramtmanns und einer österreichischen Mutter in München geboren. Die Wirtschaftsoberschule brach er mit 15 ab, die Schauspielschule später auch. Also fuhr er Lkws, schuftete in der Großmarkthalle und arbeitete - wenn auch kurz - als Pfleger in einer Nervenheilanstalt. Da war die Grundlage für ein lebenspralles Schaffen als Dramatiker und Autor gelegt. Fast 70 Stücke hat er nach eigener Zählung geschrieben, „wie am Fließband“, vorzugsweise Sozialkritisches im saftigen Dialektgewand.
Mit den einfachen Leuten kann sich Kroetz offenbar bis heute deutlich besser identifizieren als mit jenen der „besseren“ Gesellschaft. „Popularität ist mir wurscht“, beteuerte er vor einigen Jahren im Interview mit der Agentur teleschau. „Ich gehe ganz normal bei Edeka einkaufen. Ich will da nicht von den Leuten angestarrt werden.“
„Ich will nicht funktionieren. Mein Auto soll funktionieren, ich bin aber kein Auto.“

Kennt sich aus auf dem roten Teppich: Baby Schimmerlos (Franz-Xaver Kroetz) aus „Kir Royal“. (Bild: WDR)
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Eine Zeit lang war das anders. Ende der 80-er nämlich, als „Kir Royal“ nach etwas Anlaufzeit zur Kultserie reifte. Es habe drei, vier Jahre gegeben, „da konnte ich nicht alleine auf die Wiesn gehen - unmöglich“, erinnerte sich Kroetz im Gespräch. „Ich konnte auch nicht S-Bahn fahren, weil es immer einen gab, der durch den ganzen Wagen brüllte: 'Ja, des gibt's doch gar nicht, da steht der Baby!' Was soll man da machen, wenn man bis Pasing fährt? Ich hätte ihn höchstens niederschlagen können.“

Zwischen Vorstadt-Grantler und Robin Hood: Im Münchner „Tatort: Am Ende des Flurs“ legt sich Franz Xaver Kroetz mit windigen Baufinanzierern an. (Bild: BR / Stephen Power)
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Dass man die Niederschlagsandrohung nicht völlig rhetorisch versteht, sagt auch einiges aus über diesen bayerischen Charakterschädel - und darüber, dass er trotz des „Kir Royal“-Erfolgs hernach nicht allzu oft als Darsteller in Film und Fernsehen beschäftigt war. Er glaube, dass er in der Branche einen schlechten Ruf habe, sagte Kroetz im teleschau-Gespräch anlässlich seines Mitwirkens im ZDF-Thriller „Die Tote im Moorwald“ (2011): „Ich gelte als Troublemaker, als sperrig, als kompliziert. Mich tut man sich nur an, wenn's wirklich sein muss.“
Dabei empfinde er seinen schlechten Ruf „als völlig unberechtigt“. Er sei professionell. „Gut, ich bin auch a bissl cholerisch, ich krieg mal nen Wutanfall. Aber der geht auch wieder vorbei. Dafür bringe ich viel Authentizität und so weiter mit. Trotzdem steht mein Name in der Branche auf der roten Liste.“ Das sei wohl auch eine Generationenfrage, vermutete Kroetz: „Heute nimmt man Leute, die funktionieren. Ich will nicht funktionieren. Mein Auto soll funktionieren, ich bin aber kein Auto.“
Franz Xaver Kroetz hat eine enge Verbindung zu Ex-Frau Marie Theres Relin

In „Die Geschichte vom Brandner Kaspar“ spielten Franz Xaver Kroetz (links) und Michael Bully Herbig Seite an Seite. Im Dietl-Film „Zettl“ hat es nicht sollen sein. (Bild: Concorde)
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Funktioniert hat irgendwann auch das Theaterstückeschreiben nicht mehr. Eine Blockade beendete das Groß-Oeuvre des Volkstheater-Neuerers. Seither schreibt Kroetz Tagebuch und Gedichte, neulich dann aber doch noch mal überraschend eine neue Version des „Brandner Kaspar“ fürs Münchner Residenztheater.

Münchner Groß-Dramatiker mit TV-Legenden-Status: Franz Xaver Kroetz, hier bei einer Premiere 2008. (Bild: 2008 Getty Images/Getty Images)
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Wer Glück hat mit einer Interview-Anfrage, den empfängt Kroetz noch heute im Wintergarten seines Elternhauses im Münchner Stadtteil Obermenzing. Mit der Architektin Juliane lebt er schon seit knapp zehn Jahren nicht mehr zusammen (Kroetz zur „Bild“: „Wir haben uns im verflixten siebten Jahr freundschaftlich getrennt. Sie ist 30 Jahre jünger und da denkste halt: So ein alter Kerl neben mir im Bett ...“). Dafür ist die Beziehung mit Ex-Frau Marie Theres Relin offenbar ausgezeichnet. „Wir haben drei Kinder und eine Enkeltochter. Da gibt es schon eine Verbindung“, sagte Relin unlängst zur „SZ“.
Und wie geht es Franz Xaver Kroetz nun an seinem 80. Geburtstag? Ganz sicher kann man es nicht prognostizieren. „An manchen Tagen habe ich das Gefühl, es könnte zu Ende gehen“, sagte er neulich der „Süddeutschen“. „Wenn der Tod jetzt anklopfen würde und würde sagen, 'Franze, geh ma', dann tät ich sagen: 'Ja, gehen wir, ich bin heilfroh, dass du da bist.'“ An andere Tagen aber fühle er sich noch wie 50. „Dann würd' ich sagen: 'Du spinnst wohl, ich bleib' noch da.'“
Was einmal von ihm bleibt? Da hatte Kroetz schon vor Jahren im teleschau-Gespräch genaue Vorstellungen: „Ich bin relativ sicher, dass ein paar meiner Stücke noch recht lange gespielt werden. 50 bis 100 Jahre nach meinem Tod. Möglicherweise noch länger.“ Ansonsten bleibe natürlich „Kir Royal“: „Für Senta Berger war die Serie eine Arbeit von vielen. Für mich war sie ein Schicksal. Wenn man so wenig macht wie ich, fällt es negativ auf einen zurück, dass man nur mit dieser einen Rolle identifiziert wird.“
Das freilich sind Klagen auf Legenden-Niveau. (tsch)
